Wirtschaft : Unbezahlbare Pläne des Bundes: Das Milliarden-Patchwork

Armin Lehmann

Eigentlich hat Deutschland kein Geld. Und eigentlich ist es der Job von Finanzminister Hans Eichel (SPD), diesen Umstand landauf, landab zu predigen - am besten täglich. Doch eigentlich gibt es noch wichtigere Dinge als die Reduzierung der hohen Staatsschulden, findet die Bundesregierung: den Militär-Airbus A 400 M und die Magnetschwebebahn Transrapid, ihre beiden wichtigsten rüstungs- und technologiepolitischen Projekte.

Grafik: So teilen sich die Länder Europas den Bau des Airbus A 400 M Doch diese Prioritätensetzung beschert der Koalition derzeit eine Menge Ärger. Denn die Projekte wollen finanziert werden. Aber eigentlich fehlt für die beiden ehrgeizigen Vorhaben das Geld im aktuellen Haushalt: Für den Airbus hatte die Regierung 3,5 Milliarden Euro zu wenig im Verteidigungsetat veranschlagt, für die beiden Transrapid-Strecken im Ruhrgebiet und in München ist gar kein Geld vorgesehen. Deshalb können die Bundeszuschüsse an Bayern und Nordrhein-Westfalen auch erst ab 2003 fließen.

Das realistischere der beiden Vorhaben ist daher der Militärairbus. Er soll helfen, den Hersteller, die im Juli 2000 gegründete "European Aeronautic Defence and Space Company" (EADS), zum weltweit führenden Rüstungshersteller zu machen - das zumindest wünscht sich die Konzernleitung. Dieses Ziel passt ganz gut zum europäischen Ehrgeiz einer gemeinsamen Verteidigungspolitik. Die EADS ist das Vorzeigemodell für diesen europäischen Anspruch - und ihre Produkte, das Jagdflugzeug Eurofighter und der A 400 M, die schärfsten Waffen gegen die USA auf dem umkämpften Rüstungsmarkt. Als es in den vergangenen Wochen ausgerechnet die Deutschen waren, die wegen der ungesicherten Finanzierung das Projekt gefährdeten, drohte die EADS: "Ohne den A 400 M würde das Entstehen eines europäischen Verteidigungsmarktes einen schweren Rückschlag erleiden."

Seltene Einigkeit

Richtig ist auf jeden Fall, dass sich die Europäer noch nie so einig waren wie bei diesem Flugzeug. Neun Länder hatten sich ursprünglich auf die Entwicklung des Fliegers verständigt, acht sind übrig geblieben - Italien zog zurück. Man wollte Gemeinsamkeit demonstrieren, und man wollte Europas Militärindustrie wettbewerbsfähig machen. Bisher wird der Markt der Militärtransporter noch zu mehr als 90 Prozent von den beiden US-Herstellern Boeing und Lockheed Martin dominiert. Das wollen die Europäer gerne ändern. Mit dem A 400 M. Obwohl es auch günstigere Alternativen gegeben hätte. Zum Beispiel die ukrainische Antonow, die, modernisiert, auch den eigenen Ansprüchen hätte gerecht werden können. Altkanzler Kohl hatte sich noch für das Konsortium stark gemacht, konnte sich aber gegen Frankreich nicht durchsetzen.

Nun ist die Entscheidung längst gefallen - für dieses seltene Patchwork-Projekt, das der EADS-Konzernstruktur gut entspricht. Das Unternehmen ist hervorgegangen aus der Fusion der Münchner Daimler-Chrysler Aerospace (Dasa), der französischen Aérospatiale Matra und der spanischen Construccíones Aeronautics (Casa). EADS besitzt 80 Prozent von Airbus, 20 Prozent hält die britische Bae Systems. Insgesamt liegt der Auftragswert bei 18 Milliarden Euro.

Der Beschaffungspreis, der durch den Ausstieg der Italiener und die Verzögerungen durch den Finanzierungs-Streit noch einmal steigen dürfte, soll bei 88 Millionen Euro pro Stück liegen. 196 Maschinen sind bestellt, davon will die Bundeswehr allein 73. Frankreich hat 50 bestellt, Spanien 27, Großbritannien 25, die Türkei zehn, Belgien und Luxemburg acht und Portugal drei.

Europaweit werden rund 40 000 Menschen an der Produktion arbeiten, davon 11 000 allein in Deutschland, vor allem im Augsburger EADS-Werk. Die deutsche EADS-Airbus wird vermutlich 26 Prozent der Arbeiten am Gesamtflugzeug erledigen.

In Deutschland werden unter anderem die Mittel-Rumpfsektion, das Seitenleitwerk und die oberen Flügelbeplankungen gefertigt. Die französische Aérospatiale soll zum Beispiel das Rumpfvorderteil einschließlich des Cockpits sowie des Flügelmittelkastens liefern und trägt die Verantwortung für das Flugsteuerungssystem. Die Bae Systems übernimmt den Tragflügel. Die spanische Casa ist für das Höhenleitwerk und die Endmontage zuständig, die in Sevilla erfolgen soll. Der erste A 400 M wird jedoch nicht vor 2004 fliegen. Die erste Auslieferung soll Ende 2006 erfolgen. Zwischen 2007 und 2015 soll der Militär-Transporter schrittweise die Flugzeugtypen C-130 Hercules und die C-160 Transall ersetzen.

Platz für einen ganzen Hubschrauber

Der neue Flieger ist anders als die Transall ein Allrounder. Trotz seiner 124 Tonnen gilt er als besonders flexibel einsetzbar: als Truppentransporter, als Tankflugzeug, als Lazarettflugzeug, für humanitäre Einsätze. Die Nutzlast von 32 Tonnen - doppelt so viel wie die der Vorgängermodelle - soll für jeweils neun Frachtplatten oder 108 Fallschirmspringer, sechs Jeeps mit Anhänger, ein Flak-Raketensystem oder einen Tiger-Panzerabwehrhubschrauber ausreichen.

Genau diese Vielseitigkeit, heißt es, brauchen die Bündnispartner für die neuen Aufgaben: den Kampf gegen Terror und den Friedensmissionen "Out-of-Area". Dann könnte die Bundeswehr zum Beispiel direkt von Brüssel bis nach Kabul fliegen und müsste in der Türkei nicht mehr umsteigen.

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