Wirtschaft : Udo Heiland

(Geb. 1942)||Für Lindenberg und gegen Halleluja. Wilde Zeiten, stille Zeiten.

Thilo Schmidt

Für Lindenberg und gegen Halleluja. Wilde Zeiten, stille Zeiten. Ihm verdankt Udo Lindenberg seinen Auftritt im Palast der Republik. Wenn er später davon erzählte, überschlug sich seine Stimme fast, die hohe, heisere Stimme, die den ausschweifenden Lebensstil erahnen ließ. Udo Heiland war Produktionsleiter eines Films mit Lindenberg. Der klagte in einer Drehpause, dass er nach dem „Sonderzug nach Pankow“ seinen DDR-Auftritt wohl vergessen konnte. Da sagte Udo Heiland: „Ich bring’ dich rüber.“ Es gab da einen Verbindungsmann in West-Berlin mit dubiosen, aber brauchbaren Drähten in den Osten, bis ins Staatsratsgebäude. Mit dem zusammen tippte Udo Heiland im Interconti den Brief an den „Herrn Staatsratsvorsitzenden“ in die Reiseschreibmaschine. Während die Ghostwriter um jede Silbe rangen, beobachtete der offizielle Absender Lindenberg das Geschehen träge vom Sofa.

Ein paar Monate später, 1983 war das, stand Udo Lindenberg im Palast der Republik. Davor, auf dem Marx-Engels Platz, warteten tausende Fans, Jeansjackenträger ohne FDJ-Hemd und ohne Eintrittskarte. Udo Heiland öffnete kurzentschlossen den Notausgang und führte Lindenberg zu den johlenden Fans. Die nahmen ihren Udo auf die Schultern, die Bilder gingen um die Welt. Die Situation, so hielt die Stasi fest, drohte, „außer Kontrolle zu geraten“.

Als Totalverweigerer kam Udo Heiland nach Berlin und fing ein Studium an, das er nie zu Ende brachte. Kurz nach der Hochzeit wurde sein Sohn Boris geboren. „Von nun an“, sagt der in seiner Grabrede, „übernahm er die Verantwortung für seine Familie und kämpfte für Friede, Freiheit und ein neues Deutschland“. Im Klartext heißt das: Er nahm den Kleinen auf die Schulter und ließ ihn „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ und „Che Guevara“ rufen. Dann kam die große Befreiung, in der Liebe, im Genuss, im Rausch, dann kam die Scheidung.

Die Siebziger verbrachte Udo Heiland in München, entwickelte dort mit Dietmar Schönherr „Je später der Abend“, die erste deutsche Talkshow und „Wünsch Dir was“. Und hoch die Tassen. Gefeiert wurde praktisch immer. Schönherr ist Dauergast bei den Heilands. Später auch Janosch, der Kinderbuchautor. Und, und, und. Sohn Boris erinnert sich dunkel an die Geschichte mit den Weihnachtsbäumen, die sie volltrunken klauen wollten, der Vater, zusammen mit – wer war das gleich, Henryk M. Broder? – irgendeiner aus dem Freundeskreis eben. Beim Klettern über den Zaun ging Heilands 300 Mark teure Hornbrille zu Bruch. Ein schlecht kalkuliertes Geschäft also, ganz untypisch für Udo Heiland.

Als Produktions- und Herstellungsleiter für Film und Fernsehen lief zunächst alles nach Plan, manches über den Plan hinaus. Er hielt Zusagen und Kalkulationen ein, wenn auch oft auf Kosten des Teams. Wer nicht tut, was Heiland will, fliegt raus. Er wollte geliebt werden, sagt sein Sohn, er wollte aber auch gehasst werden. Dazwischen gab es nichts. Vieles klärten die Richter. Eine Gerichtsakte trägt den Namen „Heiland gegen Halleluja“. „Halleluja-Film“ ging wenig später pleite.

Ausgeglichen war dieses Leben nicht, gesund auch nicht. Gefeiert wurde auch nach dem ersten Herzinfarkt und nach dem zweiten Herzinfarkt, mit Diabetes und mit Prostata-Krebs. Im Café Florian stand in den Achtzigern die Charlottenburger Kulturboheme in drei Reihen vorm Tresen und Udo Heiland mittendrin.

Aber die Krankheiten hinterlassen ihre Spuren an dem kleinen stämmigen Mann. Die Füße schmerzen, er verlässt zuletzt kaum noch das Haus. Ihn verlässt das Glück. Die kleinen Augen schauen müde aus dem runden Mondgesicht. In den letzten Jahren nehmen nur noch selten Geschäftspartner an seinem langen Eichenholztisch Platz. Die Geschäfte laufen nicht mehr, Heiland macht Schulden. Schulden hat er schon immer gemacht, da mussten Freunde aushelfen, weil er dem kleinen Boris die versprochene Griechenlandreise nicht vorenthalten wollte. Jetzt aber kann er nichts mehr zurückzahlen. Zuletzt ist Udo Heiland ein Hartz-IV-Fall. Noch wenige Monate und er hätte seine Wohnung verloren. Der Tod kam dazwischen.

„Du wirst uns fehlen, Kleener“, sagt der Sohn zum Vater am anonymen Urnengrab. Sein Enkelkind, das wenige Monate später geboren wird und auf das er sich so sehr gefreut hatte, lernt er nicht mehr kennen.

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