Udo Ungeheuer, Vorstand Schott AG : "Amerika nutzt die Krise"

Schott-Chef Udo Ungeheuer über die Energiewende in den USA, den verpatzten Börsengang und Solarstrom aus der Wüste.

Ungeheuer
Schott-Chef Udo Ungeheuer. -Foto: ddp

Herr Ungeheuer, selten war sich die Solarbranche so unsicher über ihre Aussichten wie in diesem Frühjahr. Wie sonnig wird das Jahr 2009 für die Hersteller?



Wir sind trotz der Wirtschaftskrise sehr optimistisch. Nach einem Rekordergebnis im abgelaufenen Geschäftsjahr rechnen wir für unsere Solarsparte auch in diesem Jahr mit deutlichem Wachstum. Unsere Fertigungskapazitäten für solarthermische Absorberrohre werden sich bis zum Frühjahr vervierfacht haben, verglichen mit dem Stand von 2006. Wir gehen davon aus, dass auch der deutsche Solarmarkt in diesem Jahr wachsen wird, wenn auch schwächer als angenommen.

Viele Firmen hoffen vor allem auf die staatliche Förderung der erneuerbaren Energien in den USA. Wird die US-Regierung deutsche Firmen daran teilhaben lassen?

Angesichts des starken Engagements deutscher Unternehmen in Amerika haben die USA gar keine andere Chance. Protektionismus wäre ein Eigentor, das ist auch Barack Obama inzwischen bewusst. Auf seiner Tour vier Wochen vor den Wahlen war Obama mehr als einen halben Tag lang in unserem US-Werk in Duryea, um sich die Fertigung von optischen Spezialgläsern anzuschauen. Wir haben uns sehr lange unter sechs Augen unterhalten. Obama war sehr überrascht, dass ein deutsches Unternehmen wie Schott in den USA eine so große Rolle spielt.

Kann die deutsche Solarbranche also auf einen Boom in den USA hoffen?

Das gerade verabschiedete US-Konjunkturpaket zeigt: Amerika ergreift die Chance, die Wirtschaftskrise für eine Energiewende zu nutzen, unter anderem mit Solarprogrammen für öffentliche Gebäude, günstigen Staatskrediten für Investoren und mit einem dreißigprozentigen Steuervorteil für Produktionsstätten und für neue Jobs. Solarhersteller, die in den USA vertreten sind, werden davon spätestens Ende des Jahres profitieren. Wir werden im Mai eine große, einzigartige Fabrik für Fotovoltaik-Module und Solarthermie-Receiver in New Mexico eröffnen. Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein.

Warum ist eines Ihrer wichtigsten Projekte, der Gang an die Börse, im vergangenen Herbst gescheitert?

Das war ein Ding! Wir hatten treffsicher genau jene Woche erwischt, in der montags Lehman Brothers pleiteging, dienstags der Versicherungskonzern AIG strauchelte und donnerstags Morgan Stanley. Wären wir zwei Wochen schneller gewesen, dann hätten wir noch circa 600 Millionen Euro erzielt und wären wahrscheinlich der Börsengang des Jahres geworden.

Wann werden Sie die verpasste Gelegenheit nachholen?

Im derzeitigen Finanzmarkt- und Konjunkturumfeld ist ein Börsengang nicht durchführbar. Das Thema ist für uns aber nicht erledigt. Wir warten, bis sich wieder ein Fenster an der Börse öffnet. Das wird mit Sicherheit geschehen – fragen Sie mich nur nicht nach dem genauen Zeitpunkt. Es wird vermutlich mehrere Jahre dauern. Zum Glück sind wir nicht auf einen schnellen Börsengang angewiesen, um unser Solargeschäft auszubauen.

Immerhin hatten Sie angekündigt, mit dem Geld aus dem Börsengang das Wachstum des Unternehmens vorantreiben zu wollen. Durchkreuzt das Börsendebakel jetzt nicht Ihre ambitionierten Pläne?

Schott ist ein kerngesunder Konzern, der sein Eigenkapital im vergangenen Geschäftsjahr von 31 Prozent auf 36 Prozent steigern konnte. Zudem sind wir nach der Absage des Börsengangs zu unserer Überraschung überschüttet worden mit Anfragen von Investoren aller Art, die sich bei Schott engagieren wollen. Aber auch darauf sind wir nicht angewiesen. Infrage kommt für uns nur ein Geldgeber, der uns weltweit strategische Perspektiven eröffnen kann. Und da gibt es sehr konkrete Gespräche.

Sie unterstützen die Desertec-Stiftung, die zum Ziel hat, Europa mit Strom aus solarthermischen Kraftwerken in Afrika zu versorgen. Die Idee hat kürzlich den „Utopia Award“ gewonnen. Aber wie realitätstauglich ist sie?

Das Konzept ist nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern auch praktisch umsetzbar. Solarthermie-Kraftwerke im Sonnengürtel der Welt könnten die meisten Staaten rund um den Globus zu einem beträchtlichen Anteil mit sauberem Strom versorgen. Die Technik ist in den USA seit über 20 Jahren erprobt. Für die Staaten in Nordafrika und im Nahen Osten bieten sich enorme nachhaltige Entwicklungschancen. Europa hat die Gelegenheit, in Kooperation mit dem Süden seine Energiesicherheit zu erhöhen und die Energiewende voranzutreiben.

Das klingt nach einer Vision.

Über die visionäre Phase sind wir längst hinaus. Derzeit beginnt Schott Solar mit der Auslieferung von Receivern für Solarthermie-Kraftwerke in Spanien, Nordafrika und in den USA. Damit sind wir als Weltmarktführer für Solarreceiver bereits in allen Märkten vertreten, in denen die Solarthermie mittelfristig eine große Rolle spielen wird. Auch auf politischer Ebene in der EU wird der Solarplan für den Mittelmeerraum ernsthaft diskutiert. Wir müssen jetzt aktiv auf die Mittelmeer-Staaten zugehen. Hier könnte vonseiten der deutschen Politik und der Wirtschaft mehr passieren.

Zum Beispiel?

Wir müssen den Transport der Energie nach Europa bewerkstelligen, dafür müssen Leitungen durch das Mittelmeer und auf dem Festland verlegt werden – technisch kein Problem. Sogar wirtschaftlich rechnet sich das, denn mit der etablierten Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung gehen auf 1000 Kilometern nur drei bis fünf Prozent des Stroms verloren. Würden die europäischen Regierungen jetzt nur einen Bruchteil ihrer Konjunkturprogramme in den europäischen Netzausbau stecken, brächte das den Zukunftsenergien einen gewaltigen Schub. Aber es mangelt an politischem Willen, entsprechende Stromtrassen über nationale Grenzen hinweg durchzubringen.

Wann wird Solarstrom günstiger?

Die Kosten für Solaranlagen werden in den nächsten fünf Jahren um 45 Prozent sinken, weil sich die gesetzlichen Einspeisevergütungen für Sonnenstrom jährlich im Durchschnitt um neun Prozent verringern. Wir gehen daher davon aus, dass Solarstrom bis 2015 an der Steckdose genauso viel kosten wird wie konventionell erzeugter Strom.

Das Gespräch führte Andreas Menn.

UNTERNEHMER

Udo Ungeheuer (58) ist seit 2004 Vorstandschef der Schott AG. Die Schott Solar, ein Tochterunternehmen des Mainzer Spezialglasherstellers, ist einer der größten deutschen Produzenten von Fotovoltaik-Komponenten. Bei der Produktion von Receivern für Parabolrinnenkraftwerke ist Schott Marktführer.

PRODUKT

Parabolrinnenkraftwerke bündeln Sonnenlicht mit Spiegeln auf ein Absorberrohr (Receiver). Darin erhitzt sich ein zirkulierendes Wärmeleiteröl, das über einen Wärmetauscher Dampf erzeugt. Der Dampf treibt Elektroturbinen an, und die erzeugen Strom.

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