• Unternehmensberater kritisiert die Beschränkung der Hersteller auf die reine Produktion - mit neuen Geschäftsfeldern könnten der Gewinn deutlich erhöht werden

Wirtschaft : Unternehmensberater kritisiert die Beschränkung der Hersteller auf die reine Produktion - mit neuen Geschäftsfeldern könnten der Gewinn deutlich erhöht werden

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Die Automobilindustrie verschenkt nach Ansicht von Branchenexperten Wachstumschancen bei Handel, Finanzierung und Service. Die Hersteller beschränkten sich viel zu sehr auf die reine Produktion, heißt es in einer im Vorfeld der Internationalen Autoaustellung vorgelegten Studie der internationalen Unternehmensberatung Mercer Management Consulting. Die Devise der Auto-Konzerne müsse stattdessen lauten: "Wir bieten die ganze Palette rund um Auto und Mobilität", sagt Mercer-Vizepräsident August Joas. Nach seiner Einschätzung hat die Autobranche beste Voraussetzungen, um mit ihrem Produkt am Dienstleistungsboom teilzuhaben. "Mit neuen Geschäftsfeldern könnten die Hersteller ihren Gewinn verdoppeln", meint Mercer-Vize Joas. Die Produzenten müssten dafür den Auto-Lebenszyklus "von der Wiege bis zur Bahre" vermarkten. Das beginne bei Leasing und Handel: "Es gibt im Leben eines Autos bis zu sieben Verkaufstransaktionen sowie zahlreiche Service-Boxenstopps, alle bieten Chancen für Gewinne." Einnahmequellen sieht Joas in Navigationssystemen, Autotelefonen, Tourismus, Zubehör, Reisewetter, Pannenhilfe oder Unfallservice.

Die bereinigte Wertschöpfung von Auto-Produzenten und Zulieferern liegt Mercer zufolge in Europa jährlich bei insgesamt 181 Milliarden Euro (354 Milliarden Mark). Der gesamte Bereich Dienstleistungen, Versicherungen und Pkw-Zubehör dagegen erziele 507 Milliarden Euro. Das Auto-Geschäft nach der Fabrik sei auch weit profitabler: Produktions-Gewinnen von 8,4 Milliarden Euro (Stand: 1997) stünden Überschüsse von 24,3 Milliarden Euro im Folgegeschäft rund ums Auto gegenüber. "Allein schon die Versicherer schöpfen mehr Gewinnmarge ab als die Hersteller." Auch die Überkapazitäten zwingen laut Mercer die Autobauer zur Suche nach neuen Märkten. Weltweit gebe es Produktionswerke für 75 Millionen Fahrzeuge pro Jahr - ein Viertel davon sei nicht ausgelastet. Die Zulassungszahlen würden nur noch wenig steigen oder sogar sinken. "Hauptproblem der Auto-Hersteller ist aber, dass die meisten kaum direkten Zugang zu ihren Kunden haben", meint der Mercer-Manager. Wer über seine Kunden Bescheid wisse, könne das Auto auch als Vertriebskanal für eine Reihe anderer Dinge nutzen. "Fahrer bestimmter Marken kaufen bestimmte Produkte", sagt Joas. "Da sind ganz Allianzen mit anderen Branchen denkbar."

Am Donnerstag wird in Frankfurt (Main) die Internationale Autoaustellung IAA eröffnet, die weltgrößte Leistungsschau der Branche. Vom 16. bis zum 26. September präsentieren 1200 Aussteller "die ganze Bandbreite des automobilen Fortschritts", so der veranstaltende Verband der Autoindustrie (VDA). 51 Weltpremieren sind angekündigt, so viele wie noch nie. Die beiden ersten Ausstellungstage sind Fachbesuchern vorbehalten, von Sonnabend an ist die IAA dann für das breite Publikum geöffnet. Der Eintritt am ersten Wochenende beträgt 30 DM und in den folgenden Tagen 25 DM. Der VDA bemüht sich, mit so genannten Erlebniswelten die Besucher anzulocken. So sind beispielsweise Probefahrten mit den neuesten Modellen möglich. "Work und Fun" ist das Motto einer Sonderschau, die inmitten einer Indoor-Kartbahn über Berufe rund ums Auto und den Motorsport informiert. "100 Meilensteine des Automobils" präsentiert der Automobilclub von Deutschland (AvD), der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert. Der AvD zeigt für jedes Jahr ein "richtungsweisendes" Automobil. Am Anfang steht der Opel Lutzmann von 1899, gefolgt von einem Stanley Dampfwagen (1900) und jenem Daimler (1901), der zuerst den Namen Mercédès trug. Abgerundet wird die Schau mit der A-Klasse und dem Smart. Unter den IAA-Neuheiten wird insbesondere eine Luxuslimousine von VW mit Spannung erwartet, mit der die Wolfsburger die S-Klasse von Mercedes angreifen wollen. Die alle zwei Jahre stattfindende IAA steht 1999 unter dem Motto "Auto: Treffpunkt Zukunft". Im Mittelpunkt werden dabei neue Antriebstechniken stehen, die weniger Kraftstoff verbrauchen und entsprechend weniger Umweltgifte ausstoßen. Die deutschen Autohersteller haben zugesagt, den Verbrauch von 1990 bis 2005 um 25 Prozent zu reduzieren. Nach Angaben des VDA sind bislang zwölf Prozent erreicht worden. Seit Ende der 70er Jahre sei der Verbrauch von Pkw sogar um rund 30 Prozent gesenkt worden. Im Durchschnitt verbrennt ein Auto heute mit 7,6 Litern rund einen Liter weniger als vor zehn Jahren. Um zu einer weitergehende Verbrauchsreduzierung zu kommen, ist nach Angaben des VDA unbedingt schwefelarmer Kraftstoff erforderlich. Ähnlich wie Blei bei einem Dreiwegekatalysator vergiftet Schwefel den bei Direkteinspritzern verwendeten Speicherkatalysator.

Bei Dieselmotoren wäre nach Angaben des VDA mit schwefelarmen Kraftstoff eine Reduzierung von Partikelemissionen um bis zu 30 Prozent möglich. Auf der EU-Ebene ist ab 2005 die Einführung schwefelarmer Kraftstoffe (maximal 50 ppm) vorgesehen. Doch der VDA fordert Sprit mit maximal 10 ppm Schwefelgehalt. Das Angebot der Mineralölindustrie, etwas schwefelärmeren Kraftstoff anzubieten, reicht den Herstellern nicht. "Wir haben es deshalb begrüßt, dass die Bundesregierung in einer sehr hilfreichen Moderatorenrolle erfolgreiche Anstöße gegeben hat, um schwefelfreien Otto- Und Dieselkraftstoff (maximal 10 ppm) verfügbar zu machen", sagt VDA-Präsident Bernd Gottschalk. Dabei geht es insbesondere um steuerliche Anreize bei der Einführung schwefelfreier Kraftstoffen. Die weitere Rückführung des Kraftstoffverbrauchs sei nur möglich, "wenn wir innovative Motorentechniken wie den direkteinspritzenden Otto- und Dieselmotor mit Speicherkatalysatoren einsetzen können, die ihr volles Abgas- und Verbrauchsminderungspotenzial nur in Verbindung mit diesen Kraftstoffqualitäten entfalten", sagt Gottschalk.

Nicht zuletzt aufgrund der anstehenden Mineralölsteuer-Erhöhungen steht bei der Branche die Verbrauchsreduzierung im Vordergrund. Nach Angaben des VDA werden die Autofahrer in der "Endstufe" der Steuererhöhung "mit mehr als 20 Milliarden DM zusätzlich zur Ader gelassen".

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