Wirtschaft : Unter Strom

Die Bahn begründet ihre Fahrpreiserhöhungen mit teurer Energie – die Rechengrundlage ist aber unklar

Bernd Hops

Die öffentliche Kritik an Bahnchef Hartmut Mehdorn wird trotz der Absage des Bahn-Börsengangs bis 2006 lauter. Ein Regierungssprecher dementierte am Samstag jedoch einen Bericht der „Bild“- Zeitung, die Bundesregierung suche intern bereits einen möglichen Nachfolger. Mehdorn selbst steuert indessen weiter auf Börsenkurs. Er ordnete nach Angaben der „Welt am Sonntag“ eine Sondersitzung des Bahnvorstands an. Auf dieser soll eine überzeugende Strategie erarbeitet werden, mit der das sichere Erreichen der Börsenfähigkeit bis 2008 kommuniziert werden kann.

Die Empörung gegen Mehdorn entzündete sich auch an der Fahrpreiserhöhung, die die Bahn angekündigt hat. Bereits Mitte August, als der Bahnchef die Halbjahresbilanz präsentierte, hatte er eine schlechte Nachricht für alle Bahnfahrer. Energie sei massiv teurer geworden. Halte der Trend an, werde die Bahn nicht um eine Erhöhung der Fahrpreise herumkommen. Vergangenen Dienstag war es dann so weit, die Bahn macht noch vor Weihnachten Ernst mit teureren Tickets.

Doch die Rechengrundlage dafür ist unklar. Mehdorn kann nämlich nicht sagen, wie teuer der Strom tatsächlich wird. Die Versorgertochter der Bahn, die DB Energie, hat Bahnkonkurrenten vor kurzem prinzipiell darüber informiert, dass zum 1.Januar 2005 die Strompreise angehoben werden. Das bestätigte ein Konzernsprecher dem Tagesspiegel am Sonntag. Wie stark die Preise aber steigen, das erfahren sie voraussichtlich im Oktober.

„Wir kalkulieren unsere Transportverträge für das kommende Jahr blind“, sagte Matthias Raith, Geschäftsführer der privaten Güterbahn Rail4chem, dem Tagesspiegel am Sonntag. Die Verhandlungen mit seinen Transportkunden liefen – und „da müssen wir jetzt verbindliche Angebote abgeben“. Sein Unternehmen habe keine Zeit, um auf genaue Angaben der DB Energie zu warten. „Vor Wochen hätten wir schon die Preise wissen müssen“, sagte Raith. Doch die Bahn vertröste – und verweise auf die politische Diskussion und einen möglichen Energiegipfel beim Kanzler, der Erleichterungen bei den Strompreisen bringen könnte. Auch ein weiterer Bahnkonkurrent sagte, man sei über Preissteigerungen ohne genaue Angaben informiert worden. „Aber es sieht so aus, als würde sie nicht gering ausfallen“, hieß es.

Die Stromversorgung für Züge, die auf dem Bahnnetz in Deutschland fahren, wird fast komplett von der DB Energie übernommen. Theoretisch ist es zwar möglich, auch alternativen Strom einzuspeisen. Aus technischen Gründen ist das aber relativ teuer. In diesem Jahr konnte die Versorgertochter der Deutschen Bahn die Strompreise dank langfristiger Verträge mit ihren Lieferanten stabil halten. Es gab keine Preiserhöhungen – weder für Tochterunternehmen der Bahn noch für private Bahnen. Die Zeit ist jetzt bald vorbei. Allein die Entgelte, die die großen Stromkonzerne für die Benutzung ihrer Netze verlangten, würden um zehn bis 30 Prozent steigen, sagte ein Konzernsprecher zur Begründung.

Weiter offen ist aber, wie stark sich das schließlich auf die tatsächlichen Preise für die Bahnunternehmen auswirken wird. Kann man da die sehr konkrete Anhebung der Tarife im Personenverkehr – auf Fernstrecken in der 2.Klasse im Schnitt um 3,1 Prozent – mit den steigenden Energiekosten begründen? Der Konzernsprecher sieht darin keinen Widerspruch: „Eine Preiserhöhung wird schließlich nicht rückwirkend, sondern mit Blick auf die Zukunft vorgenommen.“

Ein Sprecher der Personenverkehrssparte der Bahn verwies zudem auf die Entwicklung der Nahverkehrstarife in den Verkehrsverbünden, die ihre Preise selber gestalten können – und wie die Bahn dann von den Ländern genehmigen lassen müssen. Die Verbünde hätten ihre Tickets zwischen vier und fünf Prozent verteuert – und tatsächlich haben einige auch schon für das nächste Jahr Preissteigerungen in Aussicht gestellt. Neben höheren Energiekosten hatten die Verbünde vor allem auf die kräftigen Kürzungen des Bundes bei den Zuschüssen für den Nahverkehr verwiesen. Davon ist auch die Bahn bei ihrer Regionalverkehrstochter betroffen. „Wie kann man das genehmigen, ohne mit der Wimper zu zucken, bei der Bahn 3,6 Prozent aber nicht“, sagte der Bahnsprecher. Es sei in dem Zusammenhang kein Argument, dass die Bahn im Nahverkehr immer noch Gewinne einfahre.

Unter anderem hatte Nordrhein-Westfalen der Bahn vorgeworfen, den Regionalverkehr als „Melkkuh“ zu missbrauchen – mit Blick auf den allerdings mittlerweile abgesagten Börsengang im Jahr 2006. Der Bahnsprecher: „Viele kommunale Verkehrsunternehmen erhalten immer noch einen Ausgleich für Verluste. Wir haben unsere Kosten im Griff.“ Und im Fernverkehr seien die Preise zurzeit auf dem Niveau vom Jahr 1995 und nach der geplanten Erhöhung auf dem von 1997. Hier hat die Bahn auch ein starkes Argument für Preiserhöhungen – auch jenseits der Energiekosten: Sie fährt auf langen Strecken nach dem Debakel um die Tarifreform im vergangenen Jahr immer noch mit Verlust.

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