Unterschätzte Professionen : Beruf und Vorurteil

Was dafür spricht, als Grundschullehrer, Bestatter oder Berufstaucher sein Geld zu verdienen.

Michaela Drenovakovic
Gegen den Strom. Fabian Lenzen arbeitet in einem eher unbeliebten Job: Er ist Bestatter. Foto: Privat
Gegen den Strom. Fabian Lenzen arbeitet in einem eher unbeliebten Job: Er ist Bestatter.Foto: Privat

Es gibt Jobs, die kaum jemand gerne machen will. Als Bestatter tagtäglich mit dem Tod zu tun haben. Als Grundschullehrer eine Horde Krach machender Kinder bändigen. Oder als Berufstaucher in eine Kläranlage steigen. So möchten sich die wenigsten ihr Geld verdienen. Doch viele Jobs sind besser als ihr Ruf. Drei Berliner erzählen, warum sie sich gerade für einen dieser Jobs entschieden haben.

DER BERUFSTAUCHER
Beim Tauchen denken die meisten an Sandstrände und Urlaub. Doch wenn Carsten Thörmer abtaucht, begibt er sich an seinen Arbeitsplatz. Der 39-Jährige ist Berufstaucher. Einsatzgebiete: Häfen, Kläranlagen, Schleusen, Wasserkraftanlagen – und Baustellen. „In Berlin ist der Grundwasserspiegel recht hoch. Wenn hier gebaut wird, dann müssen oft Taucher ran“, erklärt er. Bei Wind und Wetter steigt er in seinen Anzug.

Sein Job sind handwerkliche Arbeiten: Alles, was Schlosser, Maler oder Tischler an Land machen, leisten Taucher unter Wasser, erklärt er. Sie schweißen und sägen, warten Staumauern, Wasserkraftwerke oder Brücken, sind für die Räumung von Schifffahrtsrinnen zuständig, verlegen Rohre durch Flüsse und überprüfen Schleusenanlagen.

Carsten Thörmer taucht in jedem Gewässer ab. Foto: Privat
Carsten Thörmer taucht in jedem Gewässer ab.Foto: Privat

Zu seinem Beruf kam Thörmer über Umwege: „Ich habe bei der Marine als Navigator gearbeitet“, erzählt er. Dabei standen auch regelmäßig Taucheinsätze an, die er ins Schiffstagebuch eintragen musste. Die unter Wasser gehenden Kollegen faszinierten ihn so sehr, dass er selbst eine Ausbildung begann.

Immer wieder wird Thörmer gefragt, ob das nicht ekelig sei, in der Kanalisation zu tauchen. „Als Taucher hat man keinen direkten Kontakt zum Wasser. Ich bin durch meine Ausrüstung vollständig geschützt“, erklärt er dann. Dennoch muss er sich einer regelmäßigen Gesundheitsprüfung unterziehen, wird er getestet auf Herz-Kreislauf-Funktionen und Krankheitserreger wie Hepatitis A oder B durch kontaminiertes Wasser.

Berufstaucher sind gefragt: Nur 500 bis 600 gibt es bundesweit. Als Jungtaucher in der Ausbildung verdient man bereits rund 1200 Euro brutto im Monat. Danach kann ein Taucher auf bis zu 4 500 Euro brutto oder mehr kommen, je nach Berufsverhältnis und Auftrag.

Thörmer war in verschiedenen Tauchfirmen in Deutschland tätig, bevor er sich 2001 mit einem Kollegen selbstständig machte. Mit Erfolg: Zu seiner Aqua-Nautik GmbH gehören mittlerweile 15 Mitarbeiter, zudem gibt es zwei Niederlassungen in Niederkrüchten und Minden.

Privat ist Carsten Thörmer lieber an Land: „Mit der Familie schnorcheln ist in Ordnung. Aber tauchen – das muss nicht auch noch in der Freizeit sein.“

DER GRUNDSCHULLEHRER

Mehr als jeder fünfte Deutsche lehnt es laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens Toluna ab, Grundschullehrer zu werden. Seit Jahren gehört der Beruf zur Top-Ten der unbeliebtesten Berufe – obwohl man recht gut verdient: laut Gehaltsvergleich.com im Schnitt rund 3770 Euro brutto in Berlin.

Philipp Lorenz hat sich dennoch für den Job entschieden. „In der Grundschule trifft man auf Schüler, die geradezu darauf brennen, endlich die Schulbank zu drücken“, sagt der 35-Jährige. Er findet es spannend, den Unterrichtsstoff so zu durchdringen und aufzubereiten, dass ihn auch Kinder verstehen.

Lorenz arbeitet an der Wedding-Schule, einer Grundschule mit Ganztagsbetrieb. Für ihn stand nach der Ausbildung schnell fest, dass er in einem Problemstadtteil arbeiten will. Bis zu 97 Prozent der Schüler seiner Klassen haben einen Migrationshintergrund. Er will Schule gestalten, sagt er. Und der Einsatz lohne sich: „Man bekommt ein unglaublich positives Feedback.“

Lorenz ist einer der wenigen Männer in dem Beruf. Gerade in Schulen wie seiner seien männliche Vorbilder aber wichtig. „Gerade für Kinder mit türkischen oder arabischen Wurzeln kann eine männliche Bezugsperson außerhalb der Familie positiv wirken“, sagt der Grundschullehrer.

Es herrscht Lehrermangel, gerade an Grundschulen, doch wer von vermeintlich kurzen Arbeitszeiten angelockt wird, der denkt zu kurz. „Dass wir mittags Feierabend haben, ist Unsinn.“ Nicht nur die Schulstunden gehörten zum Aufgabenbereich. Vor- und Nachbereitung, Elterngespräche, Arbeit für Gremien und Fachkonferenzen sind nach der Schule fällig.

An einer Grundschule gibt es nur zwei Funktionsposten, erklärt Lorenz: Er plant nun, sich beruflich weiterzuentwickeln – und Schulleiter zu werden. Dazu hat er eine Qualifizierungsreihe inklusive Kolloquium absolviert.

„Wer Lehrer werden will, sollte sich bewusst sein, was es heißt, viele Stunden täglich vor einer Klasse zu stehen“, rät Lorenz. „Ein Lehrer muss rund um die Uhr aufmerksam sein.“ Ein Gefühl dafür, was das heiße, bekomme man durch Praktika, die Pflicht seien, bevor man sich für das Studium einschreibe.

DER BESTATTER

„Jeden Tag trauernde Menschen – ich könnte das nicht!“. Diesen Satz bekommt Fabian Lenzen oft zu hören, wenn er von seinem Beruf als Bestatter berichtet. Oft begegnet ihm aber auch Neugier, sagt der 37-Jährige, und er versucht dann zu vermitteln, dass es etwas sehr Positives ist, Trauernden in dieser schweren Zeit helfend zur Seite zu stehen.

Er selbst kam durch Zufall zu seiner Aufgabe: Die Familie seiner Frau betrieb ein Bestattungsunternehmen. Bereits neben seinem Architekturstudium hat Lenzen dort gejobbt. Nach einer anderthalbjährigen Fortbildung zum geprüften Bestatter entschied er sich schließlich ganz für das neue Berufsfeld. Neben den organisatorischen Abläufen wie Behördengängen oder der Abholung des Verstorbenen aus dem Krankenhaus kommt auch der handwerkliche Teil, erklärt er, auch mal das Arbeiten auf dem Friedhof oder die Dekoration bei der Trauerfeier.

Inzwischen hat er sich auch noch zum Thanatopraktiker weitergebildet und deckt somit auch den medizinisch-hygienischen Teil des Berufsbildes ab. So kann er nun etwa Verstorbene für Überführungen ins Ausland „konservieren“ oder das Erscheinungsbild eines nach einem Unfall Verstorbenen „rekonstruieren“.

In der Lehre bekommen Bestattungsfachkräfte zwischen 350 bis 450 Euro brutto im Monat. Einstiegsbruttogehälter liegen zwischen 2000 und 2400 Euro.

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