Wirtschaft : UPS will mit dem Börsengang seine Kriegskasse auffüllen

SUSANNE WESCH/HB

NEW YORK . Die UPS-Mitarbeiter sind begeistert: "Das ist genau das, was wir seit Jahren erhoffen", sagt der New Yorker Paketauslieferer Jason Vines. Seine Chefs im UPS-Hauptquartier in Atlanta haben sich entschlossen, zehn Prozent der Aktien an die Börse zu bringen. Vines und viele seiner Kollegen haben großes Interesse daran, daß ihr Arbeitgeber an die New Yorker Börse geht: Sie gehören zu den rund 150 000 Eigentümern von United Parcel Service of America.Der Konzern - nach eigenen Angaben weltgrößter Zusteller von Paketen und Dokumenten - gehört seinen Mitarbeitern, Managern und Pensionären sowie einigen Stiftungen. Der Gigant operiert weltweit und beschäftigt 330 000 Mitarbeiter. Eine Flotte extra für UPS entworfener, schokoladenbrauner Fahrzeuge und eine eigene Fluggesellschaft ermöglichen die Lieferung über Nacht an fast jeden Ort der Welt. Die jetzigen Eigentümer sollen auch künftig über die Geschicke entscheiden.Die neuen börsennotierten Aktien werden sogenannte B-Aktien sein: Pro Aktie gibt es eine Stimme; jede alte A-Aktie der bisherigen Eigentümer vereinigt zehn Stimmrechte auf sich. Beide Aktienarten werden denselben Kurs haben. So werde ein Zehntel der Aktionäre nicht dem Unternehmen angehören, aber nur über ein Prozent der Stimmen verfügen. "Beim Entwurf unseres Plans haben wir sichergestellt, daß diese fundamentale Grundlage unseres Erfolgs erhalten bleibt", sagt James Kelly, Chief Executive Officer von UPS. Wer seine A-Aktien verkaufen will, muß sie zunächst in B-Papiere umwandeln. Das Stimmverhältnis wird sich somit nur langsam verändern. Bisher durfte ein Mitarbeiter seine Anteile nur an die Firma verkaufen - zu einem Preis, den der Vorstand alle drei Monate neu festlegt. Gegenwärtig zahlt UPS 47 Dollar je Anteil, was eine Marktkapitalisierung von 26,5 Mrd. Dollar ergibt. Analysten ist diese Summe zu niedrig. Der schärfste börsennotierte Konkurrent von UPS, die FDX Corp. mit ihrem Kurierdienst Fedex, erreicht ein Kurs/Gewinn-Verhältnis von knapp 22. Nimmt man diesen Wert für UPS als Leitlinie, so müßte dessen Marktkapitalisierung bei fast 40 Mrd. Dollar liegen. UPS würde beim Börsengang dann fünf Mrd. Dollar einnehmen, mehr als jeder andere Börsenneuling bisher.Mit einem Umsatz von fast 25 Mrd. Dollar und einem Gewinn von 1,7 Mrd. Dollar im Jahr 1998 übertrumpfte UPS den Konkurrenten FDX, der knapp 17 Mrd. Dollar umsetzte und 631 Mill. Dollar Gewinn verbuchte. FDX bewegt mit 150 000 Mitarbeitern 3,1 Mill. Sendungen täglich; UPS schafft mit etwas mehr als doppelt so vielen Leuten dreimal so viele Lieferungen. In den vergangenen Jahren hat sich UPS nach Europa, Lateinamerika und Asien ausgebreitet. Außerdem hat der Paketdienst das durch sinkende Lagerhaltung enorm zugenommene Logistik-Geschäft für sich entdeckt. Vor allem in den USA ist die Wirtschaft stark von kurzfristigen Lieferungen abhängig. Wie gefährlich das sein kann, erfuhren die Unternehmen vor zwei Jahren. Damals legten 202 000 UPS-Mitarbeiter 15 Tage lang die Arbeit nieder. Sie verlangten, daß Teilzeitarbeiter eine volle Arbeitsstelle erhielten. Der Grund: Drei Fünftel aller Beschäftigten von UPS waren inzwischen Kurzzeitkräfte, die weniger als die Hälfte ihrer vollbeschäftigten Kollegen verdienten, meist weder kranken- noch altersversichert waren. Der Konzern gilt als nicht zimperlich im Umgang mit gewerkschaftlich organisierten Mitarbeitern.Den Börsengang begründet UPS-Chef Kelly mit der Notwendigkeit, sich gegen Wettbewerber wie Fedex und DHL Corp. zu behaupten. Analysten erwarten, daß der Konzern auf Einkaufstour geht - vor allem in Europa. Obwohl die Kriegskasse mit drei Mrd. Dollar gut gefüllt ist, fehlt eine wichtige Währung für Fusionen: Aktien. "Wir glauben, daß wir diese Flexibilität brauchen, um ein weiteres Instrument zur Verfügung zu haben, sollten wir uns für strategische Akquisitionen entscheiden", sagt Kelly. Interessant seien auch Unternehmen, die im Online-Handel aktiv sind. Darauf spekulieren die Analysten: Kurse von Aktien, die die Investoren mit dem Internet in Verbindung bringen, stiegen nahezu ungebremst. FDX etwa legte 1998 um 47 Prozent zu, nachdem klar war, daß Fedex die im Netz gekauften Waren verteilt. UPS rechnet sich hier noch bessere Chancen aus. Nach Berechnungen der Marktforschungsagentur Zona Research, San Francisco, bringen die braungekleideten Lieferanten 55 Prozent aller Waren, die via Internet verkauft werden, zum Endverbraucher.

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