Wirtschaft : „Unser Interesse an Deutschland ist begrenzt“

Hans-Joachim Gornig, der Chef von Gasprom Germania, über Schalke 04, Energiepreise und warum er sich von der EU nicht enteignen lassen will

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Herr Gornig, Gasprom ist vor Kurzem Hauptsponsor bei Schalke 04 geworden. Warum ausgerechnet Schalke?

Schalke hat anderen Wettbewerbern gegenüber eine ganze Reihe von Vorzügen. Entscheidend ist, dass sich Schalke im Ruhrgebiet und damit im Schmelztiegel der deutschen Energiewirtschaft befindet. Schalke prägt die Tradition der Energieerzeugung, der Steinkohle, der Bergleute. Gasprom macht unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts genau dasselbe: Wir erzeugen Wärme. Und natürlich passt das Königsblau von Schalke gut zum Blau unseres Logos.

Hertha BSC wäre also nicht in Frage gekommen?

Hertha war ebenfalls im Gespräch, die Farbe stimmt ja auch hier. In Berlin fehlt aber der Bezug zur Energiewirtschaft. Trotzdem engagieren wir uns hier: Über unsere 50-prozentige Tochter Wingas sind wir Exklusiv-Partner von Hertha. Das ist nicht ganz so viel wie ein Hauptsponsoring, aber immerhin.

Auf Schalke wurde der Gasprom-Deal heiß diskutiert wie selten ein Sponsoren- Vertrag. Wie erklären Sie sich das?

Als russisches Unternehmen ist Gasprom natürlich ein besonderes Thema. Mögliche Berührungsängste werden sich aber legen – allein dadurch, dass in Zukunft weitere russische Unternehmen nach Deutschland kommen.

Der russische Staat hält an Gasprom die Mehrheit der Anteile. Wie politisch ist der Konzern?

Ich glaube, so politisch wie andere große Konzerne auch. Wie politisch ist die Deutsche Bahn? Solange sie in Staatsbesitz ist, wird sie immer einem starken Einfluss der Öffentlichkeit unterliegen. Aber auch andere Unternehmen wie Siemens stehen im Austausch mit der Politik. Das ergibt sich aus der natürlichen Interessenlage. Für Gasprom gilt das natürlich besonders. Zum Beispiel verkauft Gasprom zwei Drittel seines Gases auf dem russischen Heimatmarkt, und zwar zu niedrigen Tarifen. Die russische Wirtschaft und die privaten Haushalte sollen nicht mit zu hohen Energiepreisen belastet werden. Das ist natürlich ein politisches Ziel.

Innenpolitisch mag das ja angehen. Aber wird Gasprom nicht auch für die Außenpolitik des Kreml benutzt?

In Russland gibt es einen Werbespruch, sinngemäß lautet er: „Gasprom – unser nationaler Stolz.“ Andererseits ist die Frage der Energieabhängigkeit ein Geben und Nehmen beider Seiten. Ich glaube, dass Gasproms Rolle in der gegenwärtigen außenpolitischen Situation überbewertet ist; gleichwohl ist sie existent. Dass man Gas auch als internationale Karte politisch nutzt, wird von der Gegenseite ja sogar gefordert. Schließlich war es der deutsche Außenminister, der die Frage der Energieabhängigkeit zum Bestandteil seiner Politik erklärt hat. Das Gleiche gilt für den Energiekommissar der EU, Andris Piebalgs.

Herrn Steinmeier und Herrn Piebalgs wäre es sicher lieber, wenn es auf russischer Seite mehrere Gasanbieter gäbe statt eines Konzerns, der über das Exportmonopol verfügt.

Das Exportmonopol unterscheidet uns nicht von anderen Unternehmen in der Welt, die für ihre jeweiligen Volkswirtschaften eine ähnliche Rolle spielen wie Gasprom für Russland. Auch in Norwegen gab es bis vor wenigen Jahren so etwas wie ein Exportmonopol für Gas. Erst ab einem bestimmten Zeitpunkt erlaubt es die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes, das auch anders zu machen. Ich prophezeie, dass das in Russland ähnlich sein wird. Derzeit ist das Exportmonopol für die Stabilisierung der russischen Volkswirtschaft aber richtig.

Und langfristig wird es fallen?

Langfristig denkt man darüber nach. Es gibt Regierungsbeschlüsse, die etappenweise auf eine Liberalisierung des Marktes abzielen. In sieben bis zehn Jahren könnte ich mir schon vorstellen, dass die Sache anders aussieht.

Gasprom hat mehrfach angekündigt, sich an europäischen und vor allem auch an deutschen Unternehmen stärker zu beteiligen. Im Westen scheint das aber niemand so recht zu wollen, oder?

Das muss man differenziert sehen. Das beste Beispiel ist die 16-jährige Zusammenarbeit von Gasprom mit der BASF- Tochter Wintershall. Sehr erfolgreich betreiben wir etwa das gemeinsame Joint Venture Wingas. In der vergangenen Woche haben wir zudem eine Partnerschaft mit der italienischen Eni geschlossen; in ein paar Jahren wird es Ähnliches in Frankreich geben. Etwas anderes ist der Fall des britischen Versorgers Centrica. Hier hatten wir den Versuch eines Einstiegs gewagt, und dieser Versuch ist gleich im Keim erstickt worden. Die Reaktion in der britischen Gesellschaft kam einem Aufschrei gleich: Politik, Öffentlichkeit und Aktionäre waren dagegen. Ernsthafte Gespräche hatten wir aber noch nicht geführt. In gewisser Weise war unser Interesse an Centrica nur ein Testballon.

Haben Sie mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil Gasprom ein russisches Unternehmen ist?

Uns ist klar: Es wird immer Widerstand geben. Im Durchschnitt sind russische Unternehmen wohl nicht so willkommen wie andere. Wenn der indische Stahlkonzern Mittal den europäischen Konkurrenten Arcelor übernimmt, dann gibt es ein stärkeres Entgegenkommen, als wenn Severstal aus Russland sein Interesse anmeldet. Da ist noch viel Tradition in den Köpfen, die aus der Zeit vor 1990 stammt. Allerdings sollte man diesen Dingen keinen überdimensionierten politischen Anstrich geben. Dem deutschen Eon-Konzern geht es bei der Übernahme von Endesa in Spanien ja ähnlich.

Für welche deutschen Firmen würden Sie sich denn interessieren?

Unser Interesse, in Deutschland zu investieren, ist im Augenblick außerordentlich begrenzt. Der Grund sind die politischen Rahmenbedingungen: Die Energiemärkte werden immer stärker reguliert. Der Umweltminister und die EU sprechen sogar davon, den Unternehmen ihre Strom- und Gasnetze wegzunehmen. Im Marx’schen Sinne ist das eine glatte Enteignung und Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Dann stehen wir kurz vor dem Sozialismus. Wenn wir Investitionen in Ferngasleitungen oder in Stadtwerke prüfen, müssen wir das berücksichtigen. Alles, was wir heute zu hohen Preisen kaufen, müssen wir womöglich in ein paar Jahren wieder zwangsweise – und damit zu niedrigen Preisen – verkaufen. Das verunsichert jeden Investor.

Vor einem Jahr wollten Sie noch auf große Einkaufstour gehen, auch deutsche Stadtwerke standen auf der Liste.

Wir haben laufend Angebote von Stadtwerken, die möchten, dass wir uns mit ihnen beschäftigen. Solange aber nicht klar ist, was die Politik will, steht das für uns nicht auf der Tagesordnung. Wenn die Rendite einer Investition im Energiesektor gerade einmal der eines Bundesschatzbriefes entspricht, kaufe ich lieber gleich Bundesschatzbriefe. Es müsste uns schon eine Perle angeboten werden, damit wir diese Meinung ändern. Aber das sehe ich nicht.

Und wie wäre es mit etwas Größerem? Man munkelt, Gasprom habe Interesse am RWE-Konzern.

Gasprom hat das klar dementiert. Natürlich gibt es laufend Gespräche mit den großen Unternehmen in Deutschland. Diese Unterredungen gehen aber über die Form eines Gesprächs nicht hinaus. Es sind definitiv keine Sondierungen oder gar Verhandlungen. Im Übrigen würde es zunächst nur um eine Zusammenarbeit gehen, aus der vielleicht eine gegenseitige Beteiligung werden könnte.

Im vergangenen Winter hat ein Thema die energiewirtschaftliche Debatte bestimmt: der Gas-Streit Russlands mit der Ukraine. Könnte so etwas wieder passieren?

Ich glaube, das Thema ist abgehakt. Es gibt mittlerweile eine Übereinkunft zwischen Russland und der Ukraine über die Gaspreise und die zu liefernden Mengen. Das Problem ist gelöst.

Die Versorgung Europas ist also nicht gefährdet?

Sie war nie gefährdet. Das Gas, das für Europa notwendig ist, hat Gasprom immer geliefert. Wenn zeitweise in Polen kein Gas ankam, lag das nicht an den Russen, sondern an den Ukrainern.

Unabhängig von politischen Risiken: Wie lange reichen die Gasvorkommen Russlands noch?

Offiziellen Zahlen zufolge sind es 65 Jahre. Das errechnet sich aus der aktuellen Nachfrage und den nachgewiesenen, wirtschaftlich erschließbaren Vorräten. Wenn der Gaspreis langfristig steigt, können allerdings weitere, heute noch nicht rentable Felder hinzukommen.

Gleichzeitig steigt aber die Nachfrage, zum Beispiel in China.

Richtig. Im Endeffekt bleibt es wohl bei den 65 Jahren. Das ist länger als bei Öl, wo man von 40 Jahren ausgeht.

Wo sehen Sie den Gaspreis in den nächsten Jahren?

Der Gaspreis ist ja an den Ölpreis gekoppelt, und der pendelt zurzeit um die 60 Dollar. Ich denke, diese Entwicklung werden wir auch in den nächsten zehn Jahren sehen. Natürlich kann der Preis kurzzeitig wieder sinken, aber nicht unter 30 Dollar. Einen Ölpreis von neun Dollar wie in den 90er Jahren halte ich für ausgeschlossen. Auch ein Sprung auf bis zu 100 Dollar ist möglich, aber im Durchschnitt werden wir wohl bei 60 Dollar landen.

Die Verbraucher dürfen also nicht auf substanziell sinkende Gaspreise hoffen?

In der Tendenz nicht. Wenn die Politik diese Hoffnung nährt, irrt sie.

Das Gespräch führte Anselm Waldermann

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