Wirtschaft : Underberg will Becherovka schlucken

CLAUDIA STEINER (dpa)

Der tschechische Schnapshersteller wird privatisiert / Möglicherweise Berliner Standort betroffenVON CLAUDIA STEINER (dpa)

DÜSSELDORF / PRAG.Underberg plant eine Wiedervereinigung auf dem Spirituosenmarkt.Wenn die tschechische Regierung dem Konzept des Schnapsherstellers zustimmt, könnte bald ein jahrzehntelanger Streit um den böhmischen Kräuterlikör "Becherovka" - im Westen als "Karlsbader Becher" bekannt - beigelegt werden.Der Streit um die Rechte begann nach dem Zweiten Weltkrieg, als die sudetendeutsche Herstellerfamilie Becher vertrieben und enteignet wurde.Becher verkaufte seine Markenrechte Anfang der 80er Jahre an das Familienunternehmen Underberg.Die volkseigene tschechische Firma Jan Becher (Karlsbad) und die zu Underberg gehörende Johann Becher Liqueurfabrik (Berlin) haben immer wieder vor Gericht um die weltweiten Markenrechte für den Likör gekämpft.Während der tschechische Betrieb heute Markenrechte in 28 Ländern hält, darf die Berliner Fabrik das Getränk in 29 Ländern vertreiben. Dem Hickhack will Underberg nun ein Ende setzten: "Da ist ein Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg auseinandergerissen worden und ich habe angeboten, daß wir es wieder zusammenführen", sagte Emil Underberg, Mitinhaber der Underberg AG, Zürich/Schweiz, jetzt in Prag.Bei der anstehenden Privatisierung von Jan Becher will Underberg zusammen mit dem größten tschechischen Sektproduzenten Bohemia Sekt a.s.mit einer Minderheitsbeteiligung einsteigen.Für die Prager Regierung ist die Lösung der Markenrechtsfragen eine wichtige Voraussetzung für den Zuschlag."Mit Bohemia haben wir in Fragen der Verkaufs- und Preispolitik in hohem Maße Übereinstimmung gefunden", erklärte Underberg, dessen Gruppe jährlich eine Mrd.DM umsetzt. In einer Vereinbarung mit dem Sektproduzenten hat sich Underberg verpflichtet, alle markenrechtlichen Streitigkeiten zu lösen.Zudem will der Kräuterschnaps-Hersteller die eigene Becherovka-Produktion in Berlin mit derzeit einer Million Flaschen pro Jahr einstellen und nach Karlsbad verlagern, wo im vergangenen Jahr 94 000 Hektoliter des Kräuterlikörs hergestellt wurden.Die Verlagerung von Berlin wäre für den hiesigen Standort vernachlässigbar, da die Unterberg-Gruppe in Heiligensee rund 300 Mill.Flaschen im Jahr abfüllt. 1996 wurden im deutschen Lebensmittel-Einzelhandel 648 300 Flaschen Becherovka abgesetzt (1995: 585 400 Flaschen)."Ich glaube, daß die Marke sehr gute Chancen hat", sagte Underberg.Der Unternehmer hofft auf jährliche Wachstumsraten von zehn bis 20 Prozent.Doch um Jan Becher buhlen neben Bohemia sechs weitere Firmen, darunter Eckes, Pernod-Ricard und die britische United Distillers/Guinness.Der Kaufpreis für 89 Prozent der Aktien beträgt mindestens 47,6 Mill.DM.Die restlichen elf Prozent sollen an den Geschäftsführer von Jan Becher, an die Stadt Karlsbad und an den Fonds für Nationales Eigentum gehen. Sollten die Underberg-Konkurrenten den Zuschlag erhalten, so sind wohl weitere gerichtliche Auseinandersetzungen um den Markennamen programmiert.Bohemia ist Underbergs Favorit: "All die anderen, die an dem Tender (öffentliche Ausschreibung) teilgenommen haben und behaupten, sie würden mit Underberg verhandeln, sagen nicht die Wahrheit".Bohemia sei daher die einzige Firma, welche die Kriterien der öffentlichen Ausschreibung bei der Privatisierung erfüllen kann, heißt es.Am 20.August soll die Prager Regierung die Entscheidung über die Zukunft der begehrten Traditionsmarke treffen.

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