Wirtschaft : „Über Geld müssen wir nicht nachdenken“

Reiche Araber prägen das Wirtschaftsleben in London – nach den Attentaten fürchten sie Einschränkungen

Cecilie Rohwedder,Beborah Ball

Das berühmte Londoner Kaufhaus Harrods hat in diesem Sommer seine Öffnungszeiten ausgedehnt, nun hat es bis acht Uhr abends geöffnet. Das Ziel der Maßnahme: Eine spezielle Kundengruppe soll hofiert werden: wohlhabende Menschen aus dem Nahen Osten, die in ihren Heimatländern solche Öffnungszeiten gewohnt sind. Die Konkurrenz, das Kaufhaus Harvey Nichols, hat sogar für jede Etage eine arabisch sprechende Verkäuferin eingestellt.

Auch wenn sich seit den Bombenattentaten alle Augen auf radikal-islamistische Gruppen  richten, gibt es in der britischen Hauptstadt noch eine andere muslimische Gemeinschaft. Ihre Mitglieder, überwiegend aus dem Nahen Osten, besitzen Häuser in grünen Vororten, schicken ihre Kinder auf Privatschulen und verbringen die Wochenenden in der luxuriösen Umgebung Londons. Viele leben hier das ganze Jahr, andere kommen nur im Sommer in ihre Zweitwohnungen im vornehmen Londoner Westen, um die Hitze ihres Heimatlandes gegen das kühle Klima Englands einzutauschen.

Unter den etwa 600000 Moslems in London bilden die Reichen nur eine kleine Fraktion. Aber sie sind ein sichtbarer und mächtiger Teil des sozialen, politischen und gesellschaftlichen Lebens der Stadt. Dem britischen Parlament gehören seit 1997 auch muslimische Abgeordnete an, und einige große Unternehmen wie die Tussaud Group, zu der auch die Touristenattraktion Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett gehört, sind in arabischer Hand. Das Kaufhaus Harrods gehört dem in Ägypten geborenen Mohammed al Fayed, dessen Sohn Dodi gemeinsam mit Prinzessin Diana in Paris ums Leben kam.

Besonders in den Sommermonaten sind diese Londoner ein großes Geschäft für Restaurants, Immobilienmakler und andere Dienstleistungsunternehmen – von der Vermittlung von Leibwächtern bis zu Kindermädchen. Verschleierte Frauen sind in der Sloane Street, in der sich Boutiquen wie Jimmy Choo und Chanel aneinander reihen, und in Londons eleganten Wohngebieten ein gewöhnlicher Anblick.

„Viele von uns haben Glück, weil wir aus reichen Familien stammen, die nie über Geld nachdenken mussten“, sagt die 32-jährige Jawhara Fawaz aus Saudi-Arabien, die in Knightsbridge in einer Fünf-Zimmer-Wohnung lebt. „Ja, wir können in Designergeschäfte gehen und einkaufen, ohne auf den Preis schauen zu müssen.“ Das Geld stamme von ihrer Familie.

Bei örtlichen Immobilienmaklern wie Savills und Knight Frank LLP heißt es, die Menschen aus dem Nahen Osten seien ein wichtiger Wachstumsfaktor für ihr Geschäft. Im April machte Knight Frank eine Tour durch vier Golfstaaten, um Häuser in London und in Cardiff, Wales, zu verkaufen. Andrew Jones, Partner bei Knight Frank, sagt, die Reise sei so erfolgreich gewesen, dass er im September eine weitere plane.

„Für Araber aus der Golfregion ist London im Sommer ein kleines Paradies“, sagt die Tunesierin Besma Mousdaq, die kürzlich von Bahrain nach London zog. Sie gründete ein Immobilienunternehmen, dessen Zielgruppe Kunden aus der Golfregion sind. „Sie lieben das Wetter, sie lieben den Hyde Park, sie lieben das Einkaufen.“

In diesen ersten Tagen nach den Bombenattentaten in der britischen Hauptstadt lässt sich schwer sagen, ob die Menschen aus dem Nahen Osten auch weiterhin in so hoher Zahl nach Großbritannien kommen werden. Das hänge davon ab, wie die britische Regierung auf die Attacken reagiere, sagen einige wohlhabende muslimische Bürger. Wenn die Einwanderungsbestimmungen sich erheblich verschärften oder neue Sicherheitsmaßnahmen das Leben für Moslems und Menschen aus dem Nahen Osten in den kommenden Monaten schwieriger machten, würden vermutlich weniger kommen, sagen sie.

„In den Vereinigten Staaten sind die Menschen durch die extremen Maßnahmen der Regierung nach dem 11. September 2001 abgeschreckt worden“, sagt Abdul Bari Atwan, Herausgeber der arabischsprachigen Londoner Tageszeitung „Al Quds“. „Wenn die Reaktion der britischen Regierung ähnlich ausfällt, dann wird das Gleiche auch hier passieren.“

Texte übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Finnland), Svenja Weidenfeld (London), Matthias Petermann (Merkel) und Christian Frobenius (Erbschaftsteuer und US-Haushaltsdefizit).

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