Wirtschaft : „Unsere Kunden haben überhaupt nichts verloren“

Allianz-Leben-Chef Rupprecht über den Börsencrash und seine Auswirkungen auf die Lebensversicherer

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Herr Rupprecht, seit Jahresanfang haben Sie an der Börse mehr als eine Milliarde Euro verloren. Geld, das Ihnen Ihre Kunden für ihre Altersvorsorge anvertraut haben. Können Sie nachts eigentlich noch ruhig schlafen?

Ich kann guten Gewissens sagen: ja. Denn unsere Kunden haben überhaupt nichts verloren. Die Garantieverzinsung der Lebensversicherung ist eine absolut sichere Sache. Das ist ja das Schöne an unserem Produkt: Das Geld kann nie weniger werden. Es kann höchstens etwas weniger mehr werden.

Ihr Polster an stillen Reserven ist aber deutlich zusammengeschmolzen.

Wir haben zu Jahresanfang hohe Reserven auf unsere Aktienbestände gehabt. Die Reserven dienen dazu, die Verzinsung unserer Kapitalanlagen gegen Börsenschwankungen abzufedern. Genau das haben sie in diesem Jahr getan.

Ihre stillen Reserven auf Ihre Aktienanlagen sind gleich null.

Ja, aber wir haben ja noch Reserven auf festverzinsliche Wertpapiere und Immobilien. Die Ansprüche unserer Kunden sind noch immer voll bedeckt – nein, sie sind sogar überdeckt.

Was heißt das praktisch, wenn Sie kein Polster mehr für Ihre Aktienanlagen haben?

Wir verfügen über Kapitalanlagen von rund 100 Milliarden Euro. Der größte Teil davon ist in festverzinslichen Anlagen investiert. Schwankungen am Aktienmarkt lassen sich dadurch auffangen.

Verkaufen Sie jetzt Aktien oder kaufen Sie eher dazu?

Das kommt darauf an, wie man die weitere Entwicklung an den Börsen einschätzt. Natürlich steigen wir erst dann wieder ein, wenn wir glauben, dass die Kurse nach oben gehen.

Und: Glauben Sie das?

Das ist eine schwierige Frage. Wir haben im September sowohl Aktien verkauft als auch gekauft. Aber wir gehen jetzt keinesfalls abrupt aus Börsentiteln heraus. Hinzu kommt, dass wir zum Glück nicht unter dem Druck stehen, Aktien verkaufen zu müssen, weil wir genügend stille Reserven aus unseren anderen Anlagen haben.

Wie viele Lebensversicherer werden bis zum Jahresende auf der Strecke bleiben?

Ich zweifele daran, dass überhaupt ein Unternehmen insolvent wird. Aber: Was heißt denn überhaupt insolvent? Ein Lebensversicherungsunternehmen ist ja eigentlich nie zahlungsunfähig. Die Versicherungsleistungen an die Kunden können ohne weiteres aus den Beiträgen und den Zinsen der Kapitalanlagen gezahlt werden. Die Lebensversicherer haben keine Liquiditätsprobleme.

Also gibt es gar keine Probleme?

Doch. Denn die Lebensversicherungsunternehmen müssen Rückstellungen für künftige Leistungen bilden. Wenn ein Versicherer in einem Jahr hohe Verluste auf Aktien abschreiben muss und keine stillen Reserven in der Hinterhand hat, kann es passieren, dass er für dieses Jahr die gesetzlich vorgeschriebene Mindestverzinsung von 3,25 Prozent nicht schafft. Dann hätte dieses Unternehmen ein Problem.

Welche Unternehmen sind gefährdet?

Es geht vor allem um Lebensversicherer, die zu hohen Kursen in die Aktien eingestiegen sind und die deshalb hohe Abschreibungen haben. Aber man muss auch mal die Frage stellen, ob es überhaupt angemessen wäre, wenn ein Lebensversicherer in Konkurs ginge, bloß, weil die Börse vorübergehend verrückt spielt.

Vorübergehend? Die Krise dauert schon zwei Jahre.

Das ist für uns ein vorübergehender Zeitraum. Unsere Verträge laufen durchschnittlich 27 Jahre. Wir Lebensversicherer sind keine Aktienhändler. Unsere Engagements sind extrem langfristig. Deshalb muss man bei der Bewertung unserer Aktienverluste mit Fingerspitzengefühl vorgehen. Es ist daher richtig, dass auch wir Lebensversicherer wie die Banken Kursverluste, die nur vorübergehend sind, in unseren Bilanzen nicht mehr abschreiben müssen.

Den schwarzen Peter haben jetzt die Wirtschaftsprüfer. Die müssen künftig auch noch Börsenpropheten sein und am Jahresende entscheiden, welche Verluste dauerhaft sind.

Ich versichere Ihnen: Es wird im Interesse unserer Kunden keine Lösung geben, die die Sicherheit der Kundenanlagen gefährdet. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Problem nur auf das nächste Jahr verlagert wird. Aber man darf auch nicht überreagieren, und wir brauchen eine Regelung, die alle Versicherungsunternehmen gleich behandelt. Der Wirtschaftsprüfer-Verband hat jetzt eine Empfehlung vorgelegt, die regeln soll, wann Börsenverluste abgeschrieben werden müssen.

Die Kunden, die das Pech haben, bei einer insolventen Lebensversicherung unter Vertrag zu sein, landen künftig in einer neuen Auffanggesellschaft.

Ja, aber das ist wirklich der allerletzte Schritt. Erst einmal gibt es in den Bilanzen der Versicherer noch einigen Spielraum, der bislang nicht ausgeschöpft ist. Außerdem hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BAFin zahlreiche Möglichkeiten einzuschreiten. Und schließlich können auch noch andere Unternehmen einspringen und den angeschlagenen Versicherer übernehmen. Nehmen Sie die Familienfürsorge. Die hat zunächst einen von der BAFin eingesetzten Sonderbeauftragten bekommen, und jetzt steigt die Huk Coburg ein.

Hätte es denn keine kundenfreundlichere Lösung als die Auffanggesellschaft gegeben? Immerhin bekommen die Kunden dort – zumindest am Anfang – nur sehr mickrige Zinsen.

Das ist eine sehr kundenfreundliche Lösung. Die Auffanggesellschaft steht dafür gerade, dass der Kunde alle Ansprüche, die er gegen seinen früheren Versicherer erworben hat, behält. Das heißt: Alle Gewinne aus der Vergangenheit sind sicher. Zudem bekommen die Versicherten für die Zukunft auf jeden Fall den Garantiezins von 3,25 Prozent – nach einigen Jahren vielleicht sogar mehr. Was wäre denn die Alternative gewesen? Ein Konkurssicherungsfonds, der die Kunden einfach abfindet und alle Verträge beendet? Aber wie sollen ältere oder kranke Versicherte dann noch einen neuen, bezahlbaren Vertrag bekommen? Aber ob es überhaupt einen Fall für die neue Auffanggesellschaft geben wird, weiß nur die BAFin. Und von dort kommen keine Katastrophenmeldungen.

Es gibt Versicherer, die seit Jahren keinen Besuch mehr von den Prüfern der Aufsichtsbehörde bekommen haben. Weiß die BAFin wirklich darüber Bescheid, wie es vor Ort aussieht?

Der Eindruck, dass auch auf Seiten der Aufsicht etwas getan werden muss, ist richtig. Aber die BAFin hat das inzwischen auch selber erkannt und begonnen, die Finanzaufsicht über die Unternehmen effizienter auszuüben. Sie ist die einzige Behörde, die trotz der leeren öffentlichen Kassen ihr Personal aufstocken darf.

Selbst wenn Ihre Kunden nicht damit rechnen müssen, dass die Allianz Leben in Konkurs geht, müssen auch sie Federn lassen. Wie stark werden Sie die Überschussbeteiligung für das kommende Jahr senken?

Gewinnbeteiligungen von sieben oder acht Prozent sind derzeit nicht mehr drin. Fast alle Unternehmen haben im vergangenen Jahr ihre Gewinnbeteiligungen abgesenkt – allerdings zu zaghaft. Wir alle hatten nicht erwartet, dass die Talfahrt an den Börsen in diesem Ausmaß weitergeht. Wir wollen für das kommende Jahr unsere Gewinnbeteiligung so gestalten, dass wir eine dauerhafte Stabilität kriegen und die Kunden nicht noch weitere Kürzungen hinnehmen müssen.

Was heißt das konkret?

Über die genaue Höhe der Gewinnbeteiligung entscheiden wir – wie immer – am Jahresende.

Viele Versicherer haben noch in diesem Jahr Überschussbeteiligungen versprochen, die sie auf Dauer nicht halten können. Sind die Kunden bewusst getäuscht worden?

Nein. Auch wir haben im vergangenen Jahr die Verzinsung der Verträge auf 6,8 Prozent gesenkt und sind wirklich davon ausgegangen, dass wir damit hinkommen. Leider haben sich die Börsen anders entwickelt als vermutet. Allerdings zeigen wir in unseren Beispielrechnungen den Kunden verschiedene Varianten auf. Wir rechnen ihnen vor, was am Vertragsende jeweils bei unterschiedlich hohen Gewinnbeteiligungen herauskommt. Das finde ich gegenüber dem Kunden sehr fair.

Der Börsencrash hat auch Ihre Mutter, die Allianz AG, erreicht. Braucht der Konzern eine Kapitalerhöhung, um nach dem Kurssturz frisches Geld in die Kassen zu bekommen?

Nein, das ist überhaupt kein Thema. Die Allianz hat genug Geld.

Das Interview führte Heike Jahberg.

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