Wirtschaft : Twipsy ist kein Köder für den Mittelstand

GEORG WEISHAUPT/ PETER BRORS (HB)

DÜSSELDORF / HANNOVER . Twipsy ist ein schriller Typ: Eine Mischung aus Mensch und Tier mit grüner Knollennase, oranger Riesenhand und dünnen Beinen, die in einem Damen- und einem Herrenschuh stecken. Thomas Borcholte ist von dem skurrilen Wesen derart begeistert, daß es als großes Poster in seinem Büro hängt. Ihm bleibt in seiner Position auch gar nichts anderes übrig: Borcholte ist Marketingchef der Weltausstellung in Hannover und verspricht: "Twipsy wird zu einem tollen Werbeträger für die Expo 2000."Mit der komischen Figur als Maskottchen will der Verkaufschef vor allem kleinere Firmen für die Weltausstellung gewinnen. Er will damit dem Vorwurf begegnen, das Spektakel werde wohl weitgehend unter Ausschluß des Mittelstands stattfinden. Schon sprechen kritische Beobachter davon, daß sich die Mega-Show der deutschen Wirtschaft zu einem Event der Großkonzerne entwickelt.Tatsächlich ist es der Expo-Führung bislang kaum gelungen, mittelständische Unternehmer auf breiter Basis als Vertragspartner zu gewinnen. Ob als Lizenznehmer, Aussteller oder Lieferant - für den Mittelstand ist nach Meinung zahlreicher Experten eine Expo-Beteiligung einfach zu teuer, zu wenig effizient und zu arbeitsintensiv in der Vorbereitung.Das hat offenbar auch Borcholte erkannt. Und so wird der Marketingchef nicht müde, immer wieder die guten Geschäftsaussichten in Zusammenhang mit seinem Maskottchen zu preisen. "Gerade auch kleinere Firmen haben als Lizenznehmer die Gelegenheit, Twipsy auf ihren Produkten zu vermarkten und so am Expo-Geschäft teilzuhaben." Doch alles Werben für Twipsy hilft bislang wenig: Knapp elf Monate vor dem Start der Weltausstellung hat Borcholte erst gut zwei Dutzend Firmen gewonnen, wie etwa den Taschenhersteller Bree, die Twipsy auf ihre Produkte pappen wollen.Noch schlechter stehen die Chancen für die Expo-Macher, den Mittelstand als Ausrüster oder Lieferant zu ködern. Nur wenige Firmen, genaue Zahlen werden von der Expo-Gesellschaft nicht genannt, sind bisher bereit gewesen, einen Vertrag zu unterschreiben. Denn Lizenzen und Konzessionen haben ihren Preis. Den Titel "Ausrüster" beziehungsweise "Lieferant der Expo 2000" läßt sich die Gesellschaft mit 50 000 DM teuer bezahlen. Außerdem ist sie mit einem frei aushandelbaren Anteil am Umsatz beteiligt.Wird die Expo so zur mittelstandsfreien Zone? Borcholte bemüht sich, genau dieses Desaster zu verhindern - nicht nur, weil die Weltöffentlichkeit ein schiefes Bild von der deutschen Wirtschaft erhalten könnte, die zu über 90 Prozent mittelständisch strukturiert ist. Der Marketingmann braucht auch Geld, viel Geld. Zum Beispiel für den Themenpark. "Uns fehlen noch 40 Mill. DM für die Finanzierung des Projekts", lautet seine Zwischenbilanz. Das Finanzierungsloch soll auch aus den Kassen der Mittelständler gefüllt werden.Um das zu erreichen, setzt Expo-Chefin Birgit Breuel alle Hebel in Bewegung. Gemeinsam mit dem DIHT-Präsidenten Hans Peter Stihl trommelte sie kürzlich in Bonn für ihre Mittelstandskampagne namens "Forum der Innovationen" - bereits der zweite Versuch, den Mittelstand als Aussteller für die Expo gezielt zu begeistern. Den ersten iniziierten Breuel und Co. Ende 1997, als sie das Mittelstandskonzept "Beteiligungsmöglichkeiten für die mittelständische Wirtschaft" auflegten.Immerhin: Mit der neuen Aktion sinkt der Preis für einen Auftritt als Aussteller im Themenpark von üppigen 400 000 DM als Mindestbetrag auf 50 000 DM. Dafür erhält die Firma eine Mini-Präsentation auf einer Fläche von fünf Quadratmetern in einer der elf Ausstellungen des Themenparks, der unter dem Motto "Mensch, Natur, Technik" läuft.Ob die neue Kampagne den zögernden Mittelstand doch nach Hannover locken kann, ist indes noch völlig offen. Zwar hat Marketingchef Borcholte 3500 Briefe an potentielle Expo-Kandidaten im ganzen Land verschickt. Viele Firmen dürften ihm jedoch eine Absage erteilen, weil die Breuel-Initiative für sie wenig Sinn macht. "Das wäre genauso, als wenn es ein Forum Mittelstand bei den Olympischen Spielen geben würde", sagt Karl Eberhard Hunke von der Werbeagentur Hellmann & Hunke in Hannover, die Aussteller bei ihrem Expo-Auftritt berät. Die Expo sei nun einmal "keine Fachmesse, sondern eine große Infotainment-Party". Sie sei hauptsächlich für einen Markenartikler interessant, weil er dort seine Endverbraucher besser erreiche, merkt Hunke an.Auch Borcholte sieht die Schwierigkeiten. "Bei unserer Akquisition im Mittelstand stehen wir in Konkurrenz zu den Fachmessen", räumt er ein. Die Unternehmen müssen ihre jährlichen Ausstellungsetats scharf kalkulieren. Im Zweifelsfall entscheiden sie sich für den Messeauftritt, bei dem sie genau ihr Fachpublikum erreichen, und gegen die Expo-Teilnahme, wo sie sich vor allem mit Schülern und Studenten auseinandersetzen müssen, die sich weniger für die Produkte als vielmehr für die bunte Show interessieren werden.

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