Wirtschaft : Unternehmen erwarten mehrTransparenz und sinkende Preise

Holger Nacken

Das Konzept einer Telekommunikations-Börse sieht in etwa so aus: Die Marktteilnehmer handeln über ein elektronisches System freie Übertragungskapazitäten für Sprache oder Daten, beispielsweise 100 000 Telefonminuten von Deutschland in die Schweiz. Vorher müssen natürlich die Details des betreffenden Produkts festgelegt werden: Wie lange sind die angebotenen Minuten gültig? Zu welcher Tageszeit können sie genutzt werden? Reicht die Qualität nur zur Sprachübertragung oder können auch Daten übermittelt werden? Sobald die Details festgelegt sind, wird das Angebot in ein elektronisches Orderbuch eingestellt. Der Handel wird automatisch ausgeführt, wenn Angebot und Nachfrage zusammenpassen. Doch auch in die Zukunft gerichtete Geschäfte sollen möglich sein. So können sich die Gesellschaften durch Termingeschäfte gegen steigende oder fallende Preise absichern. Eingekaufte Telefonminuten können weiterverkauft werden, auch Spekulanten können so am Marktgeschehen teilnehmen. Dieses Projekt ins Rollen gebracht hat die Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) bereits Mitte Juni. Auf rund 50 Seiten prüften die Experten die Realisierungschancen einer Börse für Telefonminuten in Deutschland. Ihr klares Ergebnis: Eine fester Handelsplatz für Telefonminuten wäre die ideale Ergänzung zum liberalisierten Telekommunikationsmarkt.

"Eine Börse für Telefonminuten wäre für uns sehr interessant", sagt Stefan Klebohr, Leiter der Unternehmensstrategie beim Telefonunternehmen Talkline. Er hofft, dass ein elektronischer Handelsplatz für Telefonminuten und andere Übertragungskapazitäten zu mehr Transparenz und zu sinkenden Preisen führen würde. "Bislang ist der Handel sehr aufwendig und kompliziert, das könnte sich durch einen institutionellen Handelsplatz ändern." Auch Mobilcom-Chef Gerhard Schmid erwartet positive Effekte: "Zusätzlicher Wettbewerb wäre gut für die Branche. Außerdem würde die Vermarktung von Überkapazitäten erleichtert."

Leitungsbetreiber könnten durch eine Börse Verluste vermeiden. Denn wenn eine Telefonleitung eine Stunde lang nicht genutzt wird, ist dieses Kapazitätspotenzial unwiederbringlich verloren: Bandbreiten sind so vergänglich wie Tomaten, lautet eine Grundweissheit der Branche. Auf der anderen Seite besteht für Nachfrager die Möglichkeit, preisgünstig Minuten zum Weiterverkauf an den Endkunden zu erwerben oder einen Engpass zu beseitigen.

"Es besteht auf jeden Fall ein Bedarf für eine Börse" erklärt Alan Lytle vom Netzentwickler Nortel-Dasa. "Zur Zeit wird eine enorme Kapazität an Bandbreite aufgebaut, die sich alle neun Monate verdoppelt. Über einen festen Handelsplatz könnte die Vermarktung effizient gestaltet werden." Unternehmen wie Nortel-Dasa könnten davon profitieren. "Der Zwang, schnelle und preiswerte Kapazitäten anzubieten, schafft Nachfrage nach unserem Know-How." Wann die neue Börse an den Start gehen könnte, ist bisher noch nicht geklärt. "Zur Zeit sprechen wir mit vielen Interessenten", berichtet Frank Lammers von Unisource Carrier Services, die an der PwC-Studie mitgewirkt haben. Ebenfalls beteiligt war die Rheinisch-Westfälische Börse zu Düsseldorf. Der Regionalbörse werden Chancen eingeräumt, im Falle einer Realisierung den Zuschlag zu erhalten. "Hier am Rhein ist das Telekom-Valley", sagt Börsen-Geschäftsfüher Dirk Elberskirch, "da liegt es nahe, hier auch den Handelsplatz einzurichten."

Die Idee, mit überschüssigen Übertragungskapazitäten Handel zu treiben, ist indes nicht neu. Bislang werden solche Geschäfte allerdings meistens individuell zwischen den Marktteilnehmern festgelegt. Dies ist zwar ein aufwendiges Verfahren, bietet für die Unternehmen allerdings den Vorteil, dass sich die jeweiligen Handelspartner in der Regel recht gut kennen. "Der Faktor Mensch ist im Handel mit Telefonminuten ziemlich wichtig", erklärt Sabine Zimmermann vom Telefondienstleister Star Telecommunications. Wer große Mengen an Übertragungskapazitäten kauft, will natürlich sicher gehen, dass die Qualität in Ordnung ist. Wenn es in der Leitung knackt und rauscht, ist die Übertragung von empfindlichen Computerdaten beispielsweise nur schwer möglich.

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