Wirtschaft : Ulkig, aber kein Kult

Der Smart verkauft sich schlecht – das sorgt für offenen Streit im Daimler-Chrysler-Vorstand

Henrik Mortsiefer

Berlin - Wenn jemand Jürgen Schrempp in die Parade fährt, dann kann der Daimler-Chrysler-Chef böse werden. Am Freitag war es wieder so weit. Schrempp habe getobt, hieß es. Der Grund: Daimler-Finanzvorstand Manfred Gentz hatte am Donnerstag die Kleinwagenmarke Smart wegen ihrer finanziellen Probleme in Frage gestellt – öffentlich und ohne vorherige Abstimmung mit Schrempp. Angesichts der roten Zahlen bei Smart müsse man „alle möglichen Alternativen in Betracht ziehen“, hatte Gentz gesagt. „Unser Denken kennt niemals Grenzen.“

Schrempp stellte am Freitag klar, dass die Gedanken im Daimler-Vorstand nicht so frei sind, wie sich Gentz, der im Dezember in Rente geht, das vorstellt. In einem Brief an die 2600 irritierten Smart-Mitarbeiter teilte der Daimler-Chef mit, dass die Kleinwagensparte nicht aufgegeben oder verkauft werde. Basta! Was Schrempp nicht schrieb: Das kleine Auto droht zu einer Gewinnbremse für den großen Autokonzern zu werden.

Von Januar bis September wurden in Deutschland 98300 Smarts verkauft. Das waren zwar 19 Prozent mehr als im Vorjahr. Von seinen Plänen, im laufenden Jahr 155000 Fahrzeuge abzusetzen, ist Smart aber meilenweit entfernt – von den Anfang des Jahres noch prognostizierten 223000 Smarts und den Absatzzielen für 2005 und 2006 ganz zu schweigen. Die Verkaufszahlen des Basismodells, des zweisitzigen Fortwo, brachen in den ersten neun Monaten um 20 Prozent ein. Was Daimler-Finanzchef Gentz ärgert: Trotz großer Anstrengungen beim Marketing und Vertrieb kommt der Smart bei den Kunden nicht an. Seit der Markteinführung vor sechs Jahren sind Milliardenverluste in Gentz’ Büchern aufgelaufen.

Sei es Robbie Williams, der Werbung für den neuen Smart-Viertürer und Polo-Konkurrenten Forfour macht, oder sei es das Motto „Get wild“, mit dem Deutschlands biedere Autofahrer für den Roadster heiß gemacht werden sollen – das Markenimage lässt sich offenbar nicht so aufladen, wie es BMW mit dem Mini gelang. Und weil der Smart zwar ulkig aussieht, aber kein Kultauto geworden ist, zücken mögliche Kunden den Taschenrechner und nicht die Kreditkarte: „Der Roadster ist lächerlich teuer“, sagt Helaba-Autoanalyst Fabian Kania über den kleinen Sportwagen. „Wer gibt schon 15000 Euro für ein Auto mit Fenstern zum Kurbeln und ohne Radio aus?“

Anders als der ebenfalls teure Mini bleiben die neuen Smart-Modelle hinter den Erwartungen zurück. „Wir wollten dieses Jahr 20000 Roadster verkaufen, Ende September hatten wir gut 10000 erreicht“, sagt ein Smart-Sprecher. „Und im Herbst legen sich wenige Autofahrer ein offenes Auto zu.“ Hoffnungen setzt man in der Böblinger Smart-Zentrale deshalb auf den im September eingeführten Diesel-Forfour, der sich in Frankreich und Spanien besonders gut verkaufen soll. Der Werbeetat für den Viertürer wurde unlängst kurzerhand verdoppelt.

Doch Branchenkenner sind trotzdem skeptisch, ob Smart die Wende allein schafft: „Der Daimler-Chrysler-Vertrieb, der auch für den Smart verantwortlich ist, unterstützt die Marke zu wenig“, sagt der Gelsenkirchener Autoprofessor Ferdinand Dudenhöfer. „Alles dreht sich um Mercedes.“ Da auch die Nobel-Marke zuletzt beim Absatz einbrach, dürfte es für Smart nicht leichter werden. Mit Vertriebsoffensiven, wie der Eröffnung des größten deutschen Smart-Centers am Freitag in Berlin, wird dennoch Kundennähe demonstriert. Aber: „Unser Vertriebsnetz mit rund 120 Händlern in Deutschland ist noch zu dünn“, räumt der Smart-Sprecher ein. „Wir müssten stärker von Mercedes profitieren“, wünscht er sich.

Dass der Smart aber dereinst wie die Uhren seines Erfinders Nicolas G. Hayek überall verkauft werden kann, schließt der Sprecher aus. „Wir halten nichts von einem Discount-Auto.“ Vielleicht muss Jürgen Schrempp auch hier bald etwas richtig stellen.

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