Wirtschaft : Unternehmen kehren Frankfurt den Rücken

Mit MG Technologies verlässt ein weiterer Industriekonzern den Bankenstandort am Main

Rolf Obertreis

Frankfurt (Main). Die Gerüchte gab es schon seit längerem. In der kommenden Woche wird sie der Vorstand aller Voraussicht nach mit einem Grundsatzbeschluss bestätigen. Die traditionsreiche MG Technologies, besser bekannt als Metallgesellschaft, wird Frankfurt (Main) verlassen und ihren Sitz nach Bochum verlegen. Damit verschwindet damit ein weiteres großes Industrieunternehmen aus der Main-Metropole. Viele andere hatten es vorgemacht.

So ging der Frankfurter Hoechst-Konzern im fusionierten Pharmakonzern Aventis auf, der heute in Straßburg sitzt, und die Degussa schlüpfte unter das Dach der Essener Ruhrkohle AG. Die Lufthansa organisiert ihre Geschäfte zwar noch von Frankfurt aus, juristisch hat sie aber ihren Sitz in Köln. Immerhin: Der Flughafenbetreiber Fraport und die Frankfurter Messe prägen am Main noch das Bild. Selbst von den Großbanken haben nur noch Deutsche Bank und Commerzbank ihre Zentralen am Main, die Dresdner Bank gehört zur Münchner Allianz. Immerhin: Mit der Europäischen Zentralbank (EZB) konnte Frankfurt Ende der 90er Jahre ein neues „Großunternehmen“ gewinnen.

Die Entscheidung des neuen MG-Vorstandsvorsitzenden Udo Stark war abzusehen. Nach dem Rückzug seines Vorgängers Kajo Neukirchen im Frühjahr 2003 machte sich der neue Chef schnell daran die Organisation des Unternehmens zu straffen und mehrere Zwischenholdings aufzulösen. 50 Millionen Euro sollten damit eingespart werden. Auch die Zentrale in Frankfurt wurde von rund 130 auf derzeit nur noch 100 Mitarbeiter verschlankt. Viele Büroräume an der Bockenheimer Landstraße im Frankfurter Westend stehen leer. Wichtigste strategische Entscheidung Starks war der Verkauf der Chemiesparte und damit die Abgabe des Tochterunternehmens Dynamit Nobel. Noch 2004 soll sie für rund zwei Milliarden Euro einen neuen Eigentümer finden.

Den Erlös will Stark in das zweite und künftig einzige Standbein der MG stecken – den Anlagenbau. Der wiederum wird vor allem vom Tochterunternehmen GEA getragen. Und die hat ihren Sitz in Bochum. MG und GEA werden auf diesem Weg faktisch verschmolzen, zwei teure Zentralen machen da keinen Sinn mehr. Vor allem aber wird das Geschäft der MG, sollte der Verkauf der Chemie abgeschlossen sein, ganz überwiegend aus Bochum gesteuert. Insgesamt verspricht sich Stark von der Verschmelzung Einsparungen in Höhe von 120 Millionen Euro. Dass er sich für Bochum entschieden hat, dürfte auch mit MG-Großaktionär Otto Happel zu tun haben. Der Milliardär hatte die GEA 1999 an die MG verkauft. Allerdings entwickelte sich danach ein Dauerstreit mit dem damaligen MG-Chef Neukirchen. Vor gut einem Jahr zog er die Konsequenz und verkündete seinen Abschied.

Mit dem Umzug endet eine traditionsreiche Frankfurter Unternehmensgeschichte. 1881 wurde die Metallgesellschaft gegründet. Mit dem Metallhandel wird sie groß, nach dem Krieg weitet sie das Geschäft auf den Anlagenbau, die Chemie und mit Buderus auch auf die Heiztechnik aus. Der Einbruch kommt Ende 1993. Das Unternehmen rutscht wegen riskanter Öl-Termingeschäfte fast in die Pleite, die Banken bringen mit einer Milliarden-Geldspritze die Rettung. Neukirchen kommt als Sanierer, verschlankt die Firma, sorgt wieder für Gewinne. Vom ursprünglichen Metall- und Rohstoffhandel bleibt nichts mehr übrig. 2002 wird die Metallgesellschaft in MG Technologies umbenannt. Zuletzt setzte die MG rund acht Milliarden Euro um, die Hälfte in der Chemie. Weltweit beschäftigt sie rund 31 000 Mitarbeiter. Ihre Zentrale hinter der Alten Oper im Frankfurter Zentrum hat sie längst aufgegeben und sich im ehemaligen Sitz der Bau-Gewerkschaft eingerichtet. Als Mieter. Auch diese Ausgabe wird das Unternehmen künftig sparen.

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