Wirtschaft : Überzeichnet

Mittelstandsanleihen kommen mit hoher Verzinsung auf den Markt

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Renommierte Unternehmen haben Anleihen ausgegeben, darunter Valensina, Dürr und Underberg. Die Zinsen liegen viel höher als bei Bundesanleihen – aber das Risiko auch. Das Rating mancher Anleihe erinnert sogar an griechische Papiere. Foto: dpa
Renommierte Unternehmen haben Anleihen ausgegeben, darunter Valensina, Dürr und Underberg. Die Zinsen liegen viel höher als bei...Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Manche Beobachter fühlen sich an die unseligen Zeiten des Neuen Marktes Anfang des Jahrtausends erinnert. Damals kauften Kleinanleger fast wahllos Aktien von Unternehmen, bei denen der Verlust größer war als der Umsatz. Das Ergebnis ist bekannt. Ganz so dramatisch ist es heute noch nicht auf dem Markt für Anleihen von Mittelständlern, aber auch hier sind die Risiken beträchtlich. Darauf deuten schon Zinsen und Renditen hin: Sie schwanken zwischen fünf bis zehn Prozent, im Schnitt sind es gut sieben Prozent. Zehnjährige Bundesanleihen werfen aktuell gerade mal knapp drei Prozent Prozent ab. Dass Privatanleger bei einer Stückelung von 1000 Euro zeichnen, scheint verständlich – aber bei Bonitätseinstufungen der Papiere mit Noten von nur B und C rät Heinz Steffen vom Analysehaus Fairesearch zur Vorsicht.

Der Markt boomt. Viele Mittelständler sehen die Chance, sich an Banken und Sparkassen vorbei direkt an der Börse Geld zu beschaffen. Kleinanleger – auf die zielen die relativ kleinen Emissionen vor allem – suchen gut verzinste Anlagen. Mittelstandsanleihen können sie zudem direkt an der Börse kaufen. Und da buhlen immer mehr Handelsplätze um die Gunst von Mittelstand und Privatanlegern: Was die Stuttgarter Börse im Frühjahr 2010 mit dem Marktsegment BondM vorgemacht haben, gibt es mittlerweile auch an den Börsen in Frankfurt am Main, München, Düsseldorf und Hamburg-Hannover. Rund 30 Mittelstandsanleihen mit Volumina zwischen jeweils 50 und 200 Millionen Euro sind derzeit gelistet. Insgesamt haben die Firmen damit rund 1,8 Milliarden Euro eingenommen. Generell gilt: Bei fast allen Anleihen mussten die Bücher vorzeitig geschlossen werden, weil die Emissionen überzeichnet waren.

Diese boomartige Entwicklung treibt Experten wie Steffen Sorgenfalten auf die Stirn. Im Prinzip findet er es gut, dass dem Mittelstand mit dem Segment neue Finanzierungsmöglichkeiten eröffnet werden. Schließlich hätten sich die Banken in der Krise kaum um Mittelständler gekümmert. Die Geldhäuser dagegen, wie etwa Rüdiger Rass von der Mittelstandssparte der Commerzbank, betrachten die Entwicklung skeptisch – wegen der Risiken, vor allem aber weil ihnen Geschäft durch die Lappen geht.

Nach Ansicht von Steffen „unterscheiden sich die Anleihen sehr stark in Qualität und Transparenz sowohl bezogen auf die Unternehmenskennzahlen als auch auf das Management“. Viele Firmen seien noch nicht reif für den Anleihemarkt, auch wenn darunter mit Valensina, Underberg, dem Anlagenbauer Dürr, KTG Agrar oder der Freiburger SAG Solarstrom renommierte Namen sind. Die Firmen müssen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin) zwar einen Emissionsprospekt vorlegen, aber dort wird nur die Schlüssigkeit der Angaben geprüft, nicht aber die Bonität der Unternehmen. Selbst das Rating sagt nach Ansicht von Experten wenig aus. Meist wird nur die Firma bewertet, nicht aber die Anleihe.

Steffen hält die schon kritische Bonitätsnote BBB, die für befriedigende bis ausreichende Qualität steht, noch für viel zu gut. Manche der Mittelständler schaffen gar nur ein C und damit eine ähnlich schlechte Note wie derzeit griechische Staatsanleihen. „Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die hohen Risiken müssten Zinsen und Renditen viel höher sein.“

Für Anleger kann dies nur heißen: Sehr genau hinschauen und sich über Unternehmenszweck, Zahlen, Verschuldung und über die geplante Verwendung des Emissionserlöses zu informieren. Will sich die Eigentümerfamilie nur entschulden, finanziert der Firmenchef damit seine Oldtimer, soll nur ein bestehender Kredit abgelöst werden, dient das Geld der Expansion oder einer Übernahme, kann das Unternehmen die Zinsen aus den laufenden Einnahmen bezahlen und wie stehen die Chancen, dass die Anleihe am Ende der Laufzeit auch zurückgezahlt wird? Gibt es Schutzklauseln für die Anleihe, die das Risiko mildern?

„Jeder Anleger sollte sich selbst ein Bild machen“, rät Rüdiger von Rosen, Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts (DAI). „Wer unsicher ist, sollte vom Kauf absehen." Generell empfehlen Experten auch bei Mittelstandsanleihen: Nicht alles auf eine Karte setzen und das Risiko streuen.

BondM in Stuttgart gilt zurzeit als bester Handelsplatz für Mittelstandsanleihen. Hier müssen die Unternehmen Mindestanforderungen erfüllen, sie verpflichten sich zu Transparenz und Publizität. „Aber auch hier ist nicht alles rosig“, sagt Steffen. Noch läuft der Markt reibungslos, auch wegen der guten Konjunktur. „Die Pipeline für neue Anleihen ist prall gefüllt“, weiß der Fairesearch-Experte. Anzeichen für Probleme oder gar Zahlungsausfälle sind nicht auszumachen. Klar ist: Alle Beteiligten fürchten den ersten Ausfall. Es wäre ein herber Rückschlag nicht nur für die betroffene Firma und viele Kleinanleger, sondern für das Marktsegment insgesamt. Wenn sich die Konjunktur abschwächt, könnten Wackelkandidaten in Probleme kommen, sorgt sich Steffen. Kippt eine Firma wäre es mit der Investitionsbereitschaft der Privatanleger wohl schlagartig vorbei. Allein 2015 und 2016 werden Anleihen mit einem Volumen von rund 1,4 Milliarden Euro fällig.

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