Wirtschaft : Unternehmen registrieren weniger Krankmeldungen

Fehlzeiten sind 1997 deutlich rückläufig / Wirkung des Lohnfortzahlungsgesetzes wird aber zurückhaltend eingeschätzt

BERLIN.Ein gutes Jahr nach den hitzigen Debatten über die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall melden Unternehmensverbände und Krankenkassen in diesen Tagen einvernehmlich: Deutschlands Arbeitnehmer sind seltener krank.Fehlzeiten und Krankenstände in den Betrieben entwickeln sich zum Teil deutlich rückläufig.Nach Angaben der größten deutsche Krankenkasse, des AOK-Bundesverbandes, meldeten sich im ersten Jahresdrittel 1997 rund 23 Prozent weniger Kassenmitglieder aus Krankheitsgründen arbeitsunfähig als noch ein Jahr zuvor.Die aktuelle Statistik des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK), die Monatsdurchschnittszahlen ermittelt und nach Auffassung von Experten das Krankheitsbild am besten widerspiegelt, weist ebenfalls einen rückläufigen Krankenstand aus.Im April 1997 sank er im Vergleich zum Vorjahresmonat bundesweit von 5,2 auf 4,8 Prozent, im März sogar um 22,9 Prozent von 6,37 auf 4,91 Prozent. Die Aufregung des vergangenen Jahres dürften alle Beteiligten noch gut in Erinnerung haben: Über Wochen zog sich der Streit über Pläne der Bundesregierung hin, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall um 20 Prozent zu kürzen.Als die Neuregelung des sogenannten Entgeltfortzahlungsgesetzes schließlich am 1.Oktober 1996 in Kraft trat, hatte sich der Sturm gelegt.Arbeitgeber und Gewerkschaften besannen sich ihrer Tarifautonomie: Sie ignorierten das Gesetz. Die in vielen Tarifverträgen festgeschriebene 100prozentige Entgeltfortzahlung blieb in den wichtigsten Industrie-Branchen erhalten.Stattdessen handelten die Tarifpartner alternative Regelungen aus - etwa Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld oder Verrechnungen von Fehlzeiten mit dem Jahresurlaub.Die Frage, ob das neue Lohnfortzahlungsgesetz bereits Wirkung zeigt, beantworten alle, die es wissen könnten, zurückhaltend.Zwar sei der Krankenstand seit Inkrafttreten des Gesetzes stärker rückläufig als in den Monaten zuvor, erklärt die BKK.Längerfristige Analysen zeigten allerdings, "daß sich aus der Krankenstatistik schlüssige Ergebnisse frühestens nach einem Jahr ablesen lassen." Zurückhaltung übt auch die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), die zwar konstatiert, daß angesichts des seit 20 Jahren niedrigsten Krankenstandes und der in den Betrieben ausgehandelten Kompensationslösungen "mehr erreicht werden konnte als auf den ersten Blick erscheint".Einen Zusammenhang zwischen Gesetz und Krankenstand will die BDA aber noch nicht konstruieren.Volker Hansen, stellvetretender Leiter der BDA-Abteilung Soziale Sicherung, verweist stattdessen auf den "Ankündigungseffekt" der gesetzlichen Vorgaben und auf konjunkturelle Einflüsse.In rezessiven Phasen müßten sich die Beschäftigten größere Sorgen um den Arbeitsplatz machen.Entsprechend geringer sei der Anreiz, sich wegen eines Schnupfens gleich krank schreiben zu lassen."Beschäftigte und Arbeitgeber sind für das Thema Krankenstände sensibilisiert worden", bilanziert Claus Schnabel, Fehlzeiten-Experte beim Institut der deutschen Wirtschaft.Vor allem die Mitarbeiter verhielten sich kostenbewußter.Obwohl noch "Forschungsbedarf" bestehe, könne man schon heute sagen, daß die sinkenden Krankenstände keine konjunkturell bedingte "Eintagsfliege" seien. Auch in der Berliner Wirtschaft, die bei den Krankenständen stets um ein bis anderthalb Prozent über dem Bundesdurchschnitt liegt, hat nach Meinung der Unternehmensverbände im Zuge der Lohnfortzahlungsdebatte ein "Bewußtseinswandel" stattgefunden.Klaus Hubert Fugger, Sprecher der Vereinigung der Unternehmensverbände, warnt gleichwohl vor "Kaffeesatzleserei".Ein Trend nach unten sei auch in Berlin festzustellen, zählbare Ergebnisse der gesetzlichen Neuregelung stünden aber noch aus.Laut BKK hat sich der Krankenstand in Berlin - bezogen auf 85 000 Versicherte - im April 1997 um 1,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat verringert."Sehr skeptisch" äußert sich der DGB-Landesverband."Die Arbeitnehmer sind nicht gesünder geworden - sie kurieren ihre Krankheiten nur am Wochenende aus", meint DGB-Sprecher Dieter Pienkny und hebt die "Disziplinierungsfunktion der Krise" hervor.Im Ostteil der Stadt seien die Belegschaften verjüngt worden, ältere Mitarbeiter häufig im Vorruhestand, die Krankenstatistik im Schnitt entsprechend unauffälliger.Insgesamt sei der "Schuß der Bundesregierung im Fall Lohnfortzahlung nach hinten losgegangen".Die Betriebe hätten sich mit eigenen Modellen durchgesetzt. So offenbar auch der Siemens-Konzern, der unlängst mitteilte, die Zahl der Arbeitsunfälle und der Krankenstand seien 1996 auf den niedrigsten Stand in der Firmengeschichte gesunken.Personalvorstand Werner May führte dies auf das unternehmensweite top-in-form-Programm zurück, das neben klassischen Krankheitsursachen auch Mängel im Führungsverhalten und in der betrieblichen Zusammenarbeit untersuchen und beseitigen soll.HENRIK MORTSIEFER

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