Wirtschaft : Unter strenger Beobachtung der "Zeitpolizisten"

DAVID WOODRUFF

Es ist 19.20 Uhr in einem Pariser Vorort. Plötzlich kommt Leben in die Lobby des Thomson-CSF-Bürogebäudes. Wie auf Kommando drängen Dutzende Angestellte die Treppe herunter, stecken ihre Kennkarte in einen Schlitz, um die gläsernen Sicherheitstore zu öffnen und eilen durch den Ausgang. Puh! Wieder einmal knapp an einer Gesetzesübertretung vorbei geschrammt. Überstunden sind in Frankreich zum Verbrechen geworden. In einer Zeit, in der weltweit Angestellte mehr und mehr ranklotzen müssen, bewegt sich Frankreich in die entgegengesetzte Richtung: Es hat die wöchentliche Arbeitszeit von 39 auf 35 Stunden gesenkt. Obwohl das Gesetz erst im Januar 2000 in Kraft tritt, verfolgen die zuständigen Behörden bereits jetzt Firmen, in denen bis tief in die Nacht gearbeitet wird. Unternehmensleiter die ihren Büroangestellten gestatten, die erlaubte Arbeitszeit zu überschreiten, werden vor Gericht geschleppt. So erging es Bernhard Rocquemont, einem leitenden Angestellten von Thomson, der früher die Radarabteilung leitete. Ihm wird vorgeworfen, er habe einigen Mitarbeitern der Abteilung erlaubt, insgesamt 8000 Überstunden anzusammeln. Wenn sich diese Vorwürfe bestätigen, könnte Rocquemont zu einer Geldstrafe von 100 000 Francs verurteilt werden.

Mit der Einführung der 35-Stunden-Woche hofft Frankreichs linke Regierung, unterstützt von den meisten Gewerkschaften, die derzeitige Arbeitslosenquote von elf Prozent zu senken. Die französischen Unternehmensleiter weisen darauf hin, daß die Einführung der 35-Stunden-Woche Frankreichs Wettbewerbsfähigkeit einschränken werde. "Was kommt als nächstes?", fragt Paul Calandra, Direktor der Abteilung für Humanvermögen bei Thomson. "Werden an den Sesseln in der Lounge Sicherheitsgurte angebracht?" In Vorbereitung auf die 35-Stunden-Woche haben einige Firmen bereits entsprechende Verträge mit ihren Gewerkschaften ausgehandelt. Viele versuchen, die restriktive Arbeitszeit dadurch zu umgehen, daß sie zusätzlichen Urlaub anbieten. Ob sie damit durchkommen werden, ist noch unklar.

Thomsons Radarabteilung steht inzwischen im Brennpunkt des Kampfes um die Arbeitszeitverkürzung. Seit 1996 wird die Abteilung von der "Zeitpolizei" und von Gewerkschaftsaktivisten verfolgt, die entschlossen sind, die Einhaltung der Gesetze zu überwachen. Auch wenn das Arbeitsministerium diesbezüglich eine Stellungnahme ablehnt, ist bekannt, daß Abteilungen des Unternehmens mehr als 9000 Verstöße gegen die arbeitsrechtlichen Bestimmungen vorgeworfen werden. Sie werden unter anderem beschuldigt, die von den Angestellten tatsächlich geleistete Arbeitszeit nicht genau festzuhalten, diese Aufstellungen nicht ein Jahr lang aufzubewahren und die erlaubte Arbeitszeit von täglich zehn Stunden zu überschreiten. "Wir haben den Eindruck, daß man an uns ein Exempel statuieren möchte", meint Paul Calandra. "Natürlich muß eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit gefunden werden. Aber wir sind kein Freizeitcenter."

Da das Unternehmen den Ärger mit der Justiz satt hat, sucht man jetzt nach Wegen, wie die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden können. Elektronische Stechuhren wurden eingeführt, die bis auf die rund 120 Topmanager alle Angestellten benutzen müssen. Als Dominique Moy kürzlich an einem Freitag die Firma verließ, zeigte das Display auf dem Terminal an, daß er in jener Woche 39 Stunden gearbeitet hatte. Außerdem waren elf Überstunden verbucht, die als Freizeitausgleich genommen werden müssen. Maximal 15 Überstunden sind erlaubt. Die Unternehmensleitung kontaktiert Angestellte, welche die gesetzlich erlaubte Arbeitszeit überschreiten und hilft ihnen, einen Plan zu erstellen, wie sie ihre Rückstände abbauen können.

Einige Angestellte sind hocherfreut über das neuen System. Durch die Stechuhren hat eine 37jährige Software-Ingenieurin herausgefunden, daß sie wöchentlich fünf Stunden zu viel arbeitet. Jetzt hat sie immer ihren Golfschläger im Kofferraum und verläßt zweimal wöchentlich die Firma, um auf einem nahegelegenen Golfplatz zu spielen. Hierzu verlängert sie entweder ihre Mittagspause oder verläßt die Firma bereits um 16 Uhr. "Das wäre früher nicht möglich gewesen", sagt sie, "Ich habe es nie geschafft, vor 18 Uhr aus der Firma zu kommen. Ich habe nun eine Stunde mehr am Tag und fühle mich wie eine Gewinnerin."

Vielen Unternehmen und Angestellten bereitet das neue System jedoch Kopfzerbrechen. Sie versuchen, ihr Arbeitspensum mit der verkürzten Arbeitszeit in Einklang zu bringen. Das ist unmöglich für Leute, die Fristen einhalten müssen oder die mit Kollegen in anderen Zeitzonen zusammen arbeiten. Einige Angestellte müssen nun Arbeit mit nach Hause nehmen, um sie zu bewältigen. Was jetzt zählt, ist Effizienz. Die langen Schwätzchen am Kaffeeautomaten sind Vergangenheit. Besprechungen, die einst 15 Minuten zu spät begannen, keine Tagesordnung hatten und ohne konkretes Ergebnis endeten, sind disziplinierten Versammlungen gewichen. Und natürlich ist es in der verkabelten, mobilen Welt kein Problem, die Bestimmungen zu umgehen. Wer mit Handy, Laptop und Spracherkennungsprogrammen ausgestattet ist, kann immer und überall arbeiten, ohne eine Entdeckung durch die Zeitpolizei befürchten zu müssen.

Übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Kosovo, Dioxin), Svenja Rothley (Frankreich) und Birthe Heitmann (Schröder-Blair).

0 Kommentare

Neuester Kommentar