Wirtschaft : Über dem Durchschnitt

Den Unternehmen in Berlin geht es gut wie selten. Doch die Strukturprobleme in der Hauptstadt sind hartnäckig.

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Brückenschlag. Das Berliner Baugewerbe kann sich über zu wenig Aufträge kaum beschweren.
Brückenschlag. Das Berliner Baugewerbe kann sich über zu wenig Aufträge kaum beschweren.Foto: dapd

Berlin – Jan Eder spricht gern in Bildern. „Der Berliner Zug fährt ungebremst“, umschrieb der Hauptgeschäftsführer der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) am Dienstag die Konjunkturlage in der Hauptstadt. Unter „ungebremst“ versteht er, dass die Berliner Wirtschaft im laufenden Jahr um rund ein Prozent wachsen könnte. Das wäre mehr als im Bundesdurchschnitt, den Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) kürzlich mit 0,7 Prozent vorhersagte. Was Eder so optimistisch stimmt, sind die Ergebnisse des jüngsten Konjunkturreports Berlin-Brandenburg, für den die Industrie- und Handelskammern aus Berlin, Potsdam, Cottbus und Ostbrandenburg 1500 Unternehmen nach ihrer Situation und ihren Erwartungen für 2012 befragt haben.

Das Konjunkturklima in der Hauptstadtregion beurteilen die Unternehmen fast so positiv wie 2007, vor Beginn der Wirtschaftskrise. Der Index stieg im Vergleich zum Frühjahr 2011 um einen Punkt auf 123. 92 Prozent schätzen ihre Lage als gut oder befriedigend ein. Besonders gut geht es demnach derzeit dem Berliner Dienstleistungssektor. In der Industrie sei die Lage trotz der jüngsten Negativentwicklung wie etwa beim insolventen Berliner Solarunternehmen Solon so gut wie seit Jahresbeginn 2008 nicht. Auf den „kräftig an Dynamik“ gewinnenden Immobilienmarkt führt die IHK die „deutlich“ belebten Geschäfte im Baugewerbe zurück.

So viel Optimismus freute auch Berlins Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz (parteilos). „Die positive Stimmung in der Wirtschaft bekräftigt unsere Prognose für 2012, dass die Hauptstadt das dritte Jahr in Folge zulegen kann.“

In den Jubel mischt sich bei genauerer Betrachtung aber auch Skepsis. „Die Unternehmen machen beste Geschäfte, sind aber nicht bester Stimmung“, bemängelte Eder. So spreche eine positive Lohn- und Beschäftigungsentwicklung grundsätzlich für ein sich aufhellendes Konsumklima. Dennoch gehe die Mehrheit der Händler lediglich von einer stabilen Geschäftslage aus.

Dass die Erwartungen auch in den übrigen Branchen eher verhalten sind, führt die IHK auf die Sorge der Unternehmen vor einem Abschwung in Europa aufgrund der Schuldenkrise zurück. Investitionen würden deshalb zurückgefahren, in Brandenburg allerdings stärker als in Berlin. Trotz der Risiken im Euro-Raum erwarten die Unternehmen in der Region offenbar keinen Absturz bei den Exporten. Allerdings gibt es in diesem Bereich ohnehin Nachholbedarf. „In Berlin liegt die Exportquote der Unternehmen in etwa auf Bundesniveau, in Brandenburg aber deutlich darunter“, sagte Jens Krause von der IHK Potsdam.

Um strukturelle und konjunkturelle Schwächen besser zu bekämpfen, machten sich alle vier Kammerchefs erneut für eine Länderfusion von Berlin und Brandenburg stark. „Wenn man das Thema Schulden betrachtet, kann man diese Lösung nicht ausklammern“, betonte Eder. „Berlin ist auf Bundesebene das, was Griechenland in der Euro-Zone ist.“ Eine Länderfusion könne die wirtschaftliche Aufholjagd beschleunigen. „Was möglich ist, wenn man sich zusammentut, zeigt sich in der Region um den neuen Flughafen BER deutlich.“ Eder übte scharfe Kritik an der Haltung der Politiker in Brandenburg. „Sie haben Sorge um ihre Posten. Ein anderes Argument gegen eine Länderfusion kann ich nicht erkennen.“

Berlins Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) hatte den Dauerstreit zuletzt neu belebt, als er hohe Einsparungen als Grund für einen Zusammenschluss nannte. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) lehnte ab. Seine Regierung habe bereits drei Haushalte ohne neue Schulden erreicht.

Doch weder eine Länderfusion noch die gute Stimmung werden die Probleme der Berliner Wirtschaft rasch lösen. Zwar geht die IHK davon aus, dass sich der Beschäftigungsaufbau fortsetzt. „Wir werden jedoch keinen spürbaren Fortschritt beim Abbau der strukturellen Arbeitslosigkeit erreichen“, räumte Eder ein. Es zeichne sich zwar ab, dass in Berlin zunehmend Menschen in Berufen mit hoher Qualifikation zum Beispiel im Technologiesektor ausgebildet würden. Bis die Arbeitslosenquote von derzeit mehr als zwölf Prozent im Bereich des Bundesdurchschnitts liege, würden sicherlich noch zehn Jahre vergehen. Der Berliner Zug wird also noch eine ganze Weile ungebremst fahren müssen.

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