Wirtschaft : Ungleicher Lohn für gleiche Arbeit (Kommentar)

Alfons Frese

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit - dieser Leitsatz der gewerkschaftlichen Interessenvertretung ist inzwischen eine Phrase. Das zeigt nicht nur der Abschluss im Bankgewerbe: "alte" Bankangestellte erhalten künftig für die Arbeit am Sonnabend Zuschläge, "neue" Mitarbeiter dagegen nicht. Ungleichbehandlungen werden üblich. In der Chemie etwa bekommen Arbeitslose bei der Neueinstellung etwas weniger Geld als den Tariflohn; zehn Prozent weniger Einstiegslohn soll die Einstellungsschwelle ein wenig nach unten rücken. Oder nehmen wir die regionalen Unterschiede, insbesondere die Ost-West-Differenz: Im Osten sind Löhne und Gehälter noch immer deutlich unter Westniveau. Das ist wegen der unterschiedlichen Produktivität - regional und sektoral - gerechtfertigt. Aber das heißt nicht, dass die Krankenschwester aus Erfurt schlechter oder weniger sorgfältig arbeitet als die Kollegin aus einem Krefelder Krankenhaus?

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit - dieser Ansatz hat sich auch überlebt, weil Tätigkeiten und Arbeitsverhältnisse vielfältiger werden. Und weil die junge Generation ihre materiellen Arbeitsbedingungen lieber individuell aushandelt, anstatt kollektiven Regeln zu vertrauen. Und die Gewerkschaften? Deren Geschäft wird nicht einfacher, aber sie haben keine Alternative zu größerer Flexibilität und Differenzierung: sowohl bei der Gestaltung der Arbeitszeit als auch bei Löhnen und Gehältern. Die DAG hat sich auf die problematische Zuschlagslösung für Bankmitarbeiter eingelassen, um überhaupt einen Tarifvertrag zu bekommen. Die HBV ist dagegen. Nun wollen beide Gewerkschaften in gut einem Jahr mit drei weiteren fusionieren - bis dahin werden noch viele Funken fliegen.

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