Wirtschaft : Umweltschützer fordern Reaktivierung stillgelegter Gleise

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Der verkehrspolitische Sprecher des BUND spricht von "Schrumpfbahn" und einer desolaten Lagero

Die Deutsche Bahn AG wird sich nach Ansicht des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) nur dann aus ihrer "desolaten" Lage befreien können, wenn sie das Streckennetz nicht ausdünnt, sondern ganz gezielt ausbaut. "Wir brauchen keine Schrumpfbahn, sondern eine Flächenbahn", sagten Richard Mergner, verkehrspolitischer Sprecher des BUND, und Professor Heiner Monheim von der Universität Trier. Sie fordern die Reaktivierung von 15 000 Kilometern stillgelegter Gleise, die Einrichtung von 6000 neuen Haltepunkten, 20 000 neue Regionaltriebwagen, eine konsequente Vertaktung der Züge und attraktive Preise. Dafür seien jährlich Investitionen von 3,5 Milliarden Euro erforderlich. Die Hälfte werde durch die Einnahmen von neuen Kunden gedeckt.

Mit dieser Strategie könne die Bahn gemeinsam mit den Bundesländern innerhalb von 15 Jahren ihr Angebot für den Personenverkehr vervier- und für den Güterverkehr verdreifachen und ihren Anteil am gesamten Personenverkehr von derzeit sieben Prozent auf 22 Prozent im Jahr 2010 steigern, betonte Mergner am Freitag in Frankfurt.

Die innovativen Marketingansätze des neuen Bahnchefs Hartmut Mehdorn und sein Ziel, die Investitionen auf das bestehende Netz zu konzentrieren, werden vom BUND begrüßt. "Sein Vorhaben, die Bahn innerhalb von drei bis vier Jahren in einen attraktiven Börsenkandidaten umzuwandeln und massiv Arbeitsplätze abzubauen ist jedoch weder verkehrspolitisch sinnvoll noch ökologisch vertretbar", sagte Mergner. Verkehrsexperte Monheim hält wenig davon, dass die Bahn einen Großteil ihrer Investitionen auf Großprojekte wie die Bahnhofsvorhaben Stuttgart 21 und Frankfurt 21 oder den Neubau von ICE-Strecken wie etwa zwischen Nürnberg und Berlin konzentriert.

Sechs Jahre nach der Bahnreform sieht der BUND die Bahn bis auf wenige Lichtblicke in einer "desolaten" Lage. "Sie ist weiter denn je von ihrem Ziel entfernt, mehr Verkehr auf die Schiene zu holen." Immer noch stecke das Unternehmen in einer Umstrukturierungsphase, in manchen Bereichen herrsche das "blanke Chaos". Der jüngste Bahnunfall in Brühl weise auf bestehende Mängel hin. "Und die Schulden, die vor sechs Jahren weg waren, haben sich schon wieder aufgetürmt und drohen wieder zu einem ähnlichen Berg anzuwachsen". Der vom neuen Bahnchef erhoffte Befreiungsschlag sei bislang ausgeblieben.

Monheim und Mergner beklagen, dass die Bahn bis 2004 ein Viertel der Zugkilometer streichen will. Dabei sei das Netz heute schon so löchrig wie ein "Schweizer Käse". Sie monieren auch, dass die Bahn in den vergangenen Jahren rund 6000 Bahnhöfe geschlossen habe und 75 Prozent der bestehenden Bahnhöfe in einem "lausigen" Zustand seien. Dies gelte auch für die meisten Züge, die in der Fläche unterwegs seien.

Auch für die Verkehrspolitik der Bundesregierung hat Monheim wenig Verständnis. Das Anti-Stauprogramm von Verkehrsminster Klimmt führe nicht zu weniger, sondern zu mehr Staus. Insgesamt habe die rotgrüne Regierung das Ziel aufgegeben, mehr Verkehr auf die Schiene zu holen.

Unterdessen zeichnet sich ein heftiger Streit zwischen Bahn und Finanzministerium ab. Nach Angaben des verkehrspolitischen Sprechers der Grünen und Bahnaufsichtsratsmitglied Albert Schmidt hält der Finanzminister 1,8 Milliarden Mark für Investitionen in das bestehende Schienennetz zurück. Deshalb habe die Bahn ein Ausschreibungs- und Vergabeverbot für Baumaßnahmen verfügen müssen.

Um der Bahn und dem Schienenverkehr allgemein mehr als bisher den Rücken zu stärken werden sich 18 Verbände am 22. Februar in Dortmund auf Anregung der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) zur "Allianz pro Schiene" zusammenschließen. Neben der Eisenbahn-Gewerkschaft gehören Umweltschutzverbände, mehrere Verkehrs- und Automobilclubs und Verbände von Bahn-Angestellten zur "Allianz pro Schiene", die sich in Berlin ansiedeln und dort gezielte Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit betreiben will.

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