Wirtschaft : Ulric Justin Re Schütt

(Geb. 1935)||All seine Frauen: Großmutter, Ehefrau, Hauptfrau, Satellitenfrauen.

David Ensikat

All seine Frauen: Großmutter, Ehefrau, Hauptfrau, Satellitenfrauen. Es erzählen über Ulli Schütt zwei seiner Satellitenfrauen sowie einer der vielen, vielen Menschen, denen er geholfen hat.

Wo sollen sie nur anfangen? Ulli war ein Genie. Ein Chaot war er. Er konnte tausend Sprachen, Chinesisch hat er auf der Toilette gelernt. Er hatte sechs Semester Jura studiert und war vor Gericht besser als jeder Anwalt. Er hat gemalt, in Öl. Er war der Sartre-Typ, eher nicht so schön, aber die Frauen flogen auf ihn. Er konnte Goethe und Lao Tse auswendig, schrieb Gedichte, Dramen und zuletzt eine europäische Verfassung, aber die ist nicht fertig geworden. Er war Bau-Ingenieur, und das mit Leib und Seele. Ulli konnte von den Frauen nicht lassen, seelenmäßig war er eher Afrikaner. Oder nein, ein Pascha. Ulli hat sich aus dem Staub gemacht, als es nicht mehr weiterging, ganz unten ist er gelandet.

Wir beginnen mit den Frauen, die Frauen stehen auch am Schluss. Die Mutter war eine Frau von Welt, musste also in die Welt hinaus und gab ihren Ulric Justin Re bei der Großmutter ab. Den Vornamen trug er, weil sein Vater Amerikaner war, ein Professor, der 1935 nach Amerika zurückging. Die Großmutter, eine Psychoanalytikerin, war ebenfalls eine Frau von Welt, aber eine, die die Welt in sich trug. Ulli sagte: „Ich hab’ von Omi so viel Liebe bekommen, dass ich ganz viel davon weitergeben kann.“

Der Großmutter baute er sein erstes Haus. Sein zweites baute er für sich und seine Ehefrau und die zwei Söhne. Die Ehefrau verließ ihn mitsamt einem der Söhne, weil sie sich von einem Genie mehr erwartet hatte, als dass es meistens auf dem Sofa liegt und Bücher liest, ab und zu ein Bild malt und auf der Geige spielt.

Es begann die Zeit der Satellitenfrauen, hier ließ er sich von einer umschwirren, dort umkreiste ihn eine andere, und für jede hatte er viel Liebe übrig. Sie saßen bei ihm auf der Terrasse ohne Geländer, auf Autositzen, tranken und aßen Selbstmitgebrachtes, denn auf ihn konnte man sich in der Beziehung nicht so gut verlassen. Sie guckten in die blühenden Marienfelder Bäume und ließen sich von ihm die Welt erklären. Eine von ihnen blieb schließlich bei ihm. Bis zuletzt, trotz allem und trotz aller anderen.

Eine Schönheit war er wirklich nicht, der Mund breit, die Augen eher klein, die Haare unkämmbar. Man sah ihm die Lebensfreude an, das ist viel wichtiger. Und wer außer der Liebe so viel Lebensfreude in sich trägt, der kann nicht zulassen, dass es anderen anders geht. All jene, die sich selbst nicht helfen konnten, taten gut daran, Ulli Schütt zu kennen. Der konnte helfen. Einem jungen Mann, den die Freundin zu Hause rausgesetzt hatte, besorgte er ein Dach überm Kopf und Arbeit und eine neue Frau natürlich auch. Wenn jemand Geld brauchte und Ulli gerade welches in der ausgebeulten Tasche hatte, gab er ab. Hin und wieder verdiente er ja mit der Häuserbauerei ganz gut. Hin und wieder verdiente er damit aber auch gar nichts, weil wieder irgend etwas schief gegangen war – er war ein großartiger Plänezeichner, ein guter Bauleiter eher nicht – oder weil jemand einfach so nicht zahlte. Es kam vor, dass Ulli Schütt vor den Steuerfahndern über die Berliner Dächer flüchten musste: Jemand, der generell kein Geld aufhebt, hebt auch keins fürs Finanzamt auf.

Er fuhr dutzende Autos zu Schrott, schwer verletzt wurde er jedoch als Fußgänger vom Auto eines anderen. Das ist etwa zehn Jahre her, und es begann die Zeit, in der Ulli Schütt die Hilfe anderer benötigt hätte. Es gab genug Leute, die sie ihm anboten. Doch er stürzte sich in eine letzte Passion. Die Frau war 40 Jahre jünger als er und gefangen in ausweglosen Abhängigkeiten. Von ihr kam er nicht los, er hatte doch noch so viel Liebe zu geben. Es gibt den Begriff von den „hilflosen Helfern“, zum Schluss war er wohl so ein Fall.

Im November wurde er an seinem zu großen Herzen operiert und wachte aus dem Koma nicht mehr auf.

„Mensch, Ulli“, seufzen die Satellitenfrauen. Sie hätten ihm so gern geholfen.

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