Ulrich Wickert über Wirtschaftsethik : "Habgier liegt in der Natur des Menschen"

Mit der Krise kommen Fragen nach dem Zusammenhang von Moral und Wirtschaft. Ulrich Wickert schildert in seinem neuen Buch viele Fälle, in denen Gewinn wichtiger ist als Vernunft. Und er hat einen Lösungsvorschlag.

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Ulrich Wickert ist Journalist und Autor zahlreicher Bücher. Der 68-Jährige arbeitete unter anderem in New York und Paris. Von 1991 bis 2006 moderierte er die „Tagesthemen“.
Ulrich Wickert ist Journalist und Autor zahlreicher Bücher. Der 68-Jährige arbeitete unter anderem in New York und Paris. Von 1991...

Herr Wickert, vertragen sich Wirtschaft und Moral überhaupt?

Es gibt Leute, die glauben, Freiheit in der Wirtschaft bedeutet die völlige ethische Unabhängigkeit des Handelns. Das ist natürlich absurd. Wirtschaft ist ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Ethik und Ökonomie können sich deshalb nicht ausschließen. Jeder trägt Verantwortung für die Gemeinschaft.

In Ihrem Buch „Redet Geld, schweigt die Welt. Was uns Werte wert sein sollen“ schildern Sie viele Fälle, in denen Unternehmer lieber einen hohen Gewinn kassieren oder ein gutes Geschäft abwickeln, als sich vernünftig zu verhalten.

Keine Frage. Habgier liegt in der Natur des Menschen. Das steht schon in der Bibel: Der Tanz ums goldene Kalb oder die Geschichte vom König Midas, der wollte, das alles, was er anfasst, zu Gold wird. Es ist furchtbar, wie weit das gehen kann. Korruption zum Beispiel wird von Gier beflügelt – ganze Branchen sind korrupt. Das sage nicht ich, das sagt die Kriminalpolizei.

Hat sich das verschlimmert?

In den 90er Jahren, als alle vom freien Markt geredet haben, hat man an Ethik nicht gedacht. Lange Zeit wurden bestimmte Verhaltensweisen einfach in Kauf genommen. Und erst jetzt – mit der Krise – fängt man an, darüber nachzudenken, wie es anders laufen und was man verändern kann. Dabei gibt es auch schon Unternehmen, die beweisen, dass es anders geht. Bei vielen weiß man das gar nicht.

Zum Beispiel?

Dass eine Firma wie Rolex einer sozialen Stiftung gehört, wissen nur die wenigsten. Andere Firmen haben seit Jahren einen Ethikkodex, wie man handeln soll. Genauso, wie es finanzielle Überprüfungen gibt, gibt es dort Ethiküberprüfungen. Und wenn ein leitender Mitarbeiter in seinem Bereich die Ethikvorstellungen nicht umsetzt, dann fehlen ihm am Ende des Jahres eben 20 Prozent vom Bonus. So muss es leider funktionieren – mit Druck von außen.

Wie bringt man Menschen bei, sich nach ethischen Prinzipien zu richten?

Es gibt den langfristigen Weg, und es gibt das, was man gleich machen kann. Der langfristige Weg bedeutet, dass wir Wirtschaftsethik zum Pflichtfach an den Wirtschaftsfakultäten und an den Business Schools machen müssen. Das zweite ist, dass wir einen öffentlichen Druck aufbauen müssen gegen diejenigen, die sich gegen die gesellschaftlichen Regeln, gegen die ethischen Werte verhalten.

Sie plädieren für ein öffentliches Anprangern?

Die Leute dürfen nicht denken, sie kommen mit allem durch. Gucken Sie sich den Fall Klaus Zumwinkel an: Dass gegen ihn wegen Steuerhinterziehung eine Geldauflage in Höhe von einer Million Euro verhängt worden ist, wird ihm nicht so wehgetan haben wie der Umstand, öffentlich vorgeführt zu werden und dass er bei all seinen ehemaligen Freunden den Respekt verloren hat. Dass er sich plötzlich schämen muss.

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