Wirtschaft : Unbeliebt

Utz Claassen gibt den Chefposten bei EnBW auf Druck seiner Aktionäre ab

M. Hennes[S. Iwersen (HB)]

Stuttgart - Er geht, bevor man ihn fortjagt. Zwei Wochen, bevor die Karriere von Utz Claassen bei der Energie Baden-Württemberg auf eine Weise endet, die so gar nicht in seine Vorstellungswelt passt, lässt der Vorstandsvorsitzende seine eigene Version der Wirklichkeit verbreiten. Claassen stehe für eine Verlängerung seines im April 2008 auslaufenden Vertrages nicht zur Verfügung, heißt es in einer EnBW-Mitteilung. Dabei ist beim Stromkonzern, dem drittgrößten in Deutschland, fast mit Händen zu greifen: Niemand hier hält es mit diesem Menschen länger aus. Bei der Aufsichtsratssitzung Anfang Juli sollte eine Entscheidung fallen.

„Der Mann hinterlässt nur verbrannte Erde“, sagt ein Manager, der die EnBW noch kannte, „bevor dieser Kerl hier einfiel“, wie er sagt. Claassens Führungsstil bezeichnen selbst Freunde als „knallhart“ – andere als „bösartig“. So etwas ist man im Schwabenland nicht gewohnt. Es fing schon schlecht an. Als Utz Claassen am 25. April 2003 bei der Hauptversammlung ans Mikrofon tritt und verkündet, er kenne ja Strom bislang nur aus der Steckdose, findet das kaum jemand im Saal witzig. Das Urteil über Claassen ist nur in Teilen gespalten. Der Analyst vor Ort, Reiner Haier von der LBBW, hält ihm zugute, dass Claassen die EnBW saniert habe. Manager des Konzerns allerdings weisen darauf hin, dass das Effizienzprogramm Top- Fit noch von seinem Vorgänger aufgelegt wurde.

Claassen hat aber auch eigene Ideen. Im Herbst vergangenen Jahres heckt er einen tollkühnen Plan aus: die Übernahme des nach Umsatz gemessen dreimal größeren Essener Konkurrenten RWE. Er wird bei der NRW-Landesregierung in Düsseldorf vorstellig, um die politischen Aussichten des Coups zu eruieren. Und blitzt ab. Die Attacke auf RWE löst auch einen heftigen Streit mit den eigenen Anteilseignern aus. Der französische Stromkonzern EDF und die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW), die beide je 45 Prozent halten, fühlen sich überrumpelt. Die Risiken einer RWE-Übernahme sind ihnen entschieden zu hoch. Bei der Aufsichtsratssitzung im April, als Claassen mit einer – nach üblichen Gepflogenheiten sicheren – Verlängerung seines Vertrags rechnet, steht der Punkt nicht einmal auf der Tagesordnung. Claassen ahnt nun, dass er sich unbeliebt gemacht hat. Um sich ein ähnliches Schicksal wie Siemens-Chef Klaus Kleinfeld zu ersparen, kündigt er am späten Dienstagabend seinen Rückzug an. M. Hennes, S. Iwersen (HB)

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