Wirtschaft : Ulrich Seip

(Geb. 1937)||Der treueste Mensch – absolut bindungslos. Brasilianer, Omani, Berliner…

Dora Winkelmann

Der treueste Mensch – absolut bindungslos. Brasilianer, Omani, Berliner… An manchen Nachmittagen im Spätsommer sitzt Uli Seip auf der Terrasse eines Einfamilienhauses in Berlin-Hermsdorf. Im Garten blühen die letzten Sonnenblumen. Äpfel fallen ins Gras, eine schwarze Katze verschwindet hinter der Hecke. Wenn es windstill ist, kann man die weit entfernte S-Bahn rollen hören. Haus, Katze, Äpfel und Sonnenblumen gehören einer Mathematiker-Familie. Uli ist ihr Gast. Langjähriger Freund der Eltern und für die Kinder Onkel, inzwischen auch schon für die Enkel. Uli Seip besitzt kein Haus und keine Katze. Er hat keine Kinder, und er ist nicht verheiratet. Sein Eigentum besteht aus drei Koffern und einigen Aktien. Sein Zuhause sind seine Freunde.

In den fünfziger Jahren studiert Uli Seip an der Freien Universität in Berlin Mathematik. „Sie haben ja auch schon“, sagt sein Professor „einen sehr mathematischen Namen“, eine Anspielung auf die zahlentheoretische Sprache, auf Sätze wie „Sei p eine Primzahl. Wenn sie gerade ist, dann ist sie eine 2“.

Uli Seip begegnet den Kommilitonen Gisela und Jörg. Er sagt: „Ihr sollt meine Familie sein“, und ungefähr so wird es auch kommen. Uli Seip ist Mitte zwanzig, vielleicht ahnt er, dass er ein Ungebundener bleiben wird, und weiß trotzdem, dass der Mensch Freunde braucht und eine Familie auch und Kinder ganz bestimmt.

Gisela und Jörg heiraten. Sie legen ihre Examen ab. Sie bekommen drei Kinder und ziehen in das Haus nach Hermsdorf. Uli Seip promoviert auch, und dann geht er in die Welt hinaus. Er unterrichtet an Universitäten in New York und Ottawa, Sao Paulo und Genf, in Saudi Arabien und im Oman. Er lebt mit seinen drei Koffern in möblierten Appartements, er wird niemals eine eigene Wohnung besitzen, er will überhaupt nichts besitzen. Er hat kein Mobiltelefon, keine Bankkarte, keinen Computer und keine E-Mail-Adresse, und manchmal ist er lange fort. Er schreibt Briefe. Gisela und Jörg schreiben Briefe zurück. Und sie heben Uli Seips Briefe auf, sorgfältig, gesammelt und geordnet.

Mathematik, sagen die Mathematiker, ist universell. Ihre Sprache international. Es gäbe, sagen sie auch, ein weltweites Netz der Mathematiker, ein ganz eigenes System über Länder und Grenzen hinweg. In dieses System hinein hatte Uli Seip sein Leben fest verankert. Die Hermsdorfer Freunde wissen von anderen Mathematikern, ihren Familien, ihren Kindern in Sao Paulo und in Konstanz. Arabische Gärten, kanadische Katzen, brasilianische Kinder. Andere Freunde. Es war gut, das zu wissen, weil es hieß, dass Uli Seip nicht immer alleine war und nicht immer einsam. Er hat Sao Paulo geliebt und Lissabon. Den Süden mehr als den Norden, die Wärme mehr als die Kälte.

Er hat auch den Garten in Hermsdorf geliebt und ist jedes Jahr im Spätsommer wiedergekommen, geblieben, abgereist, wenn es kühl wurde und endgültig Herbst. Uli Seip, sagt Gisela, sei der treueste Mensch gewesen, den sie je gekannt habe. Absolut bindungsunfähig und absolut treu. Grenzenlos verbohrt und trotzdem tolerant. Keine Scheu vorm Paradox. Ein Weltenbürger, ein Brasilianer, Omani, Berliner und Portugiese zugleich, so habe er sich gefühlt. Kam nach Hermsdorf von so weit weg, setzte sich auf die Terrasse und sprach über die Aktienlage. Dann über Wirtschaft, Politik, Mathematik und ganz am Schluss, wenn es spät geworden war, auch ein wenig über sich selbst. Er neigte zum Monolog, man musste Geduld mit ihm haben und wurde dafür am Ende belohnt, weil er zuhören konnte und genau war und klug.

„Unvorstellbar“ war eines seiner Lieblingsworte. Für einen Mathematiker hat dieses Wort vielleicht auch eine eigene Bedeutung. Dass die körperlichen Beschwerden der letzten Jahre Anzeichen einer ernsten Erkrankung sein könnten – unvorstellbar. Der Spätsommer in diesem Jahr ist so lang und golden und warm, ein Altweibersommer, will gar nicht Herbst werden. Uli Seip kommt nach Berlin, wie immer, ein wenig müder vielleicht, ein wenig schwächer, aber es ist nichts, nichts Ernstes, nichts Schlimmes. Er möchte ins Konzert gehen und Gisela reserviert Karten für die Philharmonie, Mahler, „Das Lied von der Erde“. Da heißt es „Ich wandle nach der Heimat, meiner Stätte, ich werde niemals in die Ferne schweifen – still ist mein Herz und harret seiner Stunde“. Gisela wird diese Musik alleine hören, Uli Seip geht ins Krankenhaus, das Unvorstellbare ist eingetreten. Am Tag nach dem Konzert hört er zu atmen auf.

Auf dem Tisch in dem Einfamilienhaus in Hermsdorf steht eine Schale aus Ton. In der Schale liegen drei runde Steine, ein blauer, ein roter und ein grüner. Zwei Fischlein aus Porzellan und eine bunte Kröte. Kleine Gegenstände von sehr weit her. Uli Seip ist nie gekommen, ohne etwas mitzubringen. Bevor er ins Krankenhaus gegangen ist, hat er Gisela seine drei Koffer übergeben. Und bevor es zu traurig wurde, noch einmal ein mathematisches Problem diskutiert, eine Lösung gezeigt, begeistert und ernsthaft. Vielleicht, vermutet Gisela vorsichtig und tastend, ist die Stätte der Heimat, das letzte Zuhause, dann doch Berlin gewesen. So wie sie es sagt, ist es eher eine Frage. Und trotzdem ein Trost.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben