Untreue-Vorwurf : Freispruch für früheren West-LB-Chef

1,35 Milliarden Euro erhält der Geräteverleiher Boxclever 1999 von der West-LB, genehmigt vom damaligen Chef Jürgen Sengera. 2004 geht Boxclever pleite, die Bank verliert eine halbe Milliarde Euro. Jetzt ist Sengera vom Vorwurf der schweren Untreue freigesprochen worden.

Jürgen Sengera
Freispruch: Die Richter befanden, dass sich Jürgen Sengera, Ex-Chef der West-LB, nicht der schweren Untreue schuldig gemacht hat.Foto: dpa

Der ehemalige West-LB-Chef Jürgen Sengera ist vom Vorwurf der schweren Untreue freigesprochen worden. Der 65-Jährige habe bei der Vergabe eines Milliardenkredits an den britischen TV-Geräte-Verleiher Boxclever zwar nicht die notwendige Sorgfalt walten lassen, befand das Düsseldorfer Landgericht am Donnerstag nach einem halben Jahr Prozessdauer. Er habe den Schaden aber nicht vorsätzlich angerichtet und sich deswegen auch nicht strafbar gemacht. Die Staatsanwaltschaft kündigte an, gegen das Urteil Revision einzulegen.

"Der Angeklagte hat die Pflichten eines ordentlichen Bankleiters verletzt" und "objektiv den Tatbestand der Untreue erfüllt" , kritisierte die Vorsitzende Richterin Brigitte Koppenhöfer in ihrer Urteilsbegründung. Er habe seine Vermögensbetreuungspflicht missbraucht. "Bei sorgfältiger Prüfung wäre der Kredit nicht genehmigt worden." Das Gericht habe aber keine Indizien dafür gefunden, dass Sengera gewusst habe, dass das Darlehen in höchstem Maße ausfallgefährdet gewesen sei. "Im Nachhinein ist jeder schlauer."

Sengera verursachte einen Schaden von 500 Millionen Euro

Die West-LB hatte für die Fusion der Geräteverleiher Thorn und Granada zum neuen Unternehmen Boxclever insgesamt 1,35 Milliarden Euro verliehen. Als Boxclever vor vier Jahren in die Insolvenz schlitterte, verursachte dies der Bank einen Schaden von fast 500 Millionen Euro.

Mit dem Freispruch folgte das Gericht dem Antrag der Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Strafe von zwei Jahren Haft auf Bewährung und eine "empfindliche" Geldauflage beantragt.

Die West-LB habe sich von den Kreditnehmern unter enormen Zeitdruck setzen lassen, kritisierte das Gericht. Sengera habe es unterlassen, die notwendigen Informationen für die Kreditgewährung einzuholen und überprüfen zu lassen. So habe es keine eigene Marktanalyse gegeben. Der Unternehmenswert und das Vermögen seien nicht sorgfältig bewertet, die Sicherheiten nicht hinreichend geprüft und die erhofften Synergieeffekte nicht ausreichend kritisch hinterfragt worden. Sengera habe die Chancen des Kredits überbetont. Den möglichen Schaden habe er aber nicht gleichgültig hingenommen, befand die Richterin.

Die hauseigenen Kreditprüfer waren von Anfang an dagegen

Die West-LB hatte trotz schrumpfenden Marktes und der ablehnenden Haltung ihrer hauseigenen Kreditprüfer die Fusion finanziert und dabei das volle wirtschaftliche Risiko übernommen. Die entscheidenden Vorstandsbeschlüsse seien missverständlich und teilweise falsch formuliert gewesen, kritisierte das Gericht. Sengera habe auch den Kreditausschuss des Aufsichtsrats falsch über das Geschäft informiert und behauptet, den Bedenken der Kreditprüfer sei Rechnung getragen worden, indem 200 Millionen britische Pfund zurückgehalten würden.

Die Verteidiger Sengeras betonten, dass ihr Mandant sich auf einen "Handel mit der Gerechtigkeit" nicht eingelassen habe, um in dem Prozess erfolgreich seine Unschuld zu beweisen. "Das Strafrecht ist nicht dazu da, wirtschaftliches Scheitern zu verurteilen, sondern persönliche Schuld", sagte sein Anwalt Christian Richter. "Wenn Banken-Entscheidungen unter großem Zeitdruck von der Strafjustiz kritisch gesehen werden, muss die Bankenwelt dies zur Kenntnis nehmen", sagte Verteidiger Eberhard Kempf mit Blick auf die Kritik des Gerichts. (mga/dpa)

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