Übernahme : Wall und das Warum

Der Berliner Außenwerber preist den neuen Mehrheitsaktionär Decaux, den er so lange bekämpft hat.

Moritz Döbler
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Die drei auf der Leiter: Oben steht Jean-Francois Decaux, der neue Herr im Hause Wall. Eine Stufe darunter Daniel Wall und ganz...dpa

BerlinBerlin - Irgendwann hätte ihm das Unternehmen, das der Vater aufgebaut hat, ganz gehört. Er hätte es kräftig vorangebracht und irgendwann an die nächste Generation weitergegeben. Das war der Plan. Jetzt bleiben ihm nur noch 9,9 Prozent, und er sitzt an einem Konferenztisch zwischen seinem Vater und dem neuen Großaktionär, um diese Entwicklung auch noch öffentlich gutzuheißen. Es ist keine einfache Zeit für Daniel Wall, und das lässt er sich auch anmerken. „Na klar bin ich auch enttäuscht“, sagt der 43-Jährige und schafft Distanz. „Es war eine persönliche Entscheidung meines Vaters.“ Kurzfristig sei sie gekommen und überraschend. „Etwas gepoltert hat es auch.“

Das ist nun vorbei. Der neue Herr im Hause Wall lässt keine Gelegenheit aus, den Junior zu loben, der Vorstandsvorsitzender der Berliner Firma für Außenwerbung bleibt. Zu 100 Prozent stehe er hinter ihm, schwärmt Jean-Francois Decaux. „Ich habe ab heute einen deutschen Bruder, der heißt Daniel Wall“, gipfelt der französische Charme des 50-Jährigen, vorgetragen in geschliffenstem Deutsch. Die Wall AG wollte er schon seit Jahren haben, kaufte nach und nach 40 Prozent zusammen. Jetzt gehören ihm endlich 90,1 Prozent. Es war ein schwieriger Weg, geprägt von großen Versprechen und noch größeren Zerwürfnissen. So scheiterte zum Beispiel die gemeinsame Vermarktung von Werbeflächen in Deutschland.

Hans Wall, der Gründer, zieht einen Strich darunter. „Richtig glücklich“, sei er nun. „Ich kann mir keinen besseren Partner vorstellen. Ich habe lange gebraucht, bis ich das kapiert habe“, sagt der 67-Jährige. Bald komme sogar die ganze Familie Decaux in Berlin zu Besuch, die liege ihm sehr am Herzen. Jean- Francois Decaux sei ein Familienunternehmer wie er selbst, da habe Sohn Daniel jetzt „eine richtig gute Chance“.

Blass ist Hans Wall trotzdem, er trägt ein schwarzes Hemd zum schwarzen Sakko, spricht über das Leben nach der Firma. „Es gibt bestimmt noch viele Sternstunden auch für mich“, sinniert er. Die Rekonstruktion des Turms der Berliner Parochialkirche, veranschlagt auf drei Millionen Euro, wolle er noch hinkriegen. Aber der Wiederaufbau von Schinkels Bauakademie für 20 Millionen Euro könne für ihn doch ein zu großer Brocken werden. Hier sei vielleicht der Baukonzern Hochtief, der bereits Interesse signalisiert hat, besser geeignet.

Wie eng es für ihn geworden ist, sagt er nicht – und auch nicht, mit wie viel Geld er aus der Transaktion herauskommt. Doch bald wird man mehr wissen. Decaux muss den Kaufpreis offenlegen, weil sein Unternehmen an der Börse notiert und den Aktionären zu Rechenschaft verpflichtet ist. Nach der Entscheidung des Bundeskartellamts werde man das tun, kündigt er an. Hans Wall hatte den Wert seines Unternehmens einmal auf eine halbe Milliarde Euro taxiert, womit der verkaufte Anteil 250 Millionen Euro wert wäre – doch mitten in der Krise dürfte er nur einen Bruchteil davon bekommen haben. Sicher hätte er vor ein, zwei Jahren oder in ein, zwei Jahren mehr als jetzt erlöst, räumt er ein. „Aber ein Unternehmer muss manchmal zurückstehen können.“

Hans Wall will von morgen sprechen, nicht von gestern. „Ich bin über meinen eigenen Schatten gesprungen, um die ganz große Expansion, die der Wall AG bevorsteht, langfristig abzusichern.“ Die ganz große Expansion: Das ist bisher nur eine Hoffnung. Bremen, Bielefeld, Frankfurt am Main – mehrere Städte, die Außenwerbung des Unternehmens Deutsche Städte-Medien haben, schreiben neu aus. DSM gehört inzwischen zum ärgsten Konkurrenten Ströer in Köln. „Auf die DSM-Städte haben wir Jahre gewartet“, sagt der Senior, der den Aufsichtsrat absehbar verlassen will. „Da kann sich die Konkurrenz in Köln warm anziehen. Wir können jetzt von Berlin aus richtig die Muskeln spielen lassen.“

Doch Ströer-Chef Udo Müller zeigt sich gelassen und beglückwünscht Decaux sogar. Der Schritt habe sich lange abgezeichnet. Als Marktführer in Deutschland erwarte man keinerlei Auswirkungen. Der Wettbewerb herrsche nicht vor allem zwischen Außenwerbern untereinander, sondern zwischen verschiedenen Werbeformen. „Wall hat sich vermutlich mit überhöhten Angeboten im Rahmen von kommunalen Ausschreibungen zerrieben. Angesichts der Werbekrise ist der Verkauf folgerichtig“, urteilt Müller.

In Berlin klingt das natürlich ganz anders. „Das Warum spielt keine Rolle“, sagt Daniel Wall und spricht nur von einer „schwierigen Finanzsituation“. Jetzt sei die Finanzierung für ein Jahr gesichert. Arbeitsplatzabbau sei nicht geplant; Synergien gebe es ohnehin nur im Vertrieb, denn die Gebiete, in denen Wall und Decaux tätig seien, überschnitten sich nicht. Vorbei ist die Krise mit der Übernahme nicht. Wall rechnet damit, dass der Umsatz in diesem Jahr um ein Zehntel auf 103 Millionen Euro sinkt. Auch Decaux, der zuletzt auf 2,2 Milliarden Euro Jahresumsatz kam, erwartet zwar keine Belebung des Marktes. Immerhin laufe es in China bestens, dort sei man inzwischen die Nummer eins.

Aber Berlin, das ist etwas anderes, da schwelgen sie alle drei. „Jetzt sind wir zusammen, und das ist eine tolle Nachricht für Berlin“, sagt Decaux. „Ich als Franzose fühle mich ab heute als richtiger Berliner.“ Berlin-Paris, das sei in der Politik eine starke Achse und jetzt eben auch in der Außenwerbung. Berlin, wo Wall in der Zentrale und in dem Werk im nahe gelegenen Velten rund 400 Menschen beschäftigt, werde für den Decaux-Konzern zum Hauptstandort – neben Paris.

Und so braucht Berlin jedenfalls vorerst auf keine Wallschen Wohltaten zu verzichten. Die prächtige Weihnachtsbeleuchtung auf Kurfürstendamm und Tauentzien wird auch in diesem Jahr bezahlt, das Sponsoring nicht zurückgefahren. „Das sind Sachen, die von Herzen kommen“, sagt Daniel Wall. Und sein Vater nimmt sich ganz neue Ziele vor. Einen Englischkurs besucht er gerade und möchte dann gerne mal nach London fahren. „Ich muss als Hans lernen, was ich als Hänschen nicht gelernt habe“, sagte er lächelnd. Decaux spreche schließlich vier Sprachen.

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