Unternehmer Claus Hipp : Des Schöpfers Kost

Babybrei, immer wieder Babybrei. Claus Hipp hat seinen Namen zur Marke gemacht. Seine Firma wird seit Jahren mit Preisen überhäuft. Und der Patron? Fühlt sich mit 75 nicht ausgelastet. Er ist Messdiener der Frauenkirche, malt abstrakte Gemälde und lehrt Kunst.

Claudia Beckschebe[Pfaffenhofen]
Gegen den Strich. Unternehmer Claus Hipp, 75, wollte nie professioneller Künstler werden. Weil er keine Lust hatte, marktgerecht zu arbeiten.
Gegen den Strich. Unternehmer Claus Hipp, 75, wollte nie professioneller Künstler werden. Weil er keine Lust hatte, marktgerecht...Foto: Tobias Hase/picture-alliance/dpa

Ihre Türme erheben sich knapp 100 Meter über der Stadt. Sie ist das Wahrzeichen Münchens, die Frauenkirche. Und Sitz des Erzbischofs noch dazu. Ein einziges abstraktes Gemälde hängt darin. Gemalt hat es ein Unternehmer. Der macht mit Karotten- und Bananenbrei 600 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Glaube, Malerei, Babybrei – wie passt das zusammen?

Über Claus Hipp steht nur Gott. Verkörpert durch Jesus am Kreuze, hinter ihm an der Wand. Wie in jedem Zimmer der Firma Hipp. Im Produktionsraum, wo ein Holzkreuz nicht erlaubt wäre, hängt eines aus Stahl. So blickt der Höchste auf das hinab, was auch der Unternehmer täglich vor Augen hat, wenn er sich in Pfaffenhofen an seinem mächtigen Nussbaumschreibtisch setzt. Stifte liegen verstreut, ein Zettelwust neben einem Gläschen Aprikosenbrei, Hipps persönliche Lieblingssorte.

Von hier aus, vom Dach des Firmensitzes, lenkt Claus „Dafür stehe ich mit meinem Namen“ Hipp die Geschicke des 2000-Mann-Unternehmens. Der Chef sieht genau so aus wie in der Werbung: weißer Haarkranz, freundliches Lächeln und, natürlich, Trachtenjanker samt Lederweste. Er sagt: „Ich muss den Leuten nicht beweisen, dass ich noch eine andere Jacke habe.“

Hipp hat seinen Namen zu einer Marke gemacht. Weiter kann man es als Unternehmer in diesem Land kaum bringen. Gerade erst hat seine Firma den Corporate Social Responsibility-Preis der Bundesregierung für ihre soziale Verantwortung erhalten. Der Patron bittet zur Sitzgruppe. Antikes Mobiliar, die Polster ziert ein samtenes Streifenmuster. Die großen Fenster erlauben einen Blick auf bayerische Idylle, Pfaffenhofen. Auch das Firmengelände kann er von hier oben überschauen, sein Lebenswerk. Er hat es geschafft, die Gläschen mit der bunten Herzchenschrift zum Synonym für Bio-Babybrei zu machen.

Jedoch, damit ist die Marke Hipp auch ausdefiniert. Produkte für andere Zielgruppen anzubieten, von dieser Idee hat sich der Firmenlenker verabschiedet. Er musste einsehen: Senioren wollen keine Kost, auf der „ab 80 Jahren“ geschrieben steht und Sportler kaufen lieber Produkte mit Gewinner-Image. Also Babybrei. Immer wieder Babybrei.

Hipp schläft ein, wenn er unterfordert ist. Er kann das. Im Sitzen, ohne Lehne. Augen zu. Und weg. „Als ich IHK-Präsident war, musste ich mir die vielen Reden anhören. Die waren oft sterbenslangweilig. Da hatte ich ein Notizbuch dabei.“ Hipp grinst: „Die anderen dachten, ich höre den Vorträgen aufmerksam zu und mache mir Notizen – aber in Wirklichkeit…“

In Wirklichkeit geht es um Lebenszeit.

Vor wenigen Tagen ist Claus Hipp 75 Jahre alt geworden. In der Kantine gab es für alle Mitarbeiter ein Geburtstagsmenü mit Austernpilz-Salat und Entenbraten. Das war’s. Alter sei ja kein besonderes Verdienst, sagt Hipp. Ob es nicht allmählich an der Zeit wäre, abzutreten? Seine fünf Kinder arbeiten alle im Unternehmen, zwei Söhne bereits in der Geschäftsführung. „Solange meine Kinder mich hier brauchen, bin ich da“, sagt Hipp. Und zwar täglich. Ab halb sechs. „Das ist ziemlich früh, aber auf dem Land fängt man eben früh an. Es ist nicht so, dass mir das leicht fällt.“

Hipp hat Verpflichtungen. Dazu zählt, täglich in aller Herrgottsfrüh nach Herrnrast zu fahren, zu einer alten Wallfahrtskirche. Hipps schwarzes BMW-6er-Cabrio schiebt sich gemächlich durch die Ortschaft. Am Rückspiegel baumeln seine Glücksbringer: eine georgische Flagge, ein Rosenkranz und ein kleiner Holzanhänger, der einem Steuerrad ähnelt. Hipp fährt exakt 50 Stundenkilometer. Er hat noch einen alten Mercedes, der mit Pflanzenöl betrieben wird. Doch steht der ungenutzt in der Garage, weil Hipp nicht mehr mit Bio-Sprit fahren will, sagt er. Das bringe Menschen in Not, nehme ihnen die Nahrungsmittel weg. Am liebsten nimmt er sowieso das Rad.

Am Fuße des Herrnraster Hügels hält Hipp an. Eine Herde Rotwild grast linker Hand auf einer umzäumten Weide. Hipp deutet auf einen Hirsch mit mächtigem Geweih. „Ein Zwölfender ist dabei, wunderbares Tier.“ Die Herde gehört zu Hipps Familienhof; genauso wie etliche Pferde. Beim Ausreiten hatte er vor Jahrzehnten die baufällige Kirche entdeckt, auf eigene Kosten ließ er sie renovieren. Hipp sperrt sie täglich auf, prüft, ob das ewige Licht brennt, er betet. Sehr kalt ist es in dem kleinen Kirchenschiff und einsam.

Warum ist es eine Ausnahme, sich in der Wirtschaft so selbstbewusst zu seinem Glauben zu bekennen? „Weil Vertrauen in Gott vielleicht mit persönlicher Schwäche gleichgesetzt wird“, sagt Hipp. „Ich bin froh, dass ich mich in schwierigen Situationen an Gott wenden kann.“

Welche Situationen?

„Natürlich habe ich Feinde.“ Er senkt den Blick, scharrt mit den Füßen, unangenehmes Thema. Auch bei Hipp

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