Wirtschaft : „Unsere Mitarbeiter sind hervorragend“

Martin Kannegiesser, Präsident von Gesamtmetall, über gute Unternehmer, hohe Kosten, die IG Metall und Franz Müntefering

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Herr Kannegiesser, wann haben Sie das letzte Mal einen Unternehmenschef gehört, der seine Mitarbeiter lobt und sich bei ihnen bedankt, weil sie den Gewinn erwirtschaften?

Die sehe ich häufig, die treffe ich häufig, ich bin einer davon. Ich hatte vorletzte Woche eine Betriebsversammlung, wo ich das meinen Leuten gesagt habe. Viele andere machen das auch, sofern sie noch Gewinn erwirtschaften.

Warum ist dann der Arbeitnehmer in der öffentlichen Diskussion vor allem ein lästiger Kostenfaktor, den man sich nur noch leisten kann, wenn er länger arbeitet?

Teile der Diskussion spiegeln die betriebliche Wirklichkeit gar nicht oder nur verzerrt wider, aber die Arbeitskosten sind eines unserer Hauptprobleme. Motivation und Engagement unserer Mitarbeiter sind in der Regel hervorragend. Aber wir haben zunehmende Schwierigkeiten mit unserer Wettbewerbsposition, da wir zu teuer produzieren.

Und damit die Erträge besser werden, sollen die Mitarbeiter verzichten?

Die wesentliche Ressource im Unternehmen sind immer noch die Mitarbeiter. Das wissen die meisten Unternehmen und verhalten sich auch entsprechend im Umgang mit den Beschäftigten.

Siemens-Chef Heinrich von Pierer hat die Beschäftigten erpresst: Entweder ihr verzichtet massiv, oder die Arbeitsplätze gehen nach Ungarn. Ist das korrekt?

Von Pierer muss sich vorrangig darum bemühen, Siemens auf den Weltmärkten in eine gute Position zu bringen. Sonst wird Siemens von anderen weggebürstet. Aber gleichzeitig sagt er, wenn irgendwie möglich, will ich Arbeitsplätze in Deutschland halten. Ein guter Unternehmer versucht, beide Ziele zu vereinen.

Die Gewerkschaften sehen das anders und der frühere IG Metall-Chef Steinkühler erinnert sich an die Weimarer Republik.

Dieser Hinweis zeugt von wenig Sensibilität, weil es an Radikalisierungspotenziale anschließt. Jede Führungspersönlichkeit, ob in den Unternehmen oder in den Gewerkschaften, sollte vielmehr deutlich machen, wo Fairness fehlt und dieses Defizit dann ausgleichen. Aber es geht auch um die Erklärung von Zusammenhängen.

Um welche Zusammenhänge geht es bei Erpressung?

Der Verbraucher zahlt nur das Geld für ein Produkt, bei dem er das Preis-Leistungs-Verhältnis akzeptiert. Wenn ich aber dieses Verhältnis nur unter bestimmten Voraussetzungen erreichen kann, dann muss ich das der Belegschaft darstellen und Konsequenzen aufzeigen. Ist das Erpressung? Wir haben heute bei den meisten Produkten aus Deutschland kaum noch Möglichkeiten, über einen Qualitätsvorsprung einen höheren Preis durchzusetzen. Es ist Aufgabe der Unternehmensführung, den Belegschaften zu erklären, wie man auf dem Markt positioniert ist und was zu tun ist, damit sich die Position verbessert.

Und die Position verbessert sich, wenn die Rendite um ein paar Prozentpunkte steigt?

Nein. Ein Unternehmen, das eine Rendite von fünf Prozent hat und auch mittelfristig gut aufgestellt ist, kann nicht an tarifliche Standards herangehen, um die Rendite auf acht Prozent zu erhöhen.

Genau das versucht Daimler-Chrysler in Sindelfingen.

Darum geht es nicht. Wenn ich ein neues, für das Unternehmen tragendes Produkt bringe wie die nächste C-Klasse, dann brauche ich dazu eine Kostenstruktur, die sich mit den wichtigsten Wettbewerbern vergleichen kann. Sonst habe ich bald ein Absatzproblem.

Viele Arbeitnehmer haben eher das Gefühl, dass sie für die Wettbewerbsfähigkeit zahlen sollen, während sich die Bosse die Taschen vollstecken.

Da gibt es einen Unterschied in der öffentlichen Wahrnehmung und dem, was in den Betrieben tatsächlich stattfindet. Wer als Unternehmer nicht die Interessen der Mitarbeiter im Blick hat, der wird nicht lange erfolgreich sein.

Liegt es im Interesse der Arbeitnehmer, für weniger Geld länger zu arbeiten?

In manchen Fällen wird es erforderlich sein, von herkömmlichen tariflichen Standards abzuweichen. Viele Unternehmen haben keine andere Wahl, wenn sie die industrielle Fertigung hier halten wollen. Und unsere Volkswirtschaft und die Gesellschaft insgesamt haben keine andere Wahl, wenn wir unseren Lebensstandard einigermaßen halten wollen. Umgekehrt muss aber auch die Bereitschaft in den Betrieben da sein, den einzelnen Arbeitnehmer dafür zu belohnen, wenn bestimmte Ziele erreicht werden.

Also sozusagen eine Kannegiesser-Prämie anstelle der Steinkühler-Pause?

Der Prämiengedanke war vor einigen Jahren und vor allem bei Mittelständlern eine Selbstverständlichkeit. Wenn man die Dinge ins Lot bringen will, gehört das dazu: Prämien an einen gemeinsam definierten Erfolg binden. Das wird dazu beitragen, dass in den Betrieben das Bewusstsein für Fairness wächst und keine Glaubwürdigkeitslücke entsteht.

Macht Ihnen die Gerechtigkeitslücke in Deutschland Sorgen?

Die Gesellschaft spreizt sich weiter, der Abstand zwischen Leistungsstarken und Leistungsschwächeren wird größer. Diese Entwicklung darf man nicht verkleistern. In Deutschland ist das ein enormes psychologisches Problem für die ganze Gesellschaft, weil wir anders sozialisiert sind als die meisten anderen Nationen, übrigens auch die meisten Unternehmer. Das wirtschaftliche Zusammenwachsen zu großen, differenzierten Wirtschaftsräumen, die weltweite Arbeitsteilung und die technologische Entwicklung können wir jedoch nicht ignorieren. Um uns der Situation anzupassen, schlagen wir vor, Instrumente der Anpassung den Betrieben zu überlassen.

Weil jeder einzelne Betriebsrat schwächer ist als die IG Metall?

Weil jeder einzelne Betrieb – also Geschäftsführer und Betriebsräte – am besten weiß, was für ihn passt. Dabei müssen alle Beteiligten überprüfen, ob die Maßstäbe, nach denen sie handeln, noch zeitgemäß sind.

Ist die 35-Stunden-Woche ein Maßstab aus vergangener Zeit?

Die Arbeitszeit ist ein Instrument zur Anpassung an die Realitäten. Es kann doch nicht unzumutbar sein, die Arbeitszeit auf einen Level zu bringen, wie ihn vergleichbare Industrieländer haben. Wenn wir den Lebensstandard halten wollen – und das wird schwer genug – dann müssen wir verschiedene Dinge in den Betrieben diskutieren, um schließlich in einem fairen und zumutbaren Rahmen Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. In jedem Fall ist der Druck auf die Unternehmen größer geworden. Zum anderen aber auch die Möglichkeit, woanders kostengünstiger zu produzieren.

Das können vor allem die Großen, die damit ja auch der IG Metall Zugeständnisse abpressen, während die kleinen Firmen bei der Gewerkschaft auflaufen.

In den kleineren Firmen haben die Belegschaften eine große Nähe zum tatsächlichen Geschehen. Wenn dort der Kahn kippt, dann weiß jeder, es gibt kein Rettungsboot. Die Mitarbeiter können nachvollziehen, was nötig ist und ziehen mit der Geschäftsführung an einem Strang.

Gegen die IG Metall?

Wo es sich um Sanierungsfälle handelt, ist eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft bisher immer möglich gewesen. Wir haben aber gesagt, aufgrund der wahnsinnigen Kurzlebigkeit müssen wir früher eingreifen können. Wir wollen Umstrukturierungs- und Investitionsprozesse begleiten – durch die Betriebsräte und die Gewerkschaft. Das wird noch mit spitzen Fingern angefasst. Aber wenn das misslingt – weil sich die Gewerkschaft verweigert oder weil Unternehmen überziehen – dann ist diese Art der Zusammenarbeit gescheitert und noch mehr Betriebe werden sich aus der Tarifbindung verabschieden.

Die Abmachung bei Siemens könnte dazu führen, dass die IG Metall sich weiteren Zugeständnissen verweigert, um den Dammbruch zu verhindern.

Die Gefahr, bei einem Paradigmenwechsel vor Angst zu erstarren, besteht bei jeder großen Organisation. Es wird jetzt wirklich darauf ankommen, ob die IG Metall in der Lage ist, die ordnungspolitischen Aufgaben des Flächentarifs mit mehr Betriebsnähe zu verknüpfen. Das hat immer dann geklappt, wenn Ideologie und Öffentlichkeit nicht einbezogen waren. Inzwischen ist es aber ein so großes öffentliches Thema geworden, dass Politisierung droht. Dann kann eine Idee zur Ideologie erstarren. Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen.

Was halten Sie von den Vorwürfen Franz Münteferings gegen die Unternehmer im Zusammenhang mit der Arbeitszeit?

Wir erleben derzeit eine überdrehte Debatte, da sage ich, man sollte die Kirche im Dorf lassen. Was Stellungnahmen, wie Sie sie ansprechen, verraten, ist ein Stück Industriefeindlichkeit, die uns schon genug Probleme bereitet hat. Wir brauchen Menschen in Führungspositionen, die erklären und erläutern, Zusammenhänge deutlich machen und den Menschen reinen Wein einschenken.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

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