Unternehmen : Airbus in schweren Turbulenzen

Der Flugzeugbauer Airbus droht im Rennen mit Boeing ins Hintertreffen zu geraten: Die nochmalige Auslieferungsverzögerung des Riesenjets A380 um sechs bis sieben Monate und Diskussionen um die Leistungsfähigkeit des A350 bringen die Kunden in Rage.

Toulouse/Hamburg - Mit dem A380 will Airbus das jahrzehntelange Monopol von Boeings 747 brechen. Nun kommen Schadensersatzforderungen auf, Abbestellungen werden nicht mehr ausgeschlossen. Airbus-Großkunde Singapore Airlines (SIA) reagierte am Mittwoch prompt: Die Fluggesellschaft will 20 Boeing-Flugzeuge des Typs 787-9 für 4,5 Milliarden Dollar (3,6 Mrd Euro) bestellen, Konkurrent des mittelgroßen Langstreckenfliegers A350. Außerdem hat sich SIA Optionen auf weitere 20 Maschinen des Boeing-Jets gesichert.

Die EADS-Tochter Airbus hatte am Dienstag rund sechs Monate vor dem Ersteinsatz der A380 die Auslieferung nochmals verschoben und produktionstechnische Gründe dafür verantwortlich gemacht. An der Auslieferung dem ersten A380 zum Jahresende an Singapore Airlines wird aber festgehalten.

Zum Börsenauftakt am Mittwoch kam es beim EADS-Aktienkurs zeitweilig zu dramatischen Einbrüchen um mehr als 30 Prozent. Nach EADS-Angaben werden die Verzögerungen den Ertrag vor Zinsen und Steuern (EBIT) aus dem A380-Programm für vier Jahre - von 2007 an - um jährlich eine halbe Milliarde Euro drücken. 2006 werde das Problem beim EBIT noch aufgefangen, doch werde der freie Kapitalfluss um weniger als 300 Millionen Euro gesenkt. Die EBIT-Ausfälle ergäben sich «aus der zeitlichen Verschiebung positiver Ergebnisbeiträge, aus zusätzlichen Kosten zum Aufholen der Verzögerung und aus mit den Kunden zu verhandelnden Verzugszahlungen.» Mögliche Abbestellungen seien noch nicht berücksichtigt.

Der größte Abnehmer des Airbus A380, die Fluggesellschaft Emirates, hat angesichts der Verzögerungen bei dem Riesen-Flieger Entschädigungen gefordert. Die rasant wachsende arabische Airline hatte 43 Maschinen geordert und sollte im kommenden April den ersten A380 in Empfang nehmen. Emirates werde sich nun mit Airbus an einen Tisch setzen, sagte der Sprecher. Auch andere Fluggesellschaften erwägen Kompensations-Forderungen. Die Deutsche Lufthansa, die 15 A380 bestellt hat, will zunächst prüfen, ob und wenn ja welche Auswirkungen der neue Zeitplan von Airbus hat. Der Airbus A380- Startkunde Singapore Airlines (SIA) äußerte sich enttäuscht. Die Verzögerungen könnten sich auf weitere, von SIA bestellte Flugzeuge auswirken. Daher werde intensiv mit Airbus verhandelt. SIA hat insgesamt zehn A380 fest bestellt und Optionen über 15 weitere gezeichnet

2007 dürften nunmehr bis zu neun A380 an die Kunden gehen, 2008 fünf bis neun Flugzeuge weniger ausgeliefert werden als bisher geplant und 2009 etwa fünf Flugzeuge. Dies ist laut Airbus «auf Engpässe zurückzuführen, die bei der Definition, Herstellung und Installation elektrischer Systeme und Kabelbäume entstanden sind».

Branchenkenner: Boeing wird Situation ausnutzen

Zu den Ungewissheiten für die Zukunft der A380 gehört vor allem auch, dass Airbus nun auch Abbestellungen nicht ausschließen kann. Bisher sind 159 Exemplare fest geordert. Zu den größten Auftraggebern zählen neben Emirates, SIA und Lufthansa auch Qantas oder Air France. Branchenkenner rechnen damit, dass Boeing versuchen wird, die Situation auszunutzen. Boeings Jumbo-Jet verkaufte sich seit seinem Erstflug Ende der 60er Jahre in verschiedenen Versionen mehr als 1.000 Mal und gilt als eines der erfolgreichsten Boeing-Flugzeuge.

Die EADS-Chefs Thomas Enders und Noël Forgeard räumten die «ernste Schwierigkeit» mit dem A380 ein. Sie forderten die Airbus-Führung auf, «den festgehaltenen neuen Auslieferungszeitplan einzuhalten und wenn möglich zu verbessern». In der EADS-Gruppe solle danach gesucht werden, die negativen Auswirkungen dieser Verzögerung auszugleichen. Die führende Pariser Wirtschaftszeitung «La Tribune» wertet die Ankündigung zu den A380-Auslieferungen als einen «ernsten Rückschlag ein Jahr nach der ersten Verschiebung um zwei bis sechs Monate». Und verweist gleichzeitig auf die Probleme mit dem A350 sowie darauf, wie sehr sich der US-Konkurrent Boeing die Hände reiben kann: «Während die Airbus-Verkäufe seit Januar (106 Bestellungen) auf niedrigstem Niveau sind, macht es Boeing mit 417 Maschinen doch vier Mal besser.»

Zur Hiobsbotschaft für den Riesen A380 kommen die Modernisierungswünsche für den zweistrahligen neuen A350, für 2010 vorgesehen, nach Kritik von mehrerer Kunden. Das bedeutet weitere Zusatzkosten für das Flugzeug. Nach mehreren Quellen geht es darum, den Rumpf zu verbreitern und die Tragflächen zu ändern. Bis zum Luftverkehrssalon im britischen Farnborough im Juli soll über die Änderungen entschieden sein. «Wenn sich der A350 um sechs bis zwölf Monate verschiebt, geht das noch in Ordnung, inakzeptabel wäre eine Verzögerung um zwei Jahre», so hatte der Chef von Qatar Airways, Akbar al-Baker, mit Stornierung gedroht. Er hat immerhin 60 und damit die meisten A350 bestellt. (tso/dpa)

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