Wirtschaft : Türkisches Traditionslokal, schlipsträgerkompatibel

Elisabeth Binder

Nürnberger Str. 46, 10789 Berlin-Wilmersdorf, Telefon: 217 77 74, geöffnet: täglich ab 12 Uhr, Kreditkarten Visa oder AmExElisabeth Binder

Es gibt Leute, die genau wissen, welche Küchenrichtung Berlin kennzeichnet. Gruseltypen winken mit Eisbein in der einen und Solei in der anderen Faust, die ökologisch Vorbildlichen lassen Körner rieseln und mampfen Spinatkuchen, es gibt da viele Konzepte... Hat man sich darauf geeinigt, türkisch essen zu gehen, muß man sich als nächstes über das favorisierte Ambiente klar werden. Mein Begleiter, wenn er die Reise aus Blankenese hinter sich hat, ist immer für vornehm und gediegen. Die Richtung ist ihm dann fast egal.

Das Hasir gehört zu den älteren türkischen Lokalen der Stadt, und von außen wirkt es in seiner Ecklage ein wenig unscheinbar, der benachbarte Döner Imbiß mit Hinweis-Schild weckt falsche Assoziationen. Die lösen sich rasch auf, wenn man eintritt. Ein großer Gemüsekorb, ein Teezubereiter deuten Folklore an. Geschäftige Kellner mit langen weißen Schürzen vergeben die offensichtlich begehrten stoffgedeckten Tische. Um die sammelt sich ein ziemlich schickes Publikum, wenn man die vergleichsweise große Zahl der Krawattenträger als Indiz nehmen will.

Wir begannen ganz untürkisch mit Kir Royal und Campari Soda. Aber im Verlauf des Mahles hielten wir uns an einheimische Gewächse, an den guten, alten Villa Doluca (29 DM). Es werden auch italienische Weine angeboten, aber deren Konsum wird offenbar mit einem kleinen Extraaufschlag geahndet. Außerdem haben die Türken an ihren Weinen in den letzten Jahren gearbeitet. Zu einem schönen scharfen Essen sind sie ganz gut trinkbar. Zwei kleine, frischgebackene Brotfladen vorab und dann die Vorspeisen. Am besten schmeckte uns Haydari, ein mit vielerlei Gewürzen angereicherter Quark, ein echtes Feuerwerk für die Geschmacksnerven (8 DM). Etwas einfältiger, aber dafür sehr scharf schmeckte Cacik, ein kalter Gurken-Knoblauch-Joghurt (6 DM). Schwerer und nicht ganz so würzig war das Kichererbsenpüree - betropft mit Öl (8 DM).

Beyti, der Hackfleischspieß, war teils von langen, gebratenen Pepperoni bedeckt und teils von hauchdünn gebackenen Brotecken. Besonderer Kick: die frischen, dicken Rettichscheiben, die dazu gehörten. Auch sonst war das einwandfrei zubereitet (19,50 DM). Dazu gab es köstliche, würfelige Röstkartoffeln, tomatisierten Reis und einige Gemüseteilchen (20,50 DM). Außerdem bekamen wir Grilltomaten und Salat dazu. Die Dessertkarte enthält die üblichen Blätterteigteilchen, auch Milchpudding, aber nichts ernsthaft Verführerisches. Der Service hielt sein freundlich-distanziertes professionelles Tempo den Abend über durch. Dies gehört ins Poesiealbum eines jeden Gastronomen: Restaurants unterscheiden sich natürlich in ihren Geschmacksrichtungen und der Herkunft ihrer Betreiber. Für den Wohlfühl-Faktor letztlich viel wichtiger ist die Einstellung, die dahinter steckt. Hier stimmte sie.

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