Wirtschaft : Übernahmegerangel um die Mannesmann-Tochter

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Siemens und Bosch legen gemeinsames Kaufangebot vor - der Aufsichtsrat tagttmh/jz

Die Industrietochter des Düsseldorfer Mannesmann-Konzerns, Atecs, ist Ziel eines Übernahmekampfes geworden. Nach ThyssenKrupp haben nun auch die Münchner Siemens AG und die Stuttgarter Robert Bosch GmbH ein gemeinsames Kaufangebot vorgelegt. Das Duo bietet dem Mannesmann-Konzern nach eigenen Angaben rund 17,8 Milliarden Mark für Atecs. Sie übertreffen damit das Angebot von ThyssenKrupp, das bei 17,1 Milliarden Mark liegt. Die geplante Sitzung des Mannesmann-Aufsichtsrates wurde daraufhin nochmals vom Vormittag auf Mittwoch abend verlegt. Ob das Gremium bereits am Mittwoch eine Entscheidung fällen wird, blieb allerdings offen. Nicht mehr im Rennen scheint der Reifenhersteller Conti. Ein Angebot für Atecs werde man nicht unterbreiten, wies ein Sprecher entsprechende Spekulationen zurück.

Im Falle eines Zuschlags will das süddeutsche Duo Atecs nicht mehr an die Börse bringen, wie das ursprünglich von Mannesmann geplant war, sagte eine Siemens-Sprecherin. Auch eine Zerschlagung von Atecs stehe nicht bevor. Bosch und Siemens wollen die Gesellschaft vielmehr als paritätisches Gemeinschaftsunternehmen fortführen und alle Geschäftsfelder weiterentwickeln. Das könne auch durch die Zusammenlegung mit eigenen Aktivitäten geschehen. So will Siemens den eigenen Geschäftsbereich Automobiltechnik mit der Atecs-Tochter VDO verschmelzen und dabei die industrielle Führung übernehmen. Bosch möchte sein Geschäft mit Automatisierungstechnik in die Atecs-Tochter Rexroth einbringen. Die anderen Atecs-Bereiche Sachs (Fahrwerks-, Antriebs- und Federsysteme) und die Maschinenbauer Dematic sowie Demag-Krauss-Maffei sollen durch noch nicht klare Kooperationen mit entsprechenden Aktivitäten bei Bosch und Siemens gestärkt werden.

Hintergrund dieser teils ungleichgewichtigen Zuordnung der Atecs-Geschäfte innerhalb des Duos Siemens/Bosch sind nach Darstellung der Konzerne erwartete Vorbehalte durch die Brüsseler Kartellwächter. So gilt in der Branche eine Beteiligung von Bosch an VDO aus Kartellgründen als ausgeschlossen. Auch in anderen Bereichen seien Auflagen möglich, heißt es. Deshalb wollten Siemens und Bosch auch nicht sagen, wie sich der angebotene Kaufpreis auf beide Konzerne verteilen würde. Finanziert werden könne der Kauf aus vorhandener Liquidität. Zudem soll Atecs zur Stützung des geplanten Wachstums aus München und Stuttgart frisches Eigenkapital in noch offener Höhe erhalten. Als Vorbild für die geplante Übernahme dient die Münchner Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH, bei der beide Konzerne seit über 30 Jahren paritätisch kooperieren. Sie sicherten nun zu, alle Gremien und Managementstrukturen sowie die operative Selbständigkeit von Atecs für mindestens drei Jahre beibehalten zu wollen. Das Angebot sei ein Beitrag zur Sicherung der knapp 50 000 inländischen Atecs-Arbeitsplätze und die industriell vernünftigste Lösung für Mitarbeiter, Aktionäre und Kunden von Atecs, warben Siemens und Bosch.

Siemens Chef Heinrich von Pierer flog am Mittwochmorgen eigens nach Düsseldorf, um seine Pläne sowohl der Top-Etage von Mannesmann als auch Ministerpräsident Wolfgang Clement zu erläutern. Siemens, Bosch und Atecs hätten nach seiner Auffassung ein gute Chance in der Weltliga der Automobilzulieferer auf einem Spitzenplatz mitzuspielen. Die technologischen Vorteile werden auch von den Politikern und den beteiligten Managern am Rhein nicht bestritten. Unklar aber ist, ob Atecs - nach der Garantie von drei Jahren - nicht doch zerschlagen wird. Nach Ansicht von Analysten passen Teile des möglichen Neuerwerbs nicht zum bisherigen Produktspektrum von Siemens und Bosch. Das gelte speziell für den Maschinenbauer Krauss-Maffei. Auch der Mannesmann-Betriebsratschef Jürgen Ladberg fragt: "Was passiert nach drei Jahren?" Zu dieser Frage hat von Pierer nicht präzise Stellung bezogen.

"Wir haben ein Interesse daran, Atecs zusammen zu halten", formulierte Wolfgang Clement nach seinem Gespräch mit von Pierer. Clement hatte sich in den Tagen zuvor eindeutig für das Thyssen/Krupp-Angebot ausgesprochen. Allerdings kennt auch er die Finanzierungsschwierigkeiten von Thyssen/Krupp, der den Kauf von Atecs ausschließlich fremd finanzieren müßte.

Die Entscheidung über die Zukunft von Mannesmann Atecs steht unter Zeitdruck. Noch hat zwar der Mannesmann-Vorstand um Klaus Esser das Sagen. Am 11. April wird jedoch die EU-Kommission der Übernahme der Düsseldorfer durch den britischen Vodafone-Konzern mutmaßlich zustimmen. Dann würde Vodafone-Chef Chris Gent die Kontrolle erhalten. Vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung am Mittwochabend schien nur eines klar: "Der alleinige Börsengang ist vom Tisch", sagte einer der Beteiligten, der nicht zitiert werden wollte.

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