Unternehmen : Hertie droht der Schlussverkauf

Der britische Eigentümer Dawnay Day braucht Geld. Angeblich sucht der Konzern einen Käufer für die deutsche Kaufhauskette.

Dirk-Hinrich Hellmann[Christoph Schlautmann]
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Wird Hertie von ECE übernommen? -Foto: dpa

London/ DüsseldorfDie Essener Hertie GmbH droht von der Schieflage des britischen Eigentümers Dawnay Day in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Die 4100 Mitarbeiter der Warenhauskette seien am vergangenen Donnerstag offiziell über die Probleme des Londoner Finanzinvestors informiert worden, erfuhr das "Handelsblatt" aus dem Gesamtbetriebsrat. "Wenn es zu einem Kollaps von Dawnay Day kommt, wird es für Hertie eng", sagte ein früherer Hertie-Spitzenmanager dem "Handelsblatt". Die Briten seien dann nicht mehr in der Lage, die verlustreiche deutsche Beteiligung weiter zu stützen.

So wiesen die Essener 2006 einen Fehlbetrag von 33 Millionen Euro aus - bei einem Eigenkapital von nicht einmal mehr als zehn Millionen Euro. Im darauffolgenden Geschäftsjahr habe Hertie erneut ein Minus von 30 Millionen Euro abgeliefert, heißt es in Branchenkreisen, und das bei sinkenden Umsätzen, die nach Informationen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform um 5,2 Prozent auf 540 Millionen Euro zurückgegangen sind. Hertie wollte sich nicht äußern und erklärte, auf die Veröffentlichung des Jahresabschlusses zu warten.

Vor dem Hintergrund der Schwierigkeiten bei Dawnay Day bezeichneten inzwischen selbst Lieferanten Herties Zukunft als "ungewiss". Der Bielefelder Modegroßhändler Katag liefert nur noch gegen Bankgarantie Ware an Hertie aus. Und der Lebensmittelgroßhändler Lekkerland berichtet, der Kreditversicherer Euler-Hermes gewähre ab dem 1. August keine Ausfallgarantien mehr für Hertie-Lieferungen. Ein westdeutscher Unternehmer erklärt sogar, ihm sei Hertie zum Kauf offeriert worden. Auch von einem Makler ist zu hören, Hertie gehöre zu den deutschen Kaufhausketten, die im Markt angeboten würden. Weder bei Dawnay Day noch bei Hertie war eine Stellungnahme zu erhalten. Hertie-Aufseherin Andrea Beyer sagte nur: "Kein Kommentar."

Die Krise um Hertie trifft nicht nur den Konzern selbst. Auch in deutschen Städten wie Mettmann, Cuxhaven oder Aschaffenburg geht die Sorge um. Gerade in Kommunen mittlerer Größe gilt Hertie mit seinen 73 Filialen oft noch als zentraler Einkaufspunkt. Gingen da die Lichter aus, drohte auch benachbarten Geschäften womöglich eine Existenznot.

Gegründet schon vor dem Krieg, wächst Hertie während des deutschen Wirtschaftswunders zügig. 1952 übernimmt die Firma die Rivalen Wertheim und Hansa. Nachdem der Kaufhaus-Konzern noch bis in die 70er-Jahre rasch expandiert und Filialen auch in kleineren Städten eröffnet hat, gehen die Umsätze in den 80er-Jahren massiv zurück. Zahlreiche oft erst kurz zuvor errichtete Häuser werden wieder geschlossen. Der Niedergang der Gruppe lässt sich gleichwohl nicht aufhalten. 1993 schluckt Karstadt den Konkurrenten und verpasst den Häusern den eigenen Namen.

2005 hatte Karstadt-Quelle 74 kleinere Kaufhäuser für 500 Millionen Euro an ein Konsortium um Dawnay Day weiter gereicht, das diese Filialen seither unter dem reaktivierten Markennamen Hertie betreibt. Die Briten spalteten den Neuerwerb in eine Warenhandels- und eine Immobiliengesellschaft auf.

Zugesagte Investitionen für die Modernisierung von Hertie seien weitgehend ausgeblieben, erklärte ein mit den Vorgängen vertrauter Manager. Statt zu investieren hätten die Briten als Eigentümer der Immobilien erhebliche Mittel aus dem Unternehmen gesogen, und zwar mittels deutlich über den Marktpreisen liegender Mietzahlungen, wie Insider berichten. Während in vergleichbaren Kaufhäusern fünf Prozent des Umsatzes an den Vermieter gehen, seien es bei Hertie rund zehn gewesen - was rechnerisch einer Zusatzbelastung von etwa 27 Millionen Euro pro Jahr entspricht. Hinzu kommen Zahlungen an die Gesellschafter für sogenannte Beratungsleistungen. "Gegebenenfalls wäre Hertie ohne diese Mehrbelastungen sogar profitabel", sagt ein Ex-Manager. Ein geplantes gemeinsames Sanierungskonzept für Hertie von Pricewaterhouse- Coopers und Deutscher Bank wurde vergangene Woche gestoppt.

Schuld am Niedergang des Finanzinvestors Dawnay Day, der zuletzt ein weitverzweigtes Immobilien- und Beteiligungsportfolio in Deutschland und Großbritannien aufbaute, tragen der Verfall der Immobilienpreise und verschärfte Kreditbedingungen. Die Probleme der verschwiegenen Londoner Gruppe waren sichtbar geworden, als Anfang Juli Gläubiger die Finanzfirma zwangen, eine 20-prozentige Beteiligung an der Fondsmanagementgesellschaft mit einem Verlust von rund 90 Millionen Euro abzustoßen. Im Juli meldeten die beiden größten Dawnay-Day-Eigentümer Guy Naggar und Peter Klimt für zwei ihrer Holdinggesellschaften Insolvenz an, während die Gesamtgruppe einem Administrator - der Vorstufe eines Insolvenzverwalters nach britischem Recht - unterstellt wurde.

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