Wirtschaft : Unternehmenskultur: Die Familie fällt auseinander

Christopher Rhoads,Vanessa Fuhrmans

Seit 40 Jahren rührt Klaus Theyssen Malz und Hopfen bei der Dortmunder Union-Ritter Brauerei. Das Unternehmen ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts fester Bestandteil der Arbeiterstadt Dortmund. Zu Weihnachten schenkte das Unternehmen jedem Arbeiter eine Gans. Ebenso gängig waren Betriebsausflüge an den Rhein. "Wir waren eine Familie", sagt der Brauer. Diese zurückliegende Idylle war nicht einem großzügigem Boss zu verdanken, sondern einer Spezialität der deutschen Unternehmenslandschaft: einem komplexen System ineinander verflochtener Aktienbeteiligungen. Doch mit der zunehmenden internationalen Konkurrenz und der Abschaffung der Steuer auf Beteiligungsverkäufe im kommenden Jahre haben Banken und Versicherer einen Anreiz, den Überkreuzbeteiligungen ein Ende zu machen. Die Folgen reichen über den Wegfall von Weihnachtsgans und Rhein-Ausflüge weit hinaus. Mit der Entflechtung blicken viele Unternehmen und Arbeitnehmer in Westdeutschland zum ersten Mal seit Jahrzehnten einer unsicheren Zukunft entgegen.

Früher ging es nur um Bier

Dieser Prozess hat bei der Münchner Hypo-Vereinsbank AG bereits begonnen. Die Bank ist der größte Aktionär des Dortmunder Getränkekonzerns Brau und Brunnen AG, zu der die Union-Ritter Brauerei gehört. Der Konzern hat kürzlich einen neuen Geschäftsführer bestellt, der die Brauerei in den kommenden zwei Jahren zum Verkauf vorbereiten soll. Der erste Schritt: 400 Arbeitnehmer oder 20 Prozent der Belegschaft werden entlassen. "Früher ging es um Bier, Bier, Bier", sagt der 57-jährige Theyssen. "Nun geht es nur noch darum, die Aktionäre zufrieden zu stellen."

Viele erwarten, dass sich das gleiche Szenario in den kommenden Jahren in ganz Deutschland abspielen wird. Diese Aussicht ist für viele umso beunruhigender, als dass sich die Konjunktur in Deutschland abkühlt. Die Arbeitslosenquote ist in den vergangenen fünf Monaten konstant gestiegen und liegt nun bei 9,3 Prozent. In den letzten Monaten hat Siemens die Entlassung von mehr als 6000 Mitarbeitern angekündigt. Grundig will 900 Stellen streichen. Und Thyssen Krupp will 3200 der Stahlarbeiter auf Halbtagsarbeit setzen.

Die Unternehmensverflechtungen reichen bis in die Wiederaufbauzeit nach dem zweiten Weltkrieg zurück. Banken und Versicherungen versorgten angeschlagene Unternehmen mit Krediten, um ihnen wieder auf die Beine zu helfen, und erhielten dafür als Sicherheit eine Beteiligung am Unternehmen. Jahrzehntelang hat sich dieses System in Westdeutschland bewährt - und zwar in zweierlei Hinsicht: Die Unternehmen hatten zuverlässige Kapitalgeber und geduldige Aktionäre, die auf die langfristige Unternehmensentwicklung schauten. Doch nun ist dieses Arrangement wegen verschiedener Entwicklungen dabei, sich aufzulösen.

Neben der stufenweisen Abschaffung der Kapitalertragssteuer ist es die Rentenreform mit ihrer privaten Vorsorgekomponente. Letztere wird die deutsche Aktienkultur komplett verändern. Die Transformation ist bereits spürbar. So erhob sich kürzlich auf der Hauptversammlung der Bayer AG ein Mann in dunkelblauem Anzug mit goldenen Manschettenknöpfen. Thomas Shrager leitet den New Yorker Vermögensverwalter Tweedy Brown. Und er gehört zu den ausländischen Bayer-Aktionären, die rund 44 Prozent des Aktienkapitals besitzen. Es wird erwartet, dass der ausländische Anteil noch steigen wird, wenn der Hauptaktionär von Bayer, die Allianz, ihren sechs prozentigen Anteil verkaufen wird. Als Shrager auf der Hauptversammlung das Wort ergriff, forderte er, dass sich Bayer in drei Teile aufspalten solle. Der Wert von Bayer könne höher sein, wenn die drei Geschäftsfelder Pharma, Chemie und Landwirtschaft nicht in einem Unternehmen gebündelt wären. Denn die Aktienkurse reiner Pharmaunternehmen stiegen derzeit in die Höhe, begründete er. "Man hat mir gesagt, deutsche Unternehmen behandelten ihre Aktionäre gern wie Pilze: Man belasse sie im Dunkeln und schütte hin und wieder etwas Dünger - wie etwa eine Dividende - über sie. Sind deutsche Aktionäre noch immer Pilze?" Am Ende scheiterte Shragers Antrag. "Unternehmen wie Bayer müssen sich daran gewöhnen, mit US-Investoren umzugehen, die viel aggressiver sind als ich."

Aber auch die Zahl der deutschen Aktionäre steigt. Während die Allianz ihre traditionelle Rolle als industrieller Investor aufgibt, beginnt der Versicherer, Aktien an ganz normale Deutsche zu verkaufen. Heute halten nur zehn Prozent der Deutschen direkt Aktien. Bezieht man Fonds mit ein, steigt die Zahl der Anleger auf gerade 19 Prozent - im Vergleich zu 50 Prozent in den USA.

Beteiligungen sind unerwünscht

Zurück zur Union-Ritter Brauerei. Seit mehr als zehn Jahren leidet Dortmund unter dem Niedergang der Montanindustrie. Die Stadt war einst die Hauptstadt der deutschen Kohle- und Stahlindustrie, beschäftigte zehntausende Arbeiter und produzierte in den 60er Jahren mehr Bier als jede andere deutsche Stadt. "Man sagte uns, Bier habe immer eine Zukunft", sagt Theyssen. Doch Überkapazitäten auf dem deutschen Biermarkt drückten die Preise. Gab es noch vor zehn Jahren sieben Brauereien mit insgesamt mehr als 6000 Arbeitern in der Stadt, sind es heute nur noch zwei Unternehmen mit weniger als 1000 Mitarbeitern. Theyssens Brauerei versucht mit der Situation fertig zu werden, indem sie mit einem früheren Konkurrenten fusionierte, die Ausstattung modernisierte und Arbeitsplätze abbaute. Doch das reicht nicht, um die anderen Probleme des Mutterkonzerns Brau und Brunnen zu lösen. Selbst wenn der Konzern bald wieder schwarze Zahlen schreiben würde, "werden wir unseren Anteil verkaufen", kündigte Dieter Rampl von der Hypo-Vereinsbank an, der Aufsichtratschef bei Brau und Brunnen ist. "Wir wollen keine Unternehmensbeteiligung mehr." Wie Allianz und andere Banken oder Versicherer, will die Hypo-Vereinsbank sich von unrentablen Unternehmensbeteiligungen trennen, und das Kapital effizienter einsetzen - wie es ihre Aktionäre verlangen.

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