Wirtschaft : Übermut ist der gefährlichste Gegner der Spekulanten

MARTIN MROWKA (DM)

Über die rasanten Gewinne mit Aktien in den vergangenen Monaten kann Kai Schlesinger nur milde lächeln.Was einem Aktionär am Neuen Markt die Freudentränen in die Augen treibt, ist für den Optionsschein-Spekulanten Normalität: 150 Prozent Gewinn in wenigen Wochen.

Dabei hatte der 34jährige Familienvater aus Ludwigsburg ganz ruhig begonnen: "Nach dem 87er Crash kaufte ich für einige hundert DM deutsche Chemie-Aktien und ließ sie vier Jahre im Depot liegen", erinnert sich Schlesinger."Erst 1993 verkaufte ich mit bescheidenen 35 Prozent Gewinn." Das genügte, um die Börse zum Hobby zu machen.Schlesingers Aktienkäufe wurden spekulativer, er orderte auch kleinere, relativ unbekannte Werte und verkaufte sie meist bereits nach acht bis zehn Monaten.Unterm Strich blieben satte Gewinne, von denen er seit drei Jahren einen kleinen Teil in Optionsscheine steckt.Meist mit gutem Erfolg.Sein durchschnittlicher Jahresgewinn mit den heißen Scheinen liegt bei 200 Prozent.

Kai Schlesinger ist kein Einzelfall.Mit anhaltendem Börsenboom werden immer mehr Anleger immer mutiger und stecken einen Teil ihres Geldes in Optionsscheine.Schließlich läßt sich dort der Einsatz in kürzester Zeit verzehnfachen.Die Wette auf künftige Kursentwicklungen erfordert nur wenig Geld und bietet gleichzeitig einen gewinnträchtigen Hebeleffekt.Steigt der Basiswert (etwa der Deutsche Aktienindex) um 20 Prozent, kann sich ein entsprechender Optionsschein verdoppeln.Aus 5000 DM können im Idealfall in wenigen Wochen fünfstellige Beträge werden, im schlechtesten Fall ist der Einsatz verloren.

In den vergangenen drei Jahren überwogen die positiven Vorzeichen.Die Aktienkurse stiegen stetig.Parallel verdreifachten sich die Umsätze mit den spekulativen Derivaten zwischen 1995 und 1997 auf 150 Mrd.DM.Und der Boom hält an.In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres wurde mit 57 Mrd.DM bereits der Gesamtumsatz des Jahres 1995 überschritten.

Deutschland ist das Mekka für Spekulanten.Fast täglich geben die Bankhäuser neue Optionsscheine heraus.Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 5852 Neuemissionen, bis Ende Mai 1998 kamen bereits 2800 neue Scheine.Andreas Lieven vom Marktführer Citibank begründete den Boom: "Wenn die Börsenkurse davongeeilt sind, verlangen die Optionsschein-Anleger angepaßte Basispreise.Für ältere Scheine interessiert sich dann keiner mehr."

Sind die Deutschen zu einem Zockervolk geworden? Holger Bosse, vom Schweizerischen Bankverein SBV, Tochtergesellschaft von SBC Warburg in Frankfurt (Main), glaubt das nicht.Vielmehr seien die elektronischen Medien am Zuwachs im Optionsscheinmarkt schuld.Bosse: "Die privaten Anleger sind heute wesentlich besser informiert als noch vor wenigen Jahren." Und gerade bei Optionsscheinen komme es auf aktuelle Informationen an.Bosse kennt seine Klientel.Auf Seminaren entdeckte er ein gemeinsames Charaktermerkmal der Interessenten: "Die Risikobereitschaft ist sehr hoch, und alle wollen ihr Geld aggressiv mehren."

Das gelingt naturgemäß nicht jedem.Citibanker Lieven schätzt, daß deutlich mehr als die Hälfte aller Optionsschein-Geschäfte mit Verlust enden.Vor allem Anfänger seien gefährdet."Selbst der erfahrenste Spekulant irrt sich manchmal", sagt Lieven und schickt gleich einen Rat hinterher: "Stellt sich heraus, daß die vermutete Spekulation nicht aufgeht, sollten Anleger ihre Scheine schnell wieder verkaufen.Wer darauf wartet, daß seine Scheine wieder in die Gewinnzone kommen, endet meist mit Totalverlust."

Maßlosigkeit und Übermut sind die gefährlichsten Gegner der Spekulanten.Von hohen Gewinnen gelockt, verlieren manche den Blick für die Realität.Immer mehr Geld fließt dann in die heißen Warrants, wie Optionsscheine auch genannt werden.Doch nur ein kleiner Teil des Ersparten sollte spekulativ angelegt werden.Auf keinen Fall empfiehlt sich das Zocken auf Pump.Manche Banken geben allerdings recht freizügig Kredite.Vor allem die Direktbanken räumen Wertpapier-Besitzern zinsgünstige Konditionen oft von unter sechs Prozent ein.

Die filiallosen Banken sind für Geschäfte mit Optionsscheinen besonders beliebt.Aufgrund der Preis- und Zeitvorteile finden sich unter den Kunden der Direktbanken überdurchschnittlich viele Optionsscheinkäufer.Rund ein Drittel der Transaktionen bei Direkt Anlage Bank, ConSors, Comdirect und Bank 24 sind Orders in Optionsscheinen.Bislang mußten die Zocker zur Freude der Telekom zum teuren Telefon greifen."Aktive Warrant-Spekulanten ordern mindestens einmal pro Woche", sagt Karl Matthäus Schmidt.Das sei etwa zehnmal häufiger als bei den Aktienanlegern.

Das Wachstum des spekulativen Börsensegments lockt jedoch auch die Banken.Vom Erfolg der großen fünf im Optionsschein-Geschäft (Citibank, SBV, Deutsche Bank, Trinkaus und Burkhardt sowie Goldman Sachs) beeindruckt, versuchen die Kleinen der Branche, aus der Bedeutungslosigkeit herauszukommen.Doch selbst normale Optionsscheine auf Aktien, sogenannte Covered Warrants, werden den Emissionshäusern geradezu aus den Händen gerissen.Die hohe Votalität am Neuen Markt mit den übertriebenen Kurssteigerungen sorgt dafür, daß die Scheine sogar zu überteuerten Preisen an den Mann gebracht werden.Niemand denkt offenbar an das doppelte Risiko durch den Hebeleffekt der Optionsscheine, wenn die Übertreibungen am Neuen Markt korrigiert werden sollten.Den Emittenten kann es recht sein.Sie verdienen an der Spiellust der Spekulanten prächtig.Den marginalen Gesamt-Kosten je Optionsschein-Emission zwischen 5000 und 10 000 DM stehen zwar nur Pfennigbeträge zwischen An- und Verkauf gegenüber, doch die Masse der Orders über die Börse bringt das Geschäft.

Für den Anleger ist es wichtig, äußerste Disziplin zu wahren."Wer sein Kapital nicht verspielen möchte, sollte sich eiserne Limits setzen", rät Andreas Lieven.Nach unten gelten 20 Prozent Verlust als Maximum, nach oben gilt der Zocker-Spruch: The Trend is your friend.Will heißen: Gewinne laufen lassen, bis der Trend kippt.

Das ganze Spiel funktioniert auch umgekehrt.Wenn die Kurse von Aktien, Indizes oder Währungen sinken, können gewiefte Anleger ebenfalls mit Warrants verdienen.Verkaufsoptionsscheine legen zu, wenn der Preis des Basisinstruments fällt.Deshalb werden Puts auch als Absicherung bestehender Aktiendepots empfohlen.Für den pessimistisch eingestellten Privatanleger tauchen jedoch Probleme auf, wie Holger Bosse von SBV erklärt."Erstens läßt sich ein Aktien-Portefeuille selten exakt mit Puts absichern.Und zweitens verlieren Puts enorm schnell an Wert, wenn die erwartete Konsolidierung ausbleibt." Darum rät Bosse Anlegern: Wer stark fallende Kurse am Aktienmarkt erwartet, sollte seine Papiere jetzt verkaufen und sich so die Gewinne sichern.Für den Fall einer ausbleibenden Korrektur empfiehlt er den Kauf von calls."So können Kauf-Optionsscheine auch als Crash-Versicherung fungieren."

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