Wirtschaft : Türkische Unternehmer entdecken neue Branchen

202 000 Mitarbeiter in Deutschland / Schwerpunkt Gastronomie BONN (AFP).Die in Deutschland lebenden Türken betätigen sich als Unternehmer zunehmend nicht mehr nur in "traditionellen" Branchen wie etwa Döner-Imbißstuben und Reisebüros.Als Bestattungsunternehmer seien Türken in der Bundesrepublik inzwischen ebenso tätig wie etwa im Computerbereich, sagte der Leiter des Zentrums für Türkeistudien an der Universität Essen, Faruk Sen, am Donnerstag in Bonn vor Journalisten.Trotz des neuen Trends seien mit 21 Prozent aber nach wie vor die meisten türkischen Geschäftsleute in Deutschland in der Gastronomie tätig.Daneben gehörten Reiseunternehmen sowie Im- und Export-Geschäfte mit jeweils rund 17 Prozent zu den Schwerpunkten türkischer Unternehmertätigkeit in Deutschland. Allein im vergangenen Jahr stieg die Zahl der türkischen Selbständigen in der Bundesrepublik um rund 5000 auf 47 000.Wegen ihrer größeren Risikobereitschaft seien Türken eher zu einer Existenzgründung bereit als Deutsche, sagte Sen unter Berufung auf Forschungsergebnisse.Der höhere Wagemut führe allerdings auch zu vielen Konkursen: So sei bei jedem dritten türkische Betrieb ein Scheitern in den ersten zwölf Monaten zu erwarten.Insgesamt beschäftigten türkische Betriebe in Deutschland etwa 202 000 Mitarbeiter, davon rund 60 000 Deutsche.Das gesamte Investitionsvolumen türkischer Unternehmen in Deutschland belief sich Ende des vergangenen Jahres auf insgesamt 9,5 Mrd.DM.Das sind 600 Mill.DM mehr als noch im Vorjahr. Eine der Hauptursachen für den Drang in die Selbständigkeit sind nach Auffassung des Zentrums für Türkeistudien die Probleme vieler Türken auf dem deutschen Arbeitsmarkt.Die Arbeitslosigkeit sei unter der türkischen Bevölkerungsgruppe rund doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.Da zudem für die bereits in Deutschland geborenen Türkinnen und Türken eine Rückkehr in die Türkei meist nicht in Frage komme, sei vielfach der Schritt in die Selbständigkeit die einzige bleibende Perspektive. Unter dem Strich bleiben aber die Einkommen der Türken deutlich hinter denen der Deutschen zurück.Der Anteil der gut zwei Millionen Türken am deutschen Bruttosozialprodukt liege mit knapp zwei Prozent deutlich unter ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 2,5 Prozent. Bei ihren Geschäften hätten die Türken in Deutschland vielfach Schwierigkeiten mit den strengen deutschen Rechtsvorschriften, beklagte Sen.So würden etwa die meisten Türken gerne Ausbildungsplätze in ihren Unternehmen schaffen.Obwohl 81 Prozent der Firmen grundsätzlich die Voraussetzungen dafür erfüllen, bilden nur zehn Prozent der türkischen Betriebe tatsächlich aus.Der Wunsch nach Lehrlingen scheitere oft an Feinheiten in den Ausbildungsvorschriften, betonte der Geschäftsführer des Zentrums für Türkeiforschung, Andreas Goldberg: "Da muß man im Gastronomie-Bereich etwa flambieren - was in der Türkei niemand tut." Ein anderes Beispiel: Metzgerlehrlinge müssen in Deutschland mit Schweinefleisch arbeiten - was ein Moslem nicht darf."

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