Wirtschaft : Unternehmensanleihen verlieren an Reiz

Bonds galten lange als sichere Anlageklasse – jetzt werden sinkende Renditen erwartet

Andrea Cünnen

Frankfurt am Main - Der Boom bei Unternehmensanleihen, die von jeder Bank und Sparkasse angeboten werden, geht zu Ende. In diesem Jahr haben Bonds von Firmen, die von den Ratingagenturen mit dem Gütesiegel „Investment Grade“ und damit als vergleichsweise sichere Anlage eingestuft werden, noch gute Erträge gebracht. Doch die Kurse stiegen. Dadurch liegt die Rendite europäischer Unternehmensanleihen (Firmenbonds) nur noch rund 0,6 Prozentpunkte über der von Staatsanleihen.

Das lässt Experten jetzt vorsichtig werden. Sie raten, Unternehmensanleihen mit guten Bonitätsnoten im kommenden Jahr im Anleihe-Portfolio leicht unterzugewichten. „Die Risikoaufschläge sind zu niedrig. Wir erwarten, dass sie in den kommenden sechs Monaten leicht steigen werden“, sagen Strategen der britischen Fondsgesellschaft Prudential M&G.

Die damit einhergehenden Kursverluste befürchten auch Banken wie Dresdner Kleinwort Wasserstein, Morgan Stanley oder die Hypo-Vereinsbank. Klaus Oster, der das Analyse-Team für Unternehmensanleihen bei der Fondsgesellschaft Deka Investment leitet, ist verhalten positiv für das Segment gestimmt, sagt jedoch, dass der Markt anfälliger geworden sei.

Entscheidend für die Bonds wird die Konjunkturentwicklung sein. Interessant ist, dass sowohl Konjunkturoptimisten als auch Pessimisten Unternehmensanleihen kritisch sehen. Optimisten argumentieren, die US-Notenbank werde die Leitzinsen erhöhen. Dies könnte jedoch dazu führen, dass die langfristigen Zinsen, also die Renditen von Staatsanleihen, in den USA und der Euro-Zone steigen. Und wenn sichere Staatsbonds wieder attraktivere Renditen bieten, ist es kaum sinnvoll, riskantere Unternehmensanleihen zu kaufen.

Die Konjunkturpessimisten wie Dresdner Kleinwort Wasserstein erwarten zwar keine weiteren Leitzinserhöhungen, aber ein schlechteres Wirtschaftswachstum. Dies würde zu deutlichen Einbrüchen bei den Gewinnen der Unternehmen führen und deren Anleihen riskanter erscheinen lassen. Deshalb dürften auch die Risikoprämien steigen.

Die gute Nachricht ist immerhin, dass kaum jemand drastische Kursverluste erwartet. Gegen heftige Rückschläge spricht laut Prudential M&G das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Viele Investoren kauften weiter Firmenbonds, auf der anderen Seite konzentrierten sich die Unternehmen darauf, ihre Bilanzkennzahlen zu verbessern und deshalb nicht allzu viele neue Anleihen zu begeben.

Einig sind sich die Experten auch darin, dass vor allem bei Bonds von Firmen mit stark konjunkturabhängigem Geschäft Vorsicht angesagt ist. Besonders kritisch beäugt werden Anleihen von Autokonzernen, vor allem die von General Motors und Ford. Beide Unternehmen stehen mit ihren „BBB“-Ratings von Standard & Poor’s auf der untersten Stufe der Investitionsklasse. „Es gibt nur wenige Unternehmen mit vielen Euro-Anleihen, die an der Schwelle zum Bereich Non-Investment-Grade stehen und den Markt bewegen könnten. Es wird wichtig sein, General Motors und Ford zu beobachten“, sagt Vivek Tawadey, leitender Stratege bei BNP Paribas. „Wenn die Schwäche bei den Unternehmen anhält und dies Ängste vor einer Herabstufung auslöst, könnte das den Markt für Unternehmensanleihen unter Druck bringen." Mehr Wohlwollen finden dagegen Telekom-, Versorger- und europäische Tabakbonds. Sie gelten als weniger konjunkturabhängig und deshalb als defensive Werte. Bei Anleihen von US-Tabakkonzernen wie Altria oder British American Tobacco fürchten die Experten dagegen Prozessrisiken. HB

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