Wirtschaft : Unter Beobachtung

Persönliche Daten sind im Netz zu einer Währung geworden. Es fehlen Regeln und Transparenz

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Bewegungsmelder. Wer mit dem Smartphone unterwegs ist und dabei mobil surft, hinterlässt jede Menge Spuren im Netz.
Bewegungsmelder. Wer mit dem Smartphone unterwegs ist und dabei mobil surft, hinterlässt jede Menge Spuren im Netz.

Internetprovider, Smartphone-Hersteller, Webseitenbetreiber, Spieleanbieter, Navigationsdienste, Werbefirmen – alle wollen unsere Daten. Sie wollen wissen, wo wir sind, was wir gerade machen, was wir am liebsten tun und am besten noch, wie viel Geld wir zur Verfügung haben, um ihre Produkte zu kaufen. Manchen Anbietern geben wir unsere persönlichen Informationen freiwillig, wie zum Beispiel Sony – die sich die Daten dann von Hackern klauen lassen. Andere sind als Datenkraken bereits verschrieen: Google oder Facebook etwa. Wieder andere sammeln heimlich Daten, wie zum Beispiel Apple auf dem iPhone. Daten sind in der Informationsgesellschaft ein wertvolles Gut, im Internet sind Informationen inzwischen zu einer Währung avanciert. Das Problem ist, dass die Nutzer längst den Überblick verloren haben, wer welche Daten sammelt. Es fehlt an Regeln und Transparenz. Privatsphäre scheint im Netz ein Fremdwort zu sein.

Viele Unternehmen sammeln Nutzerdaten mit der Begründung, damit ihren Service verbessern zu wollen. Wer seine Nutzer kennt, kann ihnen Produkte anbieten, die auf ihre Wünsche zugeschnitten sind. Online-Werbung ist längst zu einem Milliarden-Geschäft geworden. „Als Vorteil wird von den Unternehmen oft genannt, dass mir Werbung geschickt wird, die mich interessiert“, sagt Florian Glatzner, Referent für Datenschutz und Netzpolitik beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. „Es besteht aber die Gefahr, dass Bedürfnisse geweckt werden, die der Nutzer vorher gar nicht hatte.“

Viele Unternehmen sammeln nicht nur die Daten, die sie brauchen, „sondern sie sammeln einfach alles, was sie an Informationen bekommen können“, hat Susanne Lang beobachtet. Lang ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Berlin, die das Projekt „Verbraucher sicher online“ betreibt. Und es muss auch keineswegs immer zu meinem Vorteil sein, wenn ein Unternehmen mir Angebote macht, die genau auf mein Profil oder meine Vermögensverhältnisse zugeschnitten sind: „Es kann so weit gehen, dass ein Lebensversicherer eine Vorauswahl trifft und mir bestimmte, vielleicht günstigere Policen gar nicht mehr anbietet“, sagt die Wissenschaftlerin.

Mancher Internetnutzer hat vielleicht nichts dagegen, wenn bekannt wird, dass er ein Sportfan ist. Doch sicher möchte kaum jemand, dass jeder weiß, dass man sich im Netz über Hautkrankheiten oder Krebsleiden informiert. Denn spätestens wenn man eines der sozialen Netzwerke nutzt, ist man im Internet keine anonyme Nummer mehr. „Mit den sozialen Netzwerken wird es richtig kompliziert“, sagt Susanne Lang. „Wenn man sich bei Facebook einloggt und dann weiter im Netz surft, dann ist das immer mit der eigenen Identität verbunden.“ Auch jeder Klick auf einen „Gefällt-mir“-Button verlängert die Datenspur im Netz. Die Frage ist, wer alles an die Informationen gelangt, die bei Facebook auflaufen. „Facebook legt nicht offen, was genau mit den Daten passiert“, kritisiert Lang.

„Die Nutzungsszenarien der Daten sind vielfältig“, warnt Verbraucherschützer Glatzner. „Hinzukommt, dass wir ja heute noch gar nicht wissen, was man in Zukunft womöglich alles mit den Daten machen kann, wenn sie erst einmal vorhanden sind.“ Das Schlimmste ist, darin sind sich Daten- und Verbraucherschützer einig, die fehlende Transparenz. „In Wahrheit wissen wir doch gar nicht, welche Daten die Unternehmen sammeln, und was sie genau damit machen“, sagt Glatzner.

Klar ist nur, dass mit den Angaben, die Nutzer freiwillig bei der Anmeldung zu bestimmten Diensten oder bei Netzwerken machen – kombiniert mit den Informationen über ihr Surfverhalten im Netz – immer genauere Persönlichkeitsprofile entstehen können. Und da immer mehr Menschen mit ihrem Smartphone auch unterwegs ins Netz gehen, lokalisierte Dienste oder Navigation nutzen, kommt auch noch ein Bewegungsprofil hinzu.

Daten- und Verbraucherschützer verlangen, dass die Nutzer die Kontrolle über ihre Daten zurückbekommen. „In jedem Fall ist es nicht richtig, wenn der Nutzer nicht konkret aufgeklärt wird, welche Daten wozu gesammelt werden“, sagt Glatzner. Dabei fordern die Experten nicht nur, dass der Nutzer für das Sammeln von Daten seine explizite Einwilligung geben muss. „Er muss auch in der Praxis die Möglichkeit erhalten, seine Rechte durchzusetzen, wie das Recht auf Auskunft über die bereits vorliegenden Daten oder das Recht, dass falsche Daten korrigiert oder auch Daten komplett wieder gelöscht werden“, sagt Glatzner.

In der Zwischenzeit gibt es ein paar Verhaltensregeln, wie man die Datenflut im Netz eindämmen kann. „Datensparsamkeit ist das A und O“, sagt Glatzner. Er rät, nicht jede Applikation gedankenlos herunterzuladen und vorher zu überlegen, wem man welche Daten überlässt. Nicht bei jedem Preisausschreiben im Netz mitmachen und beim Anmelden für einen Dienst nur die Pflichtangaben machen. Auch fordern Verbraucherschützer die Nutzer auf, nachzufragen, wofür die Daten überhaupt gesammelt werden. „So steigt der Druck auf die Unternehmen und die Sensibilität gegenüber dem Thema Datenschutz wächst“, sagt Glatzner.

Einige Firmen reagieren bereits. Bei der aktuellen Version 4 des Browsers Firefox kann der Nutzer einstellen, dass sein Surfverhalten nicht protokolliert werden soll. Werbetreibende müssen allerdings diesem Wunsch entgegenkommen, in dem sie den Do-not-track-Hinweis beachten und eine Auswertung freiwillig unterlassen. Doch womöglich bekommen die Nutzer die Kontrolle über ihre Daten nicht kostenlos zurück: „Es ist längst ein Markt für datenschutzfreundliche Anwendungen entstanden“, glaubt Glatzner, „weil viele Nutzer bereit sind, für Datenschutz auch Geld auszugeben.“

Weitere Informationen finden Sie im Netz zum Beispiel unter:

www.verbraucher-sicher-online.de

www.surfer-haben-rechte.de

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