Wirtschaft : Überraschungen fast ausgeschlossen

ROLF OBERTREIS

Die Berufung der vorgeschlagenen Mitglieder der Europäischen Zentralbank gilt als sicherVON ROLF OBERTREIS FRANKFURT (MAIN).Der Ärger über das Gezerre um den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) auf dem Brüsseler EU-Gipfel hat sich allmählich gelegt.Vergangene Woche hat sich das Europaparlament intensiv vom designierten Präsidenten Wim Duisenberg und den fünf anderen Kandidaten für das Direktorium der EZB - das oberste Entscheidungsgremium, das im EZB-Rat gemeinsam mit den Zentralbankpräsidenten der elf Mitgliedsstaaten der Währungsunion die europäische Geldpolitik bestimmt - informieren lassen.Heute wird der Wirtschafts- und Währungsausschuß des Parlaments seine Empfehlung kundtun, am 13.Mai wird das Plenum abstimmen.Alles andere als eine Zustimmung zu den sechs Kandidaten wäre eine Sensation.Bei der zweitägigen Anhörung im Parlament dürften Duisenberg und Co.selbst letzte Zweifler von ihrer Qualifikation und ihrer uneingeschränkt stabilitätsorientierten Einstellung überzeugt haben.Mit anderen Worten: Am Direktorium der EZB wird es nicht liegen, wenn der Euro nicht mindestens so stark wird wie die D-Mark.In Bankerkreisen ist dies längst klar.Hermann Remsperger, Chefvolkswirt der BHF Bank, spricht von einem "starken" Direktorium und von "exzellenten" Fachleuten.Auf internationaler Ebene arbeiteten die fünf Kandidaten schon länger zusammen, etwa bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel."Alle haben eine gemeinsame Herkunft.Das ist eine wichtige Basis, um auch bei der EZB gemeinsam eine gute Arbeit zu leisten", sagt Remsperger.An der Qualifikation des Holländers Wim Duisenberg hat ohnehin nie jemand gezweifelt.Das Gezerre um seine Berufung war Sache der Politiker.Duisenberg hat es mit mehr oder weniger großem Unverständnis verfolgt.Seit 1.Juli 1997 steht er an der Spitze des Europäischen Währungsinstitutes.Davor hat sich der Sozialdemokrat als hochrangiger Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds, als holländischer Finanzminister und vor allem in den 15 Jahren als Präsident der holländischen Notenbank einen hervorragenden Ruf als Stabilitätspolitiker verschafft.In seiner Amtszeit ist der Gulden so stabil geworden wie die DM.Daß sich der Euro diese Qualitäten erst noch erarbeiten muß, weiß der aufgeschlossene Friese.Ob der 62jährige wirklich nur vier Jahre an der Spitze der EZB bleibt, läßt er trotz seiner Erklärung von Brüssel offen. Christian Noyer, der künftige Vizepräsident der EZB, ist in Frankfurt noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt.Seine Berufung hat viele überrascht.Sie ist auch ein Zugeständnis an die Franzosen, die bekanntermaßen der Chefposten der EZB besetzen wollten.Trotz dieses "politischen" Makels zweifelt niemand an der strikten stabilitätspolitischen Orientierung des Franzosen, der mit 47 der jüngste im Direktorium ist und für vier Jahre berufen wurde.Noyer hat sich als Berater konservativer Spitzenpolitiker einen Namen gemacht.Bereits 1976 trat der Absolvent einer Elitehochschule in das Pariser Schatzamt ein.Den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere erlebte Noyer 1993, als er als Nachfolger des heutigen Zentralbankchefs Jean-Claude Trichet die Leitung des Schatzamtes übernahm.Nach dem Wahlsieg der Sozialisten im vergangenen Jahr verlor er diesen Job.Mit der Berufung zum Vizepräsidenten der EZB macht Noyer jetzt aber wieder einen großen Karrieresprung.Das gilt auch für Otmar Issing, den derzeitigen Chefvolkswirt der Bundesbank.Für den 62jährigen Würzburger ist die Berufung in die EZB der Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn.Der parteilose Issing hat sich nicht nur durch seine Arbeit in der Bundesbank als exzellenter Geld- und Währungsexperte einen Namen gemacht.Als Professor an den Unis Würzburg und Erlangen hat er mehrere Standardwerke veröffentlicht.Der sympathische und zurückhaltende Banker gilt zwar als konsequenter Monetarist, hat sich aber auch den Blick für das Machbare bewahrt.Frankfurter Banker stufen Issings Berufung als Garantie dafür ein, daß in der EZB die Stabilitätskultur der Bundesbank bewahrt wird.Neben Duisenberg sei der Deutsche eine Schlüsselfigur im EZB-Direktorium, auch deshalb, weil nur er für die höchstmögliche Amtszeit von acht Jahren berufen wird.Kritikloser Anhänger des Euro war Issing gleichwohl nie: Die neue Währung müsse sich ihre Stabilität hart erarbeiten.Was die Bundesbank nie geschafft hat, wird in der EZB Wirklichkeit.Mit der derzeitigen finnischen Notenbank-Chefin Sirkka Hämäläinen rückt eine Frau ins Direktorium.Sie soll fünf Jahre dabeibleiben.Der Ruf der 59jährigen Finnin ist so gut, daß sie zeitweise als Präsidentin der EZB im Gespräch war.Hämäläinen steht seit 1992 an der Spitze der finnischen Notenbank, in den 30 Jahren zuvor hatte sich die Volkswirtin in der Bank hochgearbeitet.Sie gilt als Verfechterin einer strengen Geldpolitik und als hartnäckige Kritikerin der Sozialpolitik ihres Landes.Vor allem ihrer Geldpolitik ist es zu verdanken, daß der Wechselkurs der Finnmark stabilisiert wurde und Finnland damit den Sprung in die EWU geschafft hat.Auch mit dem Italiener Tommaso Padoa-Schioppa rückt ein international anerkannter Geld- und Währungsexperte ins EZB-Direktorium.Mehr noch: Der 57jährige derzeitige Chef der italienischen Börsenaufsicht gilt mit als Wegbereiter für den Euro.1988 und 1989 war er Sekretär der Delors-Kommission, die einen ersten Entwurf für die Währungsunion ausarbeiten sollte.Padoa-Schioppa sammelte seine Berufserfahrung bei der Europäischen Kommission, arbeitete allerdings vor allem in der italienischen Zentralbank, wo er bis ins Direktorium aufstieg.Auch der Italiener, der für sieben Jahre ins EZB-Direktorium berufen wird, gilt als konsequent stabilitätsorientiert.Ein weitgehend unbeschriebenes Blatt ist der Spanier Eugenio Domingo Solans, der für sechs Jahre berufen wurde.Der 52jährige wechselte erst vor vier Jahren von der privaten Banco Zaragozano ins Direktorium der spanischen Notenbank.Viele Beobachter hatten eigentlich mit Notenbank-Präsident Luis Angel Rojo gerechnet, doch Solans war der Favorit der konservativen Regierung in Madrid.Solans lehrt Wirtschaftswissenschaft, arbeitete als Berater spanischer Regierungen und stand an der Spitze des Arbeitgeberverbandes CEOE.Nicht nur deshalb gilt er als unternehmerfreundlich.In Spanien hat er sich den Ruf eines strikten Stabilitätsverfechters erarbeitet.In Frankfurt zweifelt niemand, daß dies bei der EZB nicht anders sein wird.

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