Wirtschaft : Ungarn

PolitischesUmfeld
Die von Sozialisten (MSZP) und Liberalen (SZDSZ) getragene Koalitionsregierungunter Gyula Horn bleibt trotz der letztjährigen Erfolge einem starkemDruck zu fiskalischen Einsparungen ausgesetzt.Zwar sank die öffentlicheNeuverschuldung drastisch von 6,8% des Bruttoinlandsprodukts in 1995 auf3,3% im vergangenen Jahr.Für das laufende Jahr ist jedoch ein erneuterAnstieg dieses Koeffizienten zu erwarten, der ausschließlich auf einegeänderte Verbuchung des Schuldendienstes auf Auslandsverbindlichkeitenzurückgeht.Diese Anpassung an internationale Standards erhöhtdas staatliche Defizit um knapp 2% des BIP.Insgesamt hat die derzeitigeAdministration ihre Handlungsfähigkeit im vergangenen Jahr erneut unterBeweis gestellt.Insbesondere ist positiv zu werten, daß die im Zugedes Privatisierungsskandals vorgenommenen Neubesetzung politischer Schlüsselämterden Privatisierungsprozeß kaum beeinträchtigt hat.Zugleich erlegtensich die Koalitionäre mit Blick auf die dringend erforderlichen Einschnittein den Leistungskatalog der Sozialversicherungen aber noch Zurückhaltungauf.Trotz eines in 1996 auf über 1% des BIP gestiegenen Fehlbetragesin den Kassen der Sozialversicherungsträger wird die seit längeremdiskutierte Reform frühestens im April vom Parlament verabschiedetund deshalb nicht vor 1998 in Kraft treten können. Binnenwirtschaft
Das Wachstum der ungarischen Volkswirtschaft fiel im vergangenen Jahrmit 0,5% recht mager aus.Der entscheidende Auftriebsimpuls kam vom Export,wenngleich im geringeren Umfang als im Vorjahr.Die Veränderung desAußenbeitrags entsprach bei einem realen Anstieg der Waren- und Dienstleistungsausfuhrenum knapp 9% und weitestgehender Stagnation der Einfuhren annähernd3% des BIP (1995 waren es noch 5%).Demgegenüber ging der Private Verbrauchbei weiterhin sinkenden Reallöhnen um 4% zurück.Da die Konsolidierungsmaßnahmenbei der Staatsnachfrage ebenfalls keinen Anstieg erwarten ließen,war auch die Investitionstätigkeit sehr verhalten.Nach den erstendrei Quartalen 1996 stand sogar ein Rückgang der Bruttoanlageinvestitionenum 7,5% gegenüber der Vorjahresperiode zu Buche.Allerdings steigtdie Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe kontinuierlich an.Beim zuletzt erreichten Auslastungsgrad von 80% dürften in 1997 mehrUnternehmen dazu übergehen, ihre Kapazitäten aufzustocken.ZwischenOktober und Dezember schlug sich dies bereits in einem realen Anstieg derBruttoanlageinvestititonen um 6% gegenüber dem Vorjahresquartal nieder,so daß insgesamt nur eine Schrumpfungsrate von 4,4% hingenommen werdenmußte.Zumindest die Phase sinkender Reallöhne dürfte Ungarnnunmehr überwunden haben.Somit wird in 1997 eine Verlagerung der Wachstumskräfteauf die Komponenten der Binnennachfrage, insbesondere auf den Privaten Verbrauchund die Investitionsnachfrage zu beobachten sein.Insgesamt rechnen wirmit einer Wachstumsbeschleunigung auf 2,5% bei einer gleichzeitigen Verringerungdes Außenbeitrags um 2% des BIP.Die sich belebende Binnenkonjunkturbegrenzt zugleich die Spielräume bei der Inflationsbekämpfung.Gemessen an den Stundenlöhnen zeichnete sich zuletzt sogar ein intensivererKostendruck für die Unternehmen ab.Die sukzessive Abschaffung derim März 1995 eingeführten Importabgabe wird sich hingegen im Verbundmit der realen Aufwertung des Forint entlastend an der Preisfront auswirken.Die Importzuschläge sind bereits von 8% auf 6% gekürzt worden.Dies hat mit dazu beigetragen, daß sich der Anstieg der Importpreisevon 31,7% im Schlußquartal 1995 auf 16,2% im dritten Quartal des vergangenenJahres zurückbildete.Ausgehend vom aktuellen Niveau erwarten wir insgesamteinen im Jahresverlauf nur moderaten Rückgang der Inflationsrate. Zahlungsbilanz
Der Auslandsabsatz der ungarischen Industrie entwickelte sich zur Jahresmitte1996 schwächer als der Inlandsabsatz, obwohl zu dieser Zeit die Konjunkturauf den Hauptabsatzmärkten in Westeuropa zunehmend an Schwung gewann.Im zweiten und dritten Quartal sanken die Auslandsverkäufe real sogargegenüber der jeweiligen Vorperiode.Dabei hätten mit der fortschreitendenEinbindung ungarischer Anbieter in die internationale Arbeitsteilung eigentlicheher überdurchschnitttliche Wachstumsraten des Auslandsabsatzes verzeichnetwerden müssen.Zwar dürfte ein deutlicher Anstieg der Auslandsverkäufeim Schlußquartal 1996 für eine Steigerung im Gesamtjahr um rund15% gesorgt haben.Diese hohe Rate geht jedoch im wesentlichen noch aufdie Wechselkurskorrektur im Frühjahr 1995 zurück.Der um das Inflationsgefällezu den wichtigsten Handelspartnern bereinigte reale effektive Wechselkurswar im zweiten Quartal 1995 stark gefallen, hatte diesen Rückgang jedochbis zum Frühsommer 1996 kompensiert und ist seither kaum noch Veränderungenunterworfen.Für das laufende Jahr kann deshalb keine durch den Wechselkursbegünstigte Exportdynamik mehr unterstellt werden.Die Leistungsbilanzschloß im Dezember mit einem ungewöhnlich hohen Fehlbetrag von501 Mio.US-$ ab.Das kumulierte Defizit betrug im Gesamtjahr 1.678 Mio.US-$.Vorrangig zeichnet der Warenhandel für den Defizitanstieg verantwortlich.Die Einfuhren lagen im Dezember um 26% über dem Niveau des Vorjahresmonats,während die Exporte nur um 17% expandierten.Somit ergab sich im Dezemberein Handelsbilanzdefizit in Höhe von 416 Mio.US-$.Der im Gesamtjahrzu verzeichnende Fehlbetrag kletterte auf 2,6 Mrd.US-$.Im Vergleich zumVorjahr war der Defizitanstieg im Warenhandel (1,2 Mrd.US-$) wesentlichgrößer als bei den laufenden Transaktionen insgesamt (0,8 Mrd.US-$).So konnte insbesondere der ungarische Zinsdienst gegenüber demAusland im Vergleich zum Vorjahr beträchtlich reduziert werden, dader rege Kapitalzufluß in der Vergangenheit zum Abbau der Nettoauslandsverschuldunggenutzt wurde.Zugleich ging auch der Spread für ungarische Anleihenvon 300 auf unter 50 Basispunkte zurück.Die fälligen Zinszahlungenreduzierten sich um ein Viertel auf 1,2 Mrd.US-$.Darüber hinaus verbuchteman auch eine Verdopplung der Einnahmen im Tourismusgeschäft.Der Reiseverkehrmit dem Ausland verursachte per saldo einen Devisenzufluß von 1,3Mrd.US-$, nachdem im Vorjahr lediglich 653 Mio.US-$ in die Kassen kamen.Darüber hinaus sorgen auch Kapitalzuflüsse im Rahmen von ausländischenDirektinvestitionen dafür, daß die sich wieder öffnendeSchere zwischen Warenein- und -ausfuhren nicht in einen erneuten Anstiegder Auslandsverschuldung mündet.Obwohl die Direktinvestitionen mit1,8 Mrd.US-$ beträchtlich hinter dem Vorjahresniveau zurückblieben,waren sie dennoch immer noch höher als das Leistungsbilanzdefizit. Kennzahlen zur Länderbeurteilung : UNGARN Einwohnerzahl: 10,2 Mio. 1994 1995 1996* 1997** 1. Handelsbilanzsaldo (Mio.US-$) -3716 -2437 -2645 -2800 2. Warenexport in % des Warenimports 67,3 84,1 84,3 84,8 3. Exportwachstum auf Dollarbasis (%) -5,8 68,1 10,3 10,0 4. Agrarausfuhr in % des Gesamtexports 20,,5 21,8 .. .. 5. Leistungsbilanzsaldo (Mio.US-$) -4054 -2535 -1678 -1800 6. Leistungsbilanzsaldo in % des Bruttoinlandsprodukts (nominal) -9,8 -5,6 -3,8 -3,9 7. Direktinvestitionen des Auslands (Mio.US-$, netto) 1095 4476 1788 1650 8. Auslandsverschuldung (Mio.US-$) 28763 31713 27859 28749 a) in % eines Jahresexports 1) 1477,3 1345,5 1185,5 1343,4 b) in % des Bruttoinlandsprodukts 462,9 376,9 323,8 475,7 9. Schuldendienstkoeffizient (%) 1) 319,2 357,0 366,2 282,4 davon Zinsendienstkoeffizient (%) 1) 100,0 100,0 100,0 100,0 10. Verschuldung gegenüber ausländischen Banken (Mio.US-$) 7932 8037 7494 .. davon mit Restlaufzeit bis zu einem Jahr (%) 30,7 34,6 34,9 .. davon mit Restlaufzeit bis zu zwei Jahren (%) 41,6 42,9 42,1 .. 11. Guthaben bei ausländischen Banken (Mio.US-$) 1967 2547 2691 .. 12. Währungsreserven (Mio.US-$), ohne Gold 6810 12052 10000 13000 13. Währungsreserven in Monatsimporten (Monate) 1) 14. Reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (%) 2,9 1,5 0,5 2,5 15. Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (US-$, nominal) 4046 4398 4318 4523 16. Inflationsrate (%) 18,8 28,3 23,4 18,5 17. Saldo des Staatshaushalts in % des Bruttoinlandsprodukts -10,2 -8,6 -5,1 -5,0 18. Investitionen in % des Bruttoinlandsprodukts 23,0 23,4 21,0 22,0 1) Waren, Dienstleistungen. * geschätzt, ** Prognose ..Zahlen nicht verfügbar Verschuldung
Der nominelle Rückgang der Bruttoauslandsverschuldung um 3,9 Mrd.US-$auf 27,9 Mrd.US-$ mündete in eine signifikante Verbesserung der Verschuldungsindikatoren.In Relation zu den Deviseneinnahmen aus Waren- und Dienstleistungsexportenbetrugen die Verbindlichkeiten zum Jahresende 1996 nur noch 137% (1995:177%).Im Verhältnis zum BIP sanken sie von 71% in 1995 auf 63% in1996.

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