Wirtschaft : Unternehmen trotzen der Angst vor dem Abschwung

Ifo-Geschäftsklima-Index steigt erneut überraschend – selbst die Bauwirtschaft ist wieder optimistisch

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Berlin - Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat im Juni abermals ein Rekordhoch erreicht. Der Ifo-Geschäftsklima-Index kletterte von 105,7 auf 106,8 Punkte, das war der höchste Stand seit 1991, wie das Institut am Dienstag mitteilte. Überraschend war vor allem, dass sich die Erwartungen der Unternehmen für die kommenden Monate verbesserten – zuletzt hatten sie sich zweimal in Folge eingetrübt. Wirtschaftsforscher äußerten allerdings Zweifel an der Ifo-Prognose. Der deutsche Aktienindex Dax gewann bis zum späten Nachmittag aber nur 0,2 Prozent auf 5528 Punkte.

Der Ifo-Index gilt als wichtigster Frühindikator für die deutsche Konjunktur. Er wird monatlich durch eine Befragung von 7000 Unternehmen ermittelt. „Der Aufschwung erweist sich erneut als robust“, sagte Gebhard Flaig, Konjunkturchef des Instituts. In der Industrie habe sich die Stimmung deutlich gebessert, ebenso im Einzelhandel. Zurückhaltender waren die Unternehmen nur beim Export – hier dürfte sich die Angst vor einem Abbremsen der US-Konjunktur niederschlagen.

Der Index verbesserte sich seit November 2005 und erhielt nur im Mai einen Dämpfer. Wirtschaftsforscher hatten für Juni einen weiteren Rückgang erwartet, auch wegen der näher rückenden Steuererhöhung und der Angst vor einer Verlangsamung des Wachstums. Die Erwartungen der Firmen für die kommenden sechs Monate stiegen indes von 104,0 auf 104,2 Punkte. Bei der Beurteilung der aktuellen Lage ging es sogar von 107,3 auf 109,4 Punkte nach oben.

Der Konjunkturindex des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, als zweitwichtigster Indikator im Land gehandelt, war aber jüngst zurückgegangen. „Einer von beiden hat Unrecht“, sagte Holger Sandte, Ökonom bei der WestLB. „Die befragten Unternehmen scheinen die Lasten, die von der Politik kommen, noch auszublenden.“ Hier spiele womöglich die WM-Euphorie eine Rolle. Insgesamt sei der Optimismus übertrieben. „Umgerechnet auf das Wachstum, müssten wir bei einer Rate von drei Prozent landen – das ist unrealistisch“, urteilte er. Die Zahl werde eher bei zwei Prozent liegen, 2007 sogar nur bei einem Prozent.

Allerdings meldet selbst die lange angeschlagene Bauwirtschaft stärkere Zuversicht. So lagen die Bauinvestitionen im ersten Quartal 2006 mit 43,6 Milliarden Euro fünf Prozent über dem Vorjahreswert. „Wir spüren eine konjunkturelle Wende“, sagte der Vorsitzende der Bundesvereinigung Bauwirtschaft, Heinz Werner Bonjean, in Berlin. Das zeige sich an den Auftragseingängen: In den ersten vier Monaten dieses Jahres stiegen sie im Bauhauptgewerbe um 9,3 Prozent. „Mittlerweile wirkt sich das sogar positiv auf die Beschäftigungsaussichten aus“, erklärte Bonjean. Im westdeutschen Bauhauptgewerbe wollten künftig 23 Prozent der Betriebe mehr Mitarbeiter beschäftigen, im Osten gar 34 Prozent. „Die Betonung liegt allerdings auf dem Wort ,künftig‘.“ Für dieses Jahr rechne er noch mit einem weiteren Rückgang der Beschäftigung um eins bis 1,5 Prozent.

Die Wirtschaft zeigt aber auch mit ihrem Finanzgebaren, dass sie sich auf eine Fortsetzung der Expansionsphase einstellt. Nachdem die Firmen zwischen 2002 und 2005 vor allem Schulden abbauten, nehmen sie nun wieder verstärkt Kredite auf – insbesondere langfristige, mit denen Investitionen finanziert werden. Dies zeigt eine Auswertung der Zins- und Kreditstatistik durch das „Handelsblatt“. Im April überstieg das ausstehende Volumen langfristiger Firmenkredite mit 492 Milliarden Euro den Vorjahreswert um 2,3 Prozent – womit die Dynamik im neunten Monat in Folge stieg. brö/awm/HB

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