Wirtschaft : Up, up and away

Der Tourismus gehört zu den stärksten Branchen in Deutschland. Wer hier Führungsjobs übernehmen will, hat zahlreiche Studienmöglichkeiten.

von
Heute London, morgen Mailand. Die Organisation von Geschäftsreisen wird immer wichtiger. Einige Hochschulen machen das Business Travel Management sogar zum Studienschwerpunkt. Foto: Frog 974, Fotolia
Heute London, morgen Mailand. Die Organisation von Geschäftsreisen wird immer wichtiger. Einige Hochschulen machen das Business...Foto: Frog 974 Fotolia

Als Katrin Henschel morgens um 9 Uhr die Gäste zum Pilateskurs auf dem Oberdeck begrüßt, hat sie bereits zwei Teambesprechungen, eine Fitnessberatung und die Menüplanung für das Galadinner hinter sich. Henschel betreut rund 300 Gäste auf einem Kreuzfahrtschiff. Drei Monate lang kümmert sich die 29-Jährige um die wechselnden Urlauber, die Erholung auf dem Mittelmeer suchen. „Ich bin gerne viel unterwegs und brauche einen abwechslungsreichen Job“, sagt Henschel. Die Berlinerin ist eigentlich Erzieherin, doch ihr Faible für Reisen ins Ausland und ihre Begeisterung für Actionsport haben ihr den Job auf hoher See verschafft.

Eigentlich sollte die Kreuzfahrt nur eine kurze Auszeit vom Leben in der Hauptstadt sein. Doch Henschel kann sich gut vorstellen, auch länger auf See zu bleiben. „Am liebsten würde ich selbst das Programm für die Touristen organisieren.“ Der Reiseveranstalter sucht dafür Mitarbeiter, die auch Ahnung von Betriebswirtschaft, Personalplanung oder Marketing haben. Henschel ist nun auf der Suche nach einem geeigneten Studienplatz.

An den staatlichen Hochschulen und Universitäten spielt der Tourismus als eigenes Fach noch keine große Rolle. Sie bieten die klassischen Studiengänge Betriebswirtschaft oder Marketing an, die die Bewerber für viele Berufe qualifizieren. Anders sieht es an privaten Hochschulen und bei Weiterbildungsanbietern aus. Gerade in Berlin ist die Auswahl an Tourismus-Studiengängen riesig.

Grundlage aller Angebote sind die Fächer BWL, Personalführung und Management. Vorausgesetzt werden Abitur oder eine Berufsausbildung, außerdem Kenntnisse in mindestens einer Fremdsprache. Besonders gefragt sind das Studium nach Feierabend und duale Studiengänge.

An der bbw-Hochschule (www.bbw- hochschule.de) in Charlottenburg wird das Erlernte gleich in der Praxis umgesetzt. Ein Schwerpunkt ist hier das Eventmanagement. Die Kosten für das sechs- bis achtsemestrige Studium liegen bei rund 15 000 Euro.

Auch die neu gegründete Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur – HWTK (www.hwtk.de) bietet ein berufsbegleitendes Studium für den Bachelor of Administration mit Schwerpunkt Tourismus an. Bewerber können zwischen den Fachrichtungen Gastronomie, Hotel, Sport oder Marketing wählen – und den BA auch im Fernstudium machen. Je nachdem, ob teilweise, in Vollzeit oder nach der Arbeit studiert wird, betragen die Kosten bis zu 20 000 Euro.

Die Branche boomt. Mehr als eine Milliarde Menschen weltweit entscheiden sich jedes Jahr für eine Urlaubsreise, schätzen Experten. Laut dem aktuellen tourismuspolitischen Bericht der Bundesregierung arbeiten rund 2,9 Millionen Menschen in Deutschland für diesen Wirtschaftszweig. Der geschätzte Umsatz liegt bei mehr als 100 Milliarden Euro. Das meiste Geld bringen Angebote für Geschäftsreisende. Dem Bericht zufolge gehört Deutschland europaweit zu den beliebtesten Reisezielen für Kongresse, Tagungen und Konferenzen.

Einige Hochschulen machen daher gezielt die Vorbereitung und Umsetzung solcher Geschäftstermine zum Studienschwerpunkt. An der Best-Sabel Schule (www.bsb-hochschule.de) werden die Studenten im BA Business Travel Management auf die Besonderheiten bei der Organisation von Geschäftsreisen vorbereitet. Finden Termine im kleinen Kreis statt oder wird es eine Großveranstaltung? Wie müssen Räume ausgestattet sein? Welches Personal wird gebraucht und wie viel darf das ganze kosten? Der Studiengang liefert das Rüstzeug für Logistik und Veranstaltungsmanagement. Für sechs Semester können Kosten von bis zu 20 000 Euro anfallen. Wer nicht in ein komplettes Studium einsteigen will, kann sich auch zum internationalen Touristikassistenten ausbilden lassen. Prüfung und Pflichtpraktikum zu dieser Ausbildung können bereits nach dem vierten Semester absolviert werden.

„Die Tourismuswirtschaft lebt von ihren Fachkräften“, sagt der Tourismus-Beauftragte der Bundesregierung, Ernst Burgbacher (FDP). „Deshalb kommt es darauf an, die Attraktivität des Arbeitsplatzes Tourismus weiter zu erhöhen.“ Der Bund fördert die Suche nach geeignetem Personal und dessen Ausbildung. Besonders im Blick der Förderprogramme liegt die „Professionalisierung ländlicher Reiseregionen“. Dadurch sollen zum Beispiel auch der Paddelurlaub an der Müritz, die Wandertour durch den Harz oder die Auszeit auf den Ostseeinseln besser vermarktet werden.

Dem Urlauber heimische oder bisher weniger entdeckte Regionen schmackhaft zu machen, ist auch Teil des Studiums. Die Vermarktung über Webseiten oder Facebook, der klassische Reisekatalog oder der ausgefallene Abenteuertrip, der auf einer Messe vorgestellt wird: Welcher Weg den größten Erfolg verspricht, wird im Fach Marketingkommunikation geübt. Es gehört auch zu den Schwerpunkten des Studienangebots für den Bereich Tourismus an der EBC Hochschule (www.ebc-hochschule.de) am Campus in Berlin. Zudem müssen alle Studenten Praktika im In- und Ausland machen. Zu den beliebtesten Zielen gehören laut Hochschule Australien, Thailand, Frankreich und Irland. Das Studium kostet rund 4000 Euro pro Semester für den B.A.-Studiengang.

Immer beliebter wird auch der sogenannte sanfte Tourismus. Im Studiengang Nachhaltiges Tourismusmanagement an der Fachhochschule Eberswalde für Nachhaltige Entwicklung (www.hnee.de) lernen die Studenten, wie Urlaub und Erholung umweltverträglich geplant werden. In Praxisprojekten bauen die Teilnehmer Unternehmen auf, die nicht nur die Wirtschaftlichkeit im Blick haben, sondern auch die gesellschaftlichen Folgen, wenn der Tourismus Regionen ausbeutet. Pro Semester sind rund 40 Studenten eingeschrieben. Die Absolventen arbeiten für Veranstalter, für Umweltorganisationen, in Nationalparks oder in Verwaltungen für Naturschutzgebiete.

Kreuzfahrerin Katrin Henschel ist seit zwei Wochen zurück in Berlin. Den Kulturschock hat sie schnell überwunden und sich auch wieder an das trübe Wetter gewöhnt. Welchen Studiengang sie machen will, hat sie noch nicht entschieden. Doch sie will auf jeden Fall Tourismusprofi werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar