Udo Bekker : "Die Bewag war am großzügigsten"

Udo Bekker, Personalchef des Energieversorgers, spricht mit dem Tagesspiegel über geerbte Tarifstrukturen und Ausgliederungen.

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Der Jurist Udo Bekker ist Personalchef der Vattenfall Europe AG. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Bekker, hatten Sie Verständnis für die Demonstranten vor der schwedischen Botschaft?



Begrenzt. Ich kann verstehen, dass die Themen, um die es geht, von den Gewerkschaften sehr kritisch gesehen werden und der Ort gewählt wurde, weil der schwedische Staat unser Eigentümer ist. Und dass hier in Berlin, am früheren Sitz der Bewag, die Resonanz auf den Protestaufruf der Gewerkschaften besonders groß war, ist auch verständlich. Auf der anderen Seite ist der schwedische Staat nicht der Verhandlungspartner. Wichtig ist auch zu wissen, dass betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2012 ausgeschlossen sind.

Die Gewerkschaften werfen den Schweden vor, deutsches Arbeits- und Tarifrecht brechen zu wollen.

Das stimmt nicht. Wir bieten Verhandlungen zu schwierigen Themen an. Den Prozess dazu haben wir schon im vergangenen Juni gestartet. Dass man sich darüber jetzt öffentlich empört, ist schon erstaunlich.

Vielleicht hängt das mit dem Gewinn der Vattenfall Europe zusammen, der nach Verdi-Angaben im vergangenen Jahr bei 1,8 Milliarden Euro und damit auf Rekordniveau lag.

Es ist richtig, dass wir im vergangenen Jahr trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation gut verdient haben. Auch wenn noch nicht ganz klar ist, wie die genaue Höhe des Gewinns in 2009 ausfallen wird. Richtig ist aber auch, dass unsere Ergebnisse seit 2007 rückläufig sind und in den kommenden Jahren noch deutlicher unter Druck geraten werden. Davor können wir die Augen nicht verschließen, denn wir tragen eine Verantwortung für alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und nicht nur für einzelne Einheiten.

Warum sind die Berliner Vattenfall-Beschäftigten besonders betroffen?

Die Vergütungsstruktur war zum Zeitpunkt der Fusion der vier Gründungsunternehmen zu Vattenfall Europe in Berlin am großzügigsten. Deshalb ist die Betroffenheit auch hier am größten.

Wie groß ist der Unterschied?

Im Vergleich zum Konzerntarifvertrag, der seit 2007 gilt, bekommen die früheren Hamburger HEW-Mitarbeiter rund 2000 Euro im Jahr mehr und die ehemaligen Bewag-Mitarbeiter rund 7500 Euro mehr.

Wer also in Berlin in den vergangenen drei Jahren von Vattenfall eingestellt wurde und nach Konzerntarif bezahlt wird, bekommt rund 7500 Euro weniger als die ehemaligen Bewag-Kollegen?

Ja, denn für die früheren Mitarbeiter gibt es Überleitungsregelungen, die das gewohnte Gehalt gewährleisten. Und das betrifft in Berlin rund 4200 Mitarbeiter.

Und was soll mit denen passieren?

Das Einkommen soll nicht radikal gekürzt werden. Wir könnten künftige Tariferhöhungen mit den alten Tarifbestandteilen verrechnen oder einen Teil in einer Summe einmalig ausgleichen. Auch eine Umwandlung in Zeit für ein Langzeitkonto ist ebenso denkbar wie ein zusätzlicher Beitrag zur betrieblichen Altersvorsorge.

Nehmen wir die Gesellschaft für Kundenservice mit rund 750 Mitarbeitern, davon 530 in Berlin. Denen wollen Sie gut ein Drittel des Geldes wegnehmen.

Wir vergleichen unsere Gesellschaft mit anderen Anbietern, die bis zu 50 Prozent günstiger sind. Diesen Abstand können wir verkürzen, wenn wir die Regelungen unseres Konzerntarifvertrags voll ausschöpfen.

Und wenn sich Verdi nicht bewegt, verkaufen Sie den Kundenservice?

Theoretisch könnten wir die Gesellschaft verkaufen und die Dienstleistung am Markt einkaufen. Aber das ist nur die zweitbeste Lösung. Wir wollen uns einigen und die Gesellschaft in der Tarifgemeinschaft behalten.

Es ist immer problematisch, Mitarbeitern in die Tasche zu greifen.

Das ist uns natürlich bewusst. Deshalb wollen wir ja auch im Gegenzug über eine nachhaltige Beschäftigungssicherung reden und über eine Fortführung unsere Ausbildung auf hohem Niveau auch über das Jahr 2012 hinaus, in dem der Ausbildungstarifvertrag endet.

Die Gewerkschaften argumentieren, dass von den 180 Millionen Euro bereits knapp 110 Millionen Euro durch Altersteilzeit verabredet sind.

Wir können mit Altersteilzeit viel erreichen. Und darüber hinaus müssen wir bei den strukturellen Kosten, also den teuren Überleitungsregelungen, ebenfalls etwas erreichen.

Dann müssen Sie also noch rund 70 Millionen Euro hereinholen?

Ja, so viel entfällt etwa auf die tariflichen Themen. Rund 30 Millionen beziehen sich auf die alten Tarifregelungen der Bewag.

Trotzdem wollen Sie den Leuten ans Geld. Und die sind oft schon frustriert wegen der ständigen Veränderungen und dem sukzessiven Personalabbau.

Seit 2002 haben wir in der Tat einen Umstrukturierungsprozess mit diversen Veränderungen. Vor allem den Hamburger und Berliner Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat das viel abverlangt. Auf der anderen Seite verändert sich die Energiebranche massiv. Darauf müssen wir uns einstellen – auch um dauerhaft sichere Arbeitsplätze bieten zu können.

Wie geht es jetzt weiter, nach der gestrigen Demo?

Heute trifft sich die gemeinsame Tarifkommission der Gewerkschaften, um das weitere Vorgehen zu beraten. Ich hoffe dann auf Verhandlungen. Wenn es dazu nicht kommt, werden wir einseitige Maßnahmen einleiten müssen, wie zum Beispiel konzerninterne Ausgliederungen. Das würde dann mehrere hundert Mitarbeiter betreffen. Unser Ziel ist es aber weiterhin, konstruktive Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern zu führen.

Das Interview führte Alfons Frese

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