Wirtschaft : Türkei: Wirtschaftsminister Dervis ist isoliert

Thomas Seibert

Ein Vierteljahr nach seiner umjubelten Ankunft in Ankara ist der türkische Wirtschaftsminister Kemal Dervis zum einsamen Mann im Kabinett geworden. Fast in jeder Sitzung der Ministerrunde muss Dervis seine spendierfreudigen Kollegen daran erinnern, dass die Türkei dem Internationalen Währungsfonds (IWF) eiserne Ausgabendisziplin versprochen hat - und sich dafür Schimpftiraden von den beleidigten Koalitionspartnern anhören. Als Dervis sich diese Woche gezwungen sah, teure Getreide-Subventionen für die türkischen Bauern zu verhindern, gab es den bisher größten Krach im Kabinett. Dervis verließ die Sitzung. Der ehemalige Vize-Direktor der Weltbank in Washington war Ende Februar von Ministerpräsident Bülent Ecevit nach Ankara geholt worden, um die Türkei aus ihrer schweren Wirtschaftskrise zu führen.

Mit IWF und Weltbank handelte Dervis ein ehrgeiziges Reformprojekt aus und sicherte dem Land neue Kredite in Höhe von zehn Milliarden Dollar. Die waren der Regierung sehr willkommen - doch mit den schmerzhaften Reformen, die Bedingung für die neuen Hilfen waren, möchte niemand mehr etwas zu tun haben. Besonders die rechtsnationale Regierungspartei MHP beschwert sich regelmäßig, Dervis führe sich auf wie ein Vertreter des IWF. Das geschieht immer dann, wenn den MHP-Wählern - etwa den Bauern - Opfer abverlangt werden. Der Streit zwischen Dervis und dem MHP-Landwirtschaftsminister Gökalp um die Höhe der staatlich garantierten Abnahmepreise für Getreide in dieser Woche ließ die Istanbuler Börse innerhalb eines Tages um mehr als sechs Prozent abstürzen.

Privatisierungsminister Yalova von der konservativen ANAP setzte am Donnerstag noch eins drauf: Dass die Türkei in ihrem Schreiben an den IWF den 31. Mai als Stichtag für die Aufhebung des Tabakmonopols genannt hatte, sei ihm egal, sagte Yalova - und löste einen neuerlichen Kurssturz aus. Binnen einer Woche verlor die Börse nun rund 15 Prozent. "Die wollen mich mürbe machen", sagte Dervis über seine Kabinettskollegen. Schon einmal hatte der Wirtschaftsminister in den letzten Wochen damit gedroht, alles hinzuschmeißen: Das ist sein größter Trumpf - denn er weiß, dass sein Rücktritt eine neue Wirtschaftskrise auslösen würde, weil er allein beim Ausland, bei den Investoren und bei der Bevölkerung als Garant der Reformen gilt.

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