Unternehmerverbände-Chef Amsinck : ''Ohne Wachstum können wir unsere Probleme nicht lösen''

Der neue Unternehmerverbände-Chef Christian Amsinck über die Berliner Wirtschaftspolitik und die Kooperation von Wissenschaft und Unternehmen

Herr Amsinck, seit 15 Jahren sind Sie schon Geschäftsführer, jetzt werden Sie Hauptgeschäftsführer. Was ist der Unterschied?

Beim Hauptgeschäftsführer liegt die Gesamtverantwortung. Der Geschäftsführer ist für einen Teilbereich zuständig, bei mir war das die Wirtschaftspolitik.

Haben Sie da etwas bewirken können?

Es hat sich sehr viel getan in den 15 Jahren. Wir haben einen beispiellosen Strukturwandel gehabt, den viele so nicht erwartet hatten. Doch nun ist das Gröbste überstanden.

Gibt es dafür Belege?

Zum Beispiel die Finanzpolitik. Wir haben ein Maß an Haushaltskonsolidierung in Berlin, das wir uns vor einigen Jahren nicht vorstellen konnten.

Dafür ist die Investitionsquote erbärmlich.

Ja, die Quote ist nur halb so groß wie in Brandenburg. Aber erst mal sind wir froh darüber, wenn das Land seinen Haushalt in Ordnung bringt. Ein weiteres positives Beispiel betrifft die Industrie. Hier ist der Abbau der Arbeitsplätze weitgehend gestoppt.

Es sind ja auch kaum noch welche da.

Das ist nicht richtig, es sind rund 100 000, wenn wir die Betriebe mit weniger als 20 Beschäftigten mitzählen. Und 2007 ist einiges passiert. Wirtschaft und Politik haben Zeichen gesetzt, dass die Industrie wieder einen anderen Stellenwert haben muss. Es geht nicht ohne Industrie in einer Großstadt.

Der Regierende Bürgermeister spricht lieber von einer Dienstleistungsmetropole.

Auch Herr Wowereit hat inzwischen die Bedeutung der Industrie erkannt. Die Standorte in Deutschland, die eine starke Industrie haben, haben auch das höchste Wachstum.

Und dabei eine hohe Exportquote – die hat die Berliner Industrie nicht.

Was sich in den alten Bundesländern über Jahrzehnte vollzogen hat – Stadt- Umland-Wanderung, Aufbau von Zulieferbeziehungen, Bearbeitung von Auslandsmärkten –, musste hier sehr schnell gehen. Inzwischen sind wir dabei einen großen Schritt vorangekommen. Berlin wird zunehmend als moderne Industriestadt begriffen, und die Unternehmen, die wir haben, bewähren sich jetzt auf den Weltmärkten und stellen auch wieder Personal ein.

Wo?

Wir müssen ja die Region zusammen sehen, also Berlin-Brandenburg mit zusammen 190 000 Industriearbeitsplätzen. Und in Brandenburg sind in diesem Jahr rund 3000 neue Arbeitsplätze in der Metall- und Elektroindustrie entstanden. Das ist auch das Ergebnis einer beharrlichen Verbesserung der Rahmenbedingungen.

Und in Berlin?

Die Wirtschaftspolitik in Berlin muss sich stärker als bisher darauf ausrichten, dass wir industrielles Wachstum bekommen. Und zwar der gesamte Senat. Sehr wichtig für die Rahmenbedingungen ist die Infrastruktur, in den kommenden Jahren der Flughafen BBI. Dadurch ändert sich die Wahrnehmung des Standorts, und wir werden erleben, dass es im Umfeld des Flughafens erhebliche industrielle Ansiedlungen geben wird.

Das sind neue Firmen – kümmern sich Politik und Verbände denn genügend um die ansässigen?

Selbstverständlich müssen die vorhandenen Firmen gedeihen. Seien es Fahrzeughersteller, Unternehmen aus der Medizintechnik oder Energieerzeuger, die alle eine Perspektive haben in Berlin.

Sollte Vattenfall der Neubau eines Kraftwerks in Berlin untersagt werden, wie die Präsidenten von Handels- und Handwerkskammer vorschlagen?

Nein, das ist doch keine Lösung! Wir müssen zwei Dinge unterscheiden: Das eine ist die Diskussion auf der Bundes- und Europaebene über den Ordnungsrahmen, den die Politik für die Energiewirtschaft setzt. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass Vattenfall ein bedeutendes Unternehmen für Berlin und Brandenburg ist, das hier 16 000 direkte und indirekte Arbeitsplätze sichert. Außerdem ist die Zusammenarbeit von Vattenfall mit den regionalen Hochschulen sehr ausgeprägt.

Und was ist mit den Energiepreisen?

Für viele energieintensive Unternehmen sind die Preise zu hoch. Wir müssen schauen, dass wir für die Industrie kalkulierbare und wettbewerbsfähige Strompreise bekommen. Das ist für uns der entscheidende Punkt, bei dem wir aber auch den staatlichen Einfluss auf die Preise nicht übersehen dürfen.

Also zurück zum Staat. Was erwarten Sie in den nächsten Jahren von der Senatspolitik?

Die Finanzpolitik unter Thilo Sarrazin sollte Schule machen. Auch in der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik kann es helfen, wenn man sich ehrgeizige Ziele setzt, die auch so konkret sein sollten wie möglich.

Für viel Ehrgeiz fehlt das Geld.

Das sehe ich überhaupt nicht so. Rahmenbedingungen lassen sich auch ohne viel Geld gestalten. Mit Image und Klima lässt sich eine Menge bewegen – und da haben wir noch eine Menge zu tun.

Die bekannteste Imageparole „Arm, aber sexy“ scheint die wirtschaftliche Dynamik nicht sehr stark zu befördern.

Ich habe diesen Spruch nie verstanden. Und überhaupt: Wer geht denn dahin, wo die Verhältnisse angeblich armselig sind?

Ein Defizit der Berliner Wirtschaft liegt in der unzureichenden Verknüpfung von Wissenschaft und Wirtschaft. Wie wird das besser?

Indem wir die hervorragenden Absolventen der Universitäten hierbehalten. Das bedingt sich natürlich wechselseitig: Wenn wir bei der Qualität der Absolventen vorne liegen, dann ist das für potenzielle Investoren von großer Relevanz und wir bekommen eine breitere industrielle Basis wiederum als Beschäftigungsfeld für Hochschulabsolventen.

Was haben denn eigentlich die Unternehmensverbände in den vergangenen Jahren unternommen, um die Wirtschaft enger an die Wissenschaft zu führen?

Durch die Kooperation mit zwölf Hochschulen haben wir ein großes Netzwerk aus Wissenschaftlern, Absolventen und Unternehmen geschaffen. Viele Innovationsprozesse werden allerdings auch in der Zusammenarbeit von großen und mittelständischen Unternehmen angestoßen, die wir aktiv unterstützen.

Sie sind für die Fusion der beiden regionalen Wirtschaftsförderungsgesellschaften?

Ja, das bleibt auf der Tagesordnung, hat im Augenblick aber nicht die notwendige politische Unterstützung. Aber immerhin gibt es eine gemeinsame Steuerungsgesellschaft, sozusagen als Zwischenschritt auf dem Weg zu einer gemeinsamen Wirtschaftsförderung für Berlin und Brandenburg.

Herr Amsinck, welche Akzente werden Sie in den kommenden Jahren setzen?

Ich werde mich sehr dafür einsetzen, dass wir das Thema Wachstum und Arbeitsplätze nach den Jahren des Strukturwandels forcieren. Ohne Wachstum bekommen wir unsere Probleme nicht gelöst, wie die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt zeigt. In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Arbeitslosen in Berlin und Brandenburg um 100 000 gesunken. Das ist beachtlich und ein Effekt des Wachstums. Aber wir haben immer noch 420 000 Arbeitslose. Und ich werde immer wieder auf die Bedeutung der Industrie hinweisen. Denn an der Industrie in der Region hängen auch 280 000 Arbeitsplätze in den Dienstleistungsbranchen.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

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