Wirtschaft : Über den Wolken ballen sich große Konzerne

THOMAS MAGENHEIM

MÜNCHEN .Nach irdischen Großfusionen in der Kfz-Industrie und im Finanzsektor formieren sich auch über den Wolken riesige Konzerne.In Europa heißt das Zauberwort dafür European Aerospace and Defence Company (EADC).Es ist die Antwort auf massive Konzentrationsprozesse, die in den USA im Bereich Rüstung, Luft- und Raumfahrt Giganten vom Schlage Boeing/Mc Donnell-Douglas und Lockheed/Martin-Marietta hervorgebracht haben.Nun werden auch in Europa letzte Hindernisse für eine Megafusion beseitigt.

"Frankreich hat einen gewaltigen Wandlungsprozeß hinter sich," bringt es der Sprecher der Münchner Daimler-Benz Aerospace (Dasa) AG, Christian Poppe, auf den Punkt.Lange galten die Franzosen als Hemmschuh für eine privatwirtschaftliche EADC.Mit dem Teilrückzug des französischen Staats bei Aerospatiale auf einen Anteil von 49 Prozent rückt ein paneuropäischer Luft- und Raumfahrtmulti mit rund 60 Mrd.DM Umsatz und 140 000 Mitarbeitern näher.British Aerospace (BAe), Dasa und die künftige Matra-Aerospatiale gelten als Kern der EADC.Dazu kommen Spanien, Italien und Schweden mit ihren Konzernen Casa, Alenia und Saab.

Während die BAe in Großbritannien und die Dasa hierzulande militärische wie zivile Luft- und Raumfahrt seit Jahren privatwirtschaftlich betreiben, herrschte in Frankreich bislang der Staat.Nun übernimmt die privatwirtschaftliche Gruppe Matra-Lagardere ein Drittel an Aerospatiale.Im April wurde CSF-Thomson mit Teilen von Alcatel verschmolzen.Auch das schwächt die Staatsmacht.Frankreich beginnt Strukturen nach dem Vorbild von Dasa und BAe zu schaffen.Da wäre es kontraproduktiv, wenn Dasa und BAe nun eine Zweierlösung suchen würden, wie britische Zeitungen berichteten.Nur durch eine Bündelung aller europäischen Kräfte wird der US-Konkurrenz auf Dauer die Stirn geboten, betonte Dasa-Chef Manfred Bischoff immer wieder.

Diese Sicht bekräftigt ein Blick auf die Größenverhältnisse.Europas führende Luft- und Raumfahrtkonzerne BAe und Aerospatiale/Matra-Lagardere setzen elf Mrd.Dollar um.Der kleinste der drei großen US-Blöcke, Raytheon, schafft das Doppelte, Boeing über das Dreifache.Europa kann sich keine Kleinstaaterei über den Wolken leisten.Halben Lösungen wie einer Fusion BAe/Dasa widersprechen auch schon erreichte Verflechtungen.Die Dasa macht 1998 laut Bischoff 70 Prozent ihrer Umsätze von schätzungweise 17 Mrd.DM in europäischen Kooperationen.Noch 1998 bündelt die Dasa ihre Raumfahrt- und Satellitensparte mit der französisch-britischen Matra Marconi Space zur globalen Nummer drei hinter Boeing und Lockheed.Zuvor wurde das Lenkwaffengeschäft mit Matra-BAe verknüpft.Bei Hubschraubern kooperieren die Münchner seit Jahren mit Aerospatiale im Rahmen von Eurocopter.Als EADC-Eckpfeiler soll dieses Jahr das Airbus-Konsortium nach langem Ringen zur AG werden.Dasa-Partner dabei sind die BAe, Aerospatiale und Casa.

Eine gemeinsame Frontstellung gegen die Franzosen können sich Dasa und BAe nicht leisten.Einig sind sich Deutsche und Briten aber darin, daß der französische Staat kein Großaktionär der EADC sein darf.Eine Fusion zwischen Dasa und BAe wäre nur dann sinnvoll, wenn Frankreich nationale Vorbehalte geltend macht, die Briten und Deutsche nicht akzeptieren können.Das sollten die gemeinsamen Gespräche in London wohl auch signalisieren.Folglich steht die Nagelprobe noch aus."Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht," sagte Bischoff mehrmals.Das bedeutet, die Dasa hat zur Profitabilität zurückgefunden und dafür tausende Stellen geopfert.Auch BAe wird hohe Produktivität attestiert, nicht aber den Franzosen.Die müßten die Hälfte ihrer fast 100 000 Beschäftigen in Luft- und Raumfahrt streichen, um in der Produktivität gleichzuziehen, schätzen Betriebsräte aus der deutschen Luft- und Raumfahrt.Deutschland hat das hinter sich.Seit Anfang der 90er Jahre ging die Zahl der in der Branche Beschäftigen hierzulande von knapp 100 000 auf heute 61 050 Personen zurück.

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