Wirtschaft : Türkische Wertarbeit

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250 Menschen sind es noch, die heute bei Grundig in Nürnberg arbeiten. Auf dem Werksgelände, wo einst 40000 Menschen beschäftigt waren, wo in riesigen Hallen Fernsehgeräte, Videorekorder und Radios hergestellt wurden, ist es still geworden. Jetzt sitzen in Nürnberg nur noch der Vertrieb, das Marketing und eine kleine Entwicklungsabteilung. Denn die deutsche Traditionsmarke Grundig ist nicht mehr deutsch, vor einem Jahr haben sie der türkische Elektrokonzern Beko und das britische Unternehmen Alba für 80 Millionen Euro übernommen.

Die Geschichte von Grundig, das ist die Geschichte von einem deutschen Familienunternehmen, das zum Weltkonzern wurde, wieder zum Mittelständler schrumpfte und schließlich aufgekauft wurde. Eine Geschichte über das deutsche Wirtschaftswunder und unternehmerischen Mut, aber auch über Verlustgeschäfte und unternehmerische Selbstüberschätzung. Am Anfang von Max Grundigs KofferradioKönigreich stand der Heinzelmann, ein Radio, das er 1945 in seiner kleinen Fürther Werkstatt entwickelte. Später folgten das kleinste Taschenradio, die erste Unterwasserkamera, einer der ersten Farbfernseher. Max Grundig war einer, der in großen Dimensionen dachte und autokratisch herrschte. „Ich darf doch wohl in meinem Unternehmen arbeiten, wie ich es will“, soll einer seiner Lieblingssätze gewesen sein. Doch sein Weg führte letztendlich in die Krise.

In den 70er Jahren drängten die Japaner und Koreaner auf den europäischen Markt. Mit Fernsehern und Radios, die gut und billig waren. Zu lange hatte Grundig die Konkurrenz aus Fernost unterschätzt. Nun hatte er ihr nichts mehr entgegenzusetzen. Das System Video 2000, die „Antwort auf Japan“, wie er es nannte, hatte gegen die eingeführte VHS-Technik keine Chance. Die Produktion wurde eingestellt. Der Konzern schrieb erstmals rote Zahlen, Hunderte der 40000 Beschäftigten mussten gehen. Der Überlebenskampf in Nürnberg hatte begonnen: 1984 übernahm der Philips-Konzern die Unternehmensführung, 13 Jahre später stieg er wieder aus. Die Bilanz: 20000 Arbeitsplätze weniger und riesige Verluste. Ende 2000 sicherte sich der bayerische Unternehmer Anton Katrein die Mehrheit an Grundig. Wieder wurden Stellen gestrichen, die Fernsehproduktion nach Wien verlagert. 2003 meldete Grundig dann Insolvenz an.

Heute werden die Fernseher in der Türkei produziert. „Die Kosten in Westeuropa sind einfach zu hoch“, sagt der jetzige Geschäftsführer von Grundig in Deutschland, Hubert Roth. Dass längst nicht mehr Grundig draufsteht, wo Grundig drin ist, scheint die Kunden nicht zu stören: Noch immer ist die Marke 98 Prozent der Deutschen ein Begriff. „Grundig steht nach wie vor für das, was einst Made in Germany bedeutete“, sagt Roth. Und Grundig ist mittlerweile im deutschen Fernsehgeschäft bei Bildröhren sogar die Nummer zwei. „Uns geht es besser, seit vielen Jahren schreiben wir operativ wieder schwarze Zahlen“, sagt Roth. dro

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