Wirtschaft : Uli Kasten

Geb. 1933

Gregor Eisenhauer

Seine besten Rollen: Lebenskünstler und erster Liebhaber. Der Großvater stieg aus dem Flüchtlingszug, der, aus Danzig kommend, irgendwo auf freier Strecke hielt, vertrat sich die Beine, bemerkte nicht, dass der Zug wieder anfuhr, stolperte, schrie hinterher. Ob es sein eigener Großvater war? Was tut es zur Sache? Solche Bilder gehen nicht aus dem Kopf, schon gar nicht mit zwölf Jahren, wenn das Herz noch klüger ist als der Kopf.

Uli Kasten trug viele solcher Bilder mit sich herum. Und er kannte viele Menschen, die solchen Bildern erlagen. Er selbst hingegen ließ sich nicht gern drangsalieren, von Menschen nicht, aber auch nicht von Träumen oder Bildern. Da lag es nahe, sie einfach zu veräußern: als Maler, als Radierer, als Bühnenbildner.

Ordentliche Berufe, die er ordentlich gelernt hatte, aber auf seine, sehr eigenwillige Weise ausübte.

Als die meisten Kunstmaler noch dekorativ Leinwände für die besseren Stände kolorierten, Anfang der sechziger Jahre, da brachte er die Kunst auf die Straße; und das ausgerechnet in München. Schwabinger Bohème, da war er mittendrin und gab den Lebenskünstler, seine beste Rolle neben der des ersten Liebhabers.

Er lief mit einem leeren Bilderrahmen durch die Straßen und verführte die Frau seines Herzens zum Sehen: Überall ist Schönheit. Und als sie, die Studierte, mit anderen Psychologiestudenten in die Wohnung kam, warf er ihnen Pornobilder vor die Füße: Seht da, überall ist Schund.

Der Schwabinger Mephisto verschreckt Gretchen, adelt sie zur Prinzessin, fährt sie mit der Kutsche durch die Stadt der Träume, verführt sie selbst und überlässt ihr die Erziehung der Kinder.

Ein Lebenskünstler, wie ihn sich der Pantoffelträger vorstellt, kulinarisch versiert, trinkfest, konsequent liederlich in der Lebensführung, aber letztlich gut zu den Frauen, besonders wenn er gerade aus Südfrankreich zurückgekehrt ist.

Aber Uli Kasten bezog seinen Unernst aus anderen Tiefen: Er war als Heranwachsender fast gestorben, ein Jahr in der Klinik, Bauchfellentzündung. Im Alter dann die Überreizung der Bauchspeicheldrüse. 107 Tage auf der Intensivstation, die begreifen lassen: „Die schönste Landschaft ist das Hirn“.

Eines seiner Lebensbilder erwuchs aus dieser Erfahrung: Ein Dolch sticht hinein in den Kopf, eine Blume sprießt empor. Titel: „Wenn ich die See seh, brauch ich kein Meer mehr…“

Einige der besten Berliner Szenesprüche stammen von ihm, denn als in Kreuzberg Revolte und mehr noch Dada der Bürgersöhne angesagt war, zog er nach Berlin.

Gratwanderungen zwischen Kunst und Tresen: Es gab Vollmonde, denen konnte er widerstehen. Und es gab Vollmonde, da konnte er nicht widerstehen. Da lief er über Autos.

Das ist nun mal so, wer die Heimat verloren hat, neigt zum Vagabundieren. Stöcke, Hüte, Schirme sammelte er leidenschaftlich gern, und ging, ganz Hänschen klein, selten ohne sie aus. Und wenn er ruhen musste, weil die Stadt ihm zu viel wurde, ließ er sich auf seinem handtuchgroßen Datschengrundstück nieder, an der Havel, nahe den Rieselfeldern, und lauschte dem Vogelgezwitscher.

Was trennt den Vagabunden vom Streuner? Die Zahl der Freunde, aber mehr noch die Lust am Handwerk. Er war ein begnadeter Lehrer, ein genialer Buchillustrator, eine männliche Muse, so der wohlwollende Spott der Schriftstellerfreunde. Leben musste er vom Sozialamt, und von spärlichen Stipendien.

Mephisto ohne Faust – ist ein armer Teufel, letztlich. Da kann man das Beste draus machen, Witze drüber reißen, über sich und die Welt, aber bei allem Talent zur Geselligkeit droht Einsamkeit. Ein alter Lebemann wird immer gern gesehen, sofern er nicht zu lange bleibt. Und so war er lebenslänglich auf der Suche nach Freundschaft, die mehr ist. Blutsbrüderschaft, ein Pakt auf Lebenszeit. Das geht in der Literatur, nicht im Leben, dort gelten schlichtere Spielregeln: Jeder denkt an sich, nur ich, ich denk an mich.

Sein Ende: ein grausamer Kalauer, von der Sorte, die er zuweilen selbst gern produzierte: Er war nie auf den Kopf gefallen, und genau das widerfuhr ihm.

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