Übernahme : AWD macht sich abhängig

Der Schweizer Versicherungskonzern Swiss Life will den deutschen Finanzvertrieb für 1,2 Milliarden Euro übernehmen. Wie das künftig mit der unabhängigen Beratung zusammen geht, ist noch offen.

Henrik Mortsiefer
AWD
"Unabhängiger Finanzdienstleister"? AWD steht vor der Übernahme. -Foto: dpa

Berlin - Die größte Versicherungsgruppe der Schweiz, Swiss Life, will den größten deutschen Finanzvertrieb, den AWD, für knapp 1,2 Milliarden Euro kaufen. Das börsennotierte Unternehmen aus Hannover, das mit dem Slogan „Unabhängigkeit, die sich auszahlt“ wirbt, begibt sich damit in Abhängigkeit eines der größten Versicherungskonzerne Europas. Finanzvertriebsfirmen verdienen ihr Geld mit den Provisionen für den Verkauf von Geldanlageprodukten wie beispielsweise Lebensversicherungen, Investmentfonds oder Altersvorsorge-Anlagen.

Swiss Life ist vor allem am großen Vertriebsnetz von AWD interessiert. Beide Unternehmen zusammen kündigten an, vor allem die Expansion in Zentral- und Osteuropa vorantreiben zu wollen. Während Experten den hohen Kaufpreis und die enge Bindung an einen Anbieter kritisierten, brach an der Börse Jubel aus: Die AWD-Aktie schoss um zeitweise fast 31 Prozent auf zuletzt rund 29,40 Euro nach oben. Swiss-Life-Aktien verloren hingegen.

Wie beide Unternehmen am Montag mitteilten, bieten die Schweizer 30 Euro pro AWD-Aktie, 30 Prozent mehr als der Schlusskurs vom vergangenen Freitag (22,93 Euro). Das Angebot ist vor allem für die Familie von Unternehmensgründer und AWD-Vorstandschef Carsten Maschmeyer attraktiv, die 30 Prozent an AWD hält und 20 Prozent verkaufen will. Zehn Prozent sollen vorerst in ihrem Besitz bleiben. Die Schweizer haben sich gut fünf Prozent an AWD bereits gesichert.

Spekulationen, er stoße sein Paket ab, weil die Geschäfte bei AWD zuletzt schlechter als erwartet liefen, dementierte Maschmeyer. Die Übernahme sei „keine Defensivstrategie“. AWD suche nicht Schutz unter dem Dach von Swiss Life. „Wir werden der Konkurrenz das Fürchten lehren“, kündigte der AWD- Chef an, der mindestens weitere fünf Jahre im Amt bleiben soll. Die Hannoveraner, die nach eigenen Angaben Produkte von 300 Anbietern vom Bausparvertrag bis zur Lebensversicherung verkaufen und damit der größte unabhängige Finanzdienstleister Europas sind, wollen nun zur weltweiten Nummer eins werden. Unabhängigkeit sei dabei eine zentrale Voraussetzung. „Wir haben keinen Beherrschungsvertrag. Die Unabhängigkeit ist in Stein gemeißelt“, sagte Maschmeyer. Konrad Becker vom Bankhaus Merck Finck empfahl die Aktie hingegen zum Verkauf. „AWDs Versprechen einer unabhängigen Beratung wird unter dem Einstieg eines Versicherers leiden, der seine Produkte über diesen Kanal verkaufen will“, sagte der Experte.

AWD hat knapp 1,9 Millionen Kunden in Europa. 6343 Berater vermitteln vor allem Produkte der Altersvorsorge und des Vermögensaufbaus. Nach dem Wegfall des Steuerprivilegs für Kapitallebensversicherungen Anfang 2006 tun sich allerdings AWD und seine Wettbewerber MLP, DVAG und OVG deutlich schwerer, weil Versicherungen einen hohen Umsatzanteil ausmachen. Der Markt ist hart umkämpft, auch weil die Banken mit eigenen Vertriebsideen Kunden gewinnen. Die Aktienkurse von AWD und MLP haben sich seit dem Frühjahr halbiert; AWD konnte zuletzt aber wieder zulegen. Auch die Finanzmarktkrise hat den Verkauf von Finanzprodukten gebremst. Das erste Halbjahr hatte noch sehr gut ausgesehen: Von Januar bis Ende Juni erzielte die Gruppe 388,2 (Vorjahr: 351,7) Millionen Euro Umsatz. Der operative Gewinn vor Steuern (Ebit) wuchs von 37 auf 43 Millionen Euro – unter dem Strich standen 31,5 (26) Millionen Euro Überschuss. Hoffnungen macht sich die Branche für 2008. Da Investmentfondsanteile, die bis Ende kommenden Jahres gekauft und länger als ein Jahr gehalten werden, von der ab 2009 geltenden Abgeltungsteuer verschont bleiben, versprechen sich die Finanzvertriebe ein lebhaftes Geschäft.

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