Unternehmens-Elite : Deutsche Firmen in fremder Hand

Die 30 größten Börsen-Konzerne der Bundesrepublik gehören zum ersten Mal mehrheitlich ausländischen Investoren. Ein Zeichen der Stärke deutscher Unternehmen.

Ulf Sommer
Dax Börse
Deutsche Firmen profitieren am meisten von der Globalisierung. Das sieht man auch im Ausland. -Foto: dpa

Düsseldorf - Erstmals sind die 30 größten deutschen börsennotierten Konzerne mehrheitlich im Besitz ausländischer Investoren. Gegenüber 2005 ist ihr Anteil nach Berechnungen des Handelsblatts um 20 auf nunmehr 53 Prozent gestiegen. Ausländer honorieren damit, dass deutsche Konzerne über ihre hohe Exportquote stärker als Wettbewerber vom weltweiten Aufschwung profitieren.

Noch vor fünf Jahren waren die Unternehmen im Deutschen Aktienindex (Dax) nur zu einem Drittel in ausländischer Hand, vor zehn Jahren gar nur zu einem Zehntel. Doch Hand in Hand mit dem Aufschwung der Weltwirtschaft, dem Näherrücken der Märkte und dem Boom in den Schwellenländern wächst das Interesse ausländischer Anleger an deutschen Anteilsscheinen.

„Der Trend zeigt, wie attraktiv deutsche Unternehmen und Aktien im Ausland sind“, sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut. Überwogen früher oft als „Deutschland AG“ verspottete Verflechtungen der Dax-Konzerne, so halten heute milliardenschwere Pensions- und Investmentfonds Anteile an vielen großen deutschen Firmen.

So sind beim Pharmakonzern Merck die Investmentgesellschaften Barclays, Sun Life und Capital Research mit jeweils mehr als fünf Prozent beteiligt. Blackstone kaufte sich mit 4,4 Prozent bei der Deutschen Telekom ein. Der Staatsfonds Dubai International Finance stieg im Mai mit 2,2 Prozent bei der Deutschen Bank ein. Kuwait hält sieben Prozent an Daimler. Den größten Anteil ausländischer Aktionäre hat die Deutsche Börse mit 84 Prozent, danach folgen Adidas (79 Prozent) und Bayer (78 Prozent).

Das vierte Mal in Folge legen in diesem Jahr die Nettogewinne der deutschen Großkonzerne stärker zu als in Rest-Europa und den USA. Grund dafür ist die starke Investitionsgüter-Nachfrage aus Fernost, Osteuropa und Südamerika. Davon profitieren die vielen deutschen traditionellen Industriefirmen im Maschinenbau, der Elektroindustrie und in der Autobranche. Hohe Aufträge und Umsätze spiegeln sich in beispiellosen Rekordgewinnen wider, so dass deutsche Anteilsscheine für Investoren wertvoller werden. Auch Commerzbank und Münchener Rück sind neuerdings zu mehr als zwei Dritteln in ausländischer Hand.

Die Investitionen in Deutschland zahlen sich für die Ausländer noch stärker aus, da viele deutsche Unternehmen ihre Präsenz auf den Exportmärkten kontinuierlich ausgebaut haben. Binnen eines Jahres erhöhten die Industrie- und Dienstleistungskonzerne in den vier größten Börsenindizes Dax, M-Dax, S-Dax und Tec-Dax ihren Umsatzanteil im Ausland um fünf auf nunmehr 59,5 Prozent. Das belegt der Handelsblatt-Firmencheck, der zusammen mit dem Saarbrücker Institut für Wirtschaftsprüfung und der Unternehmensberatung Oliver Wyman erstellt wird. Die Dax-Konzerne kommen per letztem Geschäftsbericht sogar auf eine Quote von 68 Prozent. Vor 20 Jahren war es nach Berechnungen der Deutschen Bank gerade einmal gut 30 Prozent.

„Dieser Trend ist unumkehrbar und setzt sich auch dann fort, wenn sich die Konjunktur in einzelnen Ländern wie beispielsweise den USA abschwächen sollte“, sagt Oliver-Wyman-Berater Thomas Kautzsch. Nur falls die deutschen Unternehmen weniger Konkurrenten im Ausland aufkaufen sollten, könnte dies den Globalisierungstrend bremsen. Übernahmen und Fusionen waren zuletzt maßgeblich für steigende Auslandsumsätze verantwortlich, weil deutsche Konzerne so viele Transaktionen außerhalb des Heimatmarktes tätigten wie noch nie. BASF etwa steigerte seine Umsätze vor allem deshalb um ein Drittel, weil der weltgrößte Chemiekonzern den US-Katalysatorspezialisten Engelhard schluckte.

Von der Globalisierung profitieren besonders Industriekonglomerate wie Siemens, aber auch spezialisierte Nischenanbieter wie der Autozulieferer Leoni, der Stahlhersteller Salzgitter und der Maschinenbauspezialist Gildemeister. Sie alle steigerten ihre ohnehin hohen Auslandsumsätze noch einmal zweistellig.

Dabei schöpfen die deutschen Unternehmen ihr Potenzial noch nicht einmal voll aus, wenn es um Investitionen in die wachstumsstarken EU-Länder geht. In den osteuropäischen Staaten kommen nach einer Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney bisher nur maximal elf Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen aus Deutschland. Viele Firmen sorgten sich immer noch über angeblich fehlende Rechtssicherheit, sollten diese Bedenken aber „schleunigst über Bord werfen“, sagt der Vice-President für Zentraleuropa, Stefan Höffinger. HB

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